Ruzicka-Prozess: Aktenvernichtung bei Emerson

Dienstag, 23. September 2008
Die Angeklagten Aleksander Ruzicka (r.) und David Linn
Die Angeklagten Aleksander Ruzicka (r.) und David Linn

Im Untreueprozess gegen die früheren Aegis-Manager Aleksander Ruzicka und David Linn sagte am heutigen Dienstag ein ehemaliger Mitarbeiter der Bonner Barterfirma Emerson aus. Er sollte sich zu den Vorgängen rund um den Ableger Emerson FF äußern. Über Emerson FF und die mutmaßlichen Tarnfirmen Camaco und Watson sind nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft 42 Millionen Euro aus dem Vermögen von Aegis Media abgeflossen. Insgesamt geht es in dem Verfahren um eine Schadenssumme von 52 Millionen Euro.

Der Zeuge Holger G., der sich Emerson um das Rechnungswesen und das Controlling gekümmert hatte und später zur rechten Hand von Firmenchef Joachim L. aufstieg, sagte aus, dass Emerson FF "für uns Mitarbeiter in Bonn eine Black Box war". Die Buchhaltung und die Verwaltung der Unterlagen habe in den Händen eines Steuerbüros in Köln gelegen.

Er selbst habe Emerson FF nur vage aus den Erzählungen seines früheren Chefs gekannt. Ihm habe sich die Gründung der Firma als Versuch dargestellt, eine neues Modell zur Generierung von Werbezeiten zu etablieren, die dann an Kunden verkauft werden sollten. Die entsprechenden Werbezeiten seien seiner Kenntnis nach von den Firmen Camaco und Watson akquiriert worden. Das habe er anhand von Rechnungen nachvollzogen. Diese Werbezeiten seien dann von Emerson FF "eins zu eins" an Aegis Media weiterverkauft worden.

 Laut Auskunft des Zeugen war ihm die Kooperation von seinem früheren Chef Joachim L. damit erklärt worden, dass man gemeinsam mit Aegis Media ein europaweites Barternetzwerk aufbauen wollte.

Für die Vermittlung der Werbezeiten habe Emerson FF pro Kunde und Jahr eine Provison in Höhe von 50.000 Euro bezogen. Insgesamt seien so 1,2 Millionen Euro bei der Bonner Firma hängen geblieben.

Dass die bei Camaco und Watson eingekauften Werbezeiten aus dem Freispotkontingent der Agentur stammen mussten, habe sich dem Zeugen erst später erschlossen. "Das war die einzig logische Erklärung für die Herkunft der Spots, weil es keine Belege der Sender gab" - stattdessen aber Faxmitteilungen von der früheren Aegis-Geschäftsführerin Claudia Jackson, in denen diese nachträglich die Spotvolumina aufführte.

Der Verdacht, dass bei diesen Geschäften nicht alles mit rechten Dingen zuging, konnte dem Zeugen spätestens Ende 2005 / Anfang 2006 kommen. Damals wurde er nämlich von Joachim L. aufgefordert, alle Unterlagen zu vernichten, die Emerson mit Aegis und den Firmen Camaco und Watson in Verbindung brachten. "Wir hatten einen ganzen Container mit Akten bei uns im Hof", so der Zeuge. Sogar eine Computerfestplatte wurde ausgebaut und verbrannt. Gleichzeitig wurden laut Holger G. die Rufnummern von Ruzicka aus dem Telefonapparat seines Chefs gelöscht. Zudem habe Joachim L. seitdem "zeitnah seinen Terminkalender geschreddert".

Erfolgt sei dieser Schritt, nachdem ein früherer Mitarbeiter der Emerson-Gruppe sich an Ruzicka gewendet habe. Beobachter mutmaßen, dass es in diesem Zusammenhang auch zu einem Hinweis auf mögliche Ermittlungen gekommen sein könnte. Die Abhängigkeit der Emerson-Gruppe von Aegis soll zum damaligen Zeitpunkt sehr hoch gewesen sein. Laut Auskunft des Zeugen liefen 90 Prozent des vermittelten Bartergeschäfts über Aegis beziehungsweise Kunden der Mediaagenturgruppe.

Zur Sprache kam heute vor Gericht auch der Ankauf einer mehr als 700.000 Euro teuren Uhr im Jahr 2003. Diese wurde Holger G. zufolge von der Firma Connexio in Wien gekauft. Sie wird ebenfalls dem Kreis der mutmaßlichen Tarnfirmen zugerechnet. Über die Zwischenschaltung von Emerson FF sei die Uhr letztlich Aegis in Rechnung gestellt worden - getarnt als Beratungsleistung. Wo die Uhr gelandet ist, konnte der Zeuge nicht mit Sicherheit sagen. Ihm sei aber von der Steuerfahndung und dem heutigen Aegis-Chef Andreas Bölte erzählt worden, dass Ruzicka die Uhr getragen hätte.

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. Dann soll Holger G. von der Verteidigung des Hauptangeklagten befragt werden. Außerdem ist eine Video-Vernehmung des weltweiten Chefs von Aegis Media Jerry Buhlmann vorgesehen. mam

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