Ruzicka-Prozess: Dritter Versuch, der Untersuchungshaft zu entkommen

Mittwoch, 04. Februar 2009
Strafverteidiger Marcus Traut (l.) reicht für Aleksander Ruzicka erneut Haftbeschwerde ein
Strafverteidiger Marcus Traut (l.) reicht für Aleksander Ruzicka erneut Haftbeschwerde ein

Zum mittlerweile dritten Mal ersucht Strafverteidiger Marcus Traut die hessischen Gerichte, seinen Mandaten Aleksander Ruzicka aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Als Grund für die Haftbeschwerde wird erneut die Überlänge des Verfahrens angeführt, da der ehemalige Aegis-Manager seit dem 24. Oktober 2006 einsitzt. Die Wirtschaftsstrafkammer am Wiesbadener Landgericht hat die Haftbeschwerde bereits abgelehnt. Diese wird nun von der übergeordneten Instanz, dem Frankfurter Oberlandesgericht (OLG), entschieden. Die vorherige Haftbeschwerde wurde vom OLG unter anderem wegen Fluchtgefahr abgelehnt.

Prozessbeobachter rechnen dieses Mal mit einer schnellen Entscheidung, die wohl schon in der kommenden Woche fallen könnte. Sie wird davon abhängig sein, ob die Wirtschaftsstrafkammer am Wiesbadener Landgericht die Beweisaufnahme nächsten Montag abschließt.

Das Strafverfahren gegen Ruzicka und den einstigen Aegis-Manager David Linn läuft seit dem 15. Januar 2008. Die Angeklagten sollen 51,2 Millionen Euro bei ihrem früheren Arbeitgeber veruntreut haben. Das Gericht hat bereits vor zwei Wochen angedeutet, dass „ein Ende der Sachaufklärung in Sicht ist“.

Ob es tatsächlich bald zu einem Urteil kommt, hängt nicht zuletzt vom weiteren Agieren von Ruzickas Verteidigung ab. Sein Anwalt Traut hat bereits neue Beweisanträge angekündigt. Beobachter sehen in dieser Ankündigung einen Widerspruch zur neuerlichen Haftbeschwerde, da durch die Anträge der Prozess weiter in die Länge gezogen wird. Mit einem Urteil wird gegen Ende des 1. Quartals oder Anfang April gerechnet.

Der frühere Einkaufschef David Linn kann dabei wohl mit einer Bewährungsstrafe und einer Geldbuße rechnen, da er geständig war und sich bereits mit Aegis auf die Rückzahlung der veruntreuten Gelder verständigt hat. Ruzicka drohen indes bis zu 15 Jahre Haft.

Außerdem erwarten ihn noch ein Zivilprozess, in dem Aegis 20 Millionen Euro von ihm zurückverlangt und ein Steuerstrafverfahren. In dem Zivilprozess kann keine Haftstrafe verhängt werden, sehr wohl aber in dem Steuerstrafverfahren - allerdings nur, wenn im Strafprozess nicht die Höchststrafe ausgesprochen wird. Dieser Prozess würde ebenfalls vor der Sechsten Strafkammer am Wiesbadener Landgericht unter dem Vorsitz von Richter Bonk verhandelt werden.

Das gilt auch für die möglichen Verfahren gegen Heinrich Kernebeck und den Wiesbadener Anwalt W. Der Agenturmitbegründer Kernebeck wurde wie Ruzicka und Linn von der Staatsanwaltschaft der Untreue in 86 schweren Fällen beschuldigt. Das Landgericht lehnte es allerdings ab, das Verfahren gegen ihn zu eröffnen. Dagegen legte die Wiesbadener Staatsanwaltschaft Beschwerde beim OLG ein, dessen Entscheidung seit mehr als einem Jahr aussteht.

Das Verfahren gegen den Rechtsanwalt W. wegen Beihilfe zur Untreue wurde von vorne herein vom Ruzicka-Prozess abgetrennt. Offen ist bislang auch, wie es mit der Beschuldigten Claudia Jackson weitergeht. Ihr Versuch sich mit der Staatsanwaltschaft hinter den Kulissen zu einigen, ist offenbar fehlgeschlagen. ejej
Meist gelesen
stats