Roland Berger: Werbung verbreitet zu oft Märchen und zu selten Wahrheiten

Mittwoch, 19. Juni 2013
Roland Berger (l.) mit Nordpol-Co-Gründer Lars Rühmann
Roland Berger (l.) mit Nordpol-Co-Gründer Lars Rühmann


Es war eine Nachricht, die aufhorchen ließ: Kurz nachdem Anfang April bekannt wurde, dass Nordpol nicht an Publicis verkauft wird, präsentierte die Hamburger Agentur den Unternehmensberater Roland Berger als neuen Gesellschafter. Mit ihm als Anteilseigner (20 Prozent) will Nordpol das eigene Angebot weiter ausbauen. Wie man dabei die auf den ersten Blick schwer kompatiblen Welten zusammenbringen, erklären Berger und Agentur-Co-Gründer Lars Rühmann im Exklusivinterview mit HORIZONT.

Herr Berger, Sie gelten nach wie vor als Deutschlands einflussreichster Unternehmensberater. Was bewegt Sie, bei einer Werbeagentur einzusteigen?
Roland Berger: Meine Vorliebe für kreatives Marketing, die ich schon lange pflege. Als ich mich 1967 als Berater selbstständig gemacht habe, war die Agentur Dorland einer meiner ersten Klienten. Die Firma Roland Berger hat ja als reine Strategie- und Marketingberatung angefangen. Außerdem gehe ich als Privatmann immer wieder Beteiligungen ein. Und zwar überall dort, wo ich ein spannendes Geschäftsmodell und eine erfolgversprechende Zukunft sehe.

Sie bescheinigen Werbeagenturen eine rosige Zukunft? Das hören Werber außer in ihren Selbstanfeuerungen selten.
Berger: Ich spreche nicht allgemein über Werbeagenturen, sondern konkret von der Agentur Nordpol, die ja keine klassische Werbeagentur ist, sondern schon seit ihrer Gründung als übergreifend agierende Kreativagentur aufgestellt ist. Da bin ich in der Tat sehr optimistisch. Sonst würde ich mich nicht engagieren. Ich halte die Firma für ein spannendes Investment. Das gilt für ihr Tätigkeitsfeld, vor allem aber für die Menschen und die Werte, die Nordpol tragen.

Welche Werte meinen Sie?
Berger: Zum Beispiel Ehrlichkeit. Nordpol ist keine Agentur, die alles schönredet. Sie sagt nur Gutes über ein Produkt oder eine Marke, wenn es auch Gutes zu sagen gibt, selbst wenn sie damit ein höheres Risiko eingeht. Das gefällt mir. Das Problem von Werbung ist doch, dass sie zu oft Märchen und zu selten Wahrheiten verbreitet. Darum geht es aber bei guter Kommunikation und nicht um möglichst dicke Schminke.

Herr Rühmann, dieses Statement könnte von Ihnen sein, oder?
Lars Rühmann: Da haben Sie recht. Ich glaube, es gibt tatsächlich eine Art Seelenverwandtschaft. Ich habe Herrn Berger auch von Anfang an als wahnsinnig inspirierenden und kreativ getriebenen Menschen kennengelernt. Es ist eine Ehre für uns, ihn als Ratgeber und Gesellschafter an unserer Seite zu haben.



Was genau erwarten Sie von ihm: Rat in strategischen Fragen, das Öffnen von Türen in die Industrie und womöglich das Geld, das Sie für den Ausbau Ihres Angebots brauchen? Immerhin haben Sie sich ja gegen einen Verkauf an Publicis entschieden.

Rühmann: Ihre Bemerkung setzt voraus, dass wir den Plan hatten, die Agentur zu verkaufen. Das war aber nicht der Fall! Mit Herrn Berger haben wir eine fantastische Konstellation, die uns ermöglicht, die Reise anzutreten, die wir schon lange starten wollen.

Wohin soll's denn gehen?
Rühmann: Die Richtung, die wir eingeschlagen haben, ist ja schon seit 2009 mit der Gründung von Interpol abzulesen. Nun werden wir noch einen Schritt weitergehen. Ich bitte aber um Verständnis, dass wir jetzt noch nichts Detailliertes dazu sagen wollen. Wir werden das Modell im September vorstellen. An dieser Stelle nur so viel: Es geht darum, unsere Klaviatur zu erweitern und nicht darum, eine große internationale Firma zu werden sondern um den qualitativen Ausbau und die Vertiefung des inhaltlichen Angebots. Das Schöne dabei ist, dass wir uns dazu jetzt auch den Rat von Herrn Berger einholen können.

Herr Berger, was raten Sie Ihrer neuen Beteiligung? Bislang stand Nordpol immer dafür, Wachstum abzulehnen. Ist das aus Ihrer Sicht als Gesellschafter und Unternehmensberater die richtige Strategie?
Berger: Ich engagiere mich als Gesellschafter bei Nordpol aus Sympathie und Interesse, und nicht weil ich Millionen aus diesem Investment herausholen will. Natürlich will ich mein Geld auch nicht verlieren, aber die Gefahr sehe ich nicht. Als Berater sage ich: Am unbequemsten sitzt man zwischen den Stühlen. Mittelpositionen sind der Tod. Je mächtiger globale Konzerne werden, desto wichtiger werden auch die kreativen Spezialisten. Strategisch wäre es völlig falsch, Nordpol auf Teufel komm raus auf Wachstum zu trimmen. Die Seele von Nordpol muss bleiben: Qualitätsorientierung, Professionalität, Kreativität.

Das geht nur in der Unabhängigkeit?
Berger: Ich glaube, dass die Unabhängigkeit von Nordpol ein ganz wichtiger Faktor ist, weil die Agentur dann besser performt. Aufgrund der Strukturen und Regelwerke, die in großen Werbekonzernen herrschen, würde es schwierig, das Qualitätsniveau zu halten. Es mag ein paar Beispiele geben, wo Boutique-Agenturen auch in größeren Strukturen funktionieren. Das sind aber Ausnahmen.

Exklusiv für Abonnenten

Exklusiv für Abonnenten
Das vollständige Gespräch lesen Sie in HORIZONT-Ausgabe 25/2013 vom 20. Juni.

HORIZONT abonnieren
HORIZONT E-Paper abonnieren
HORIZONT for iPad beziehen


Hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Nordpol nicht zum Verkauf steht, oder gibt es immer noch Avancen?

Rühmann: Das interessiert uns nicht, unsere Meinung dazu ist ja bekannt. Ich kenne kein Modell, das mit unseren Grundwerten kompatibel wäre. Die einzige Option, die wir uns theoretisch vorstellen könnten, wäre eine Lösung wie vor ein paar Jahren bei Droga 5. Aber das ist momentan überhaupt kein Thema.
Interview: Mehrdad Amirkhizi

Meist gelesen
stats