Ruzicka-Prozess: Hauptangeklagter zieht Zeugenaussagen in Zweifel

Mittwoch, 05. November 2008
Aleksander Ruzicka (re.) und David Linn (Bild: pdh-Foto / Wolfgang Hörnlein)
Aleksander Ruzicka (re.) und David Linn (Bild: pdh-Foto / Wolfgang Hörnlein)

Auch beim heutigen Verhandlungstag im Untreue-Prozess gegen die beiden früheren Aegis-Manager Aleksander Ruzicka und David Linn stand die Befragung des Hauptangeklagten im Mittelpunkt. Ruzicka stellte auf Nachfrage des vorsitzenden Richters Jürgen Bonk die Zusammenarbeit von Aegis Media mit der Agentur ZHP dar. Dabei schilderte er noch einmal die Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwischen den beteiligten Firmen Carat, ZHP und Camaco. Die laut Ruzicka von Camaco für ZHP erbrachten Beratungsleistungen wurden mit einem monatlichen Honorar von 80.000 Euro vergütet. Diese wurden aber nicht regelmäßig jeden Monat bezahlt, sondern je nach Liquidität von ZHP. Dabei erklärte Ruzicka vor Gericht, dass ZHP-Chef Reinhard Zoffel bestimmen konnte, wann Camaco welchen Betrag in Rechnung stellen konnte.

Diesen eher ungewöhnlichen Vorgang begründete Ruzicka damit, dass die Geschäftsbeziehung einen "entformalisierten" Charakter gehabt habe. Auf die Entgegnung von Richter Bonk, dass Zoffel bei seiner Zeugenvernehmung ausgesagt hatte, die Zahlungsmodalitäten seien von Ruzicka vorgegeben worden, sagte der Hauptangeklagte: "Die Zusammenarbeit ist von ihm hier anders dargestellt worden als sie tatsächlich gelebt wurde." Zoffel habe seine Rolle viel passiver dargestellt als in der Praxis. "Er ist uns gegenüber mit großen Selbstbewusstsein aufgetreten", so Ruzicka.

Ebenfalls Zweifel äußerte der 47-Jährige an den Darstellungen von Zoffels früherem Partner Volker Hoff, der heute als Europaminister in der geschäftsführenden hessischen Landesregierung sitzt. Hoff hatte sich bei seiner Zeugenbefragung nur an wenige Details erinnert und beispielsweise von "gefühlten Größen" gesprochen, als es um konkrete Rechnungssummen ging. "Ich weiß nicht, ob das ein eingeschränktes Erinnerungsvermögen war oder ein bewusstes Nichts-Sagen-Wollen", so Ruzicka. Hoff habe sicherlich mehr sagen können, als er das vor Gericht tat. So sei er beispielsweise bei dem Kunden Duales System Deutschland der Hauptansprechpartner gewesen. Auch in die von Aegis und ZHP geplante Gründung der Arbeitsgemeinschaft Politische Kommunikation sei er involviert gewesen - wie angeblich auch Ruzickas Nachfolger Andreas Bölte.

Aleksander Ruzicka zur Aussage von Volker Hoff:  Ich weiß nicht, ob das ein eingeschränktes Erinnerungsvermögen war oder ein bewusstes Nichts-Sagen-Wollen“
Ohnehin sei innerhalb der Leitungsebene von Aegis beziehungsweise Carat die Zusammenarbeit zwischen ZHP und Camaco bekannt gewesen. So habe es bei der Wiesbadener Mediaagentur eigens ein Posteingangsfach für Camaco gegeben. Allen Verantwortlichen sei klar gewesen, dass es sich bei Camaco um ein "privates Vehikel" für Nebentätigkeiten einzelner Führungskräfte gehandelt habe. Dies gelte auch für die Konzernzentrale in London. Dort hätten mehrere führende Manager über solche Konstruktionen Nebentätigkeiten ausgeübt.

Als ebenfalls unglaubwürdig stellte Ruzicka die Aussagen der Hauptbelastungszeugin Manuela R. dar. Die frühere Einkaufsmanagerin von Aegis Media hatte die Anklage in wesentlichen Punkten bestätigt und ihren früheren Vorgesetzten schwer belastet. Gegen sie ist mittlerweile ein Strafbefehl wegen Beihilfe zur Untreue rechtskräftig. Ruzicka sagte auf die Frage, warum sich Manuela R. selbst belastet habe, dass dies aus seiner Sicht auf Druck der Staatsanwaltschaft geschehen sei. Für ihn habe sie lediglich in der Nachfolge der früheren Einkaufschefin Claudia Jackson vom Arbeitgeber genehmigte Nebentätigkeiten ausüben wollen.

Am Nachmittag stellte sich Ruzicka dann den Fragen von Staatsanwalt Wolf Jördens. Auf dessen Nachfrage unterstrich der Hauptangeklagte, dass die Buchhaltung von Aegis und Carat in Bezug auf die Firma Emerson FF jederzeit transparent und auch für Außenstehende nachvollziehbar war. Die Staatsanwaltschaft wirft Ruzicka und weiteren Beschuldigten vor, insgesamt 51,2 Millionen Euro bei ihrem früheren Arbeitgeber veruntreut zu haben. Davon sollen laut Anklage 41 Millionen Euro über Emerson FF abgeflossen sein. Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt. Dann liegt das Fragerecht erneut bei der Staatsanwalltschaft. mam

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