Offener Brief an den ADC: „Achtung, die Deutschen kommen“

Mittwoch, 29. November 2006
Muss das sein? Eidgenossen
unter den Fittichen des deutschen Adlers, fragt A. Hostettler
Muss das sein? Eidgenossen unter den Fittichen des deutschen Adlers, fragt A. Hostettler

Mehr Aufmerksamkeit sucht der ADC Deutschland mit der Initiative "Das kreative Deutschland". Dazu gehört unter anderem die Öffnung des Wettbewerbs für Arbeiten aus Österreich und der deutschsprachigen Schweiz. Zumindest in der Schweiz ist man aufmerksam geworden: Andy Hostettler, Chief Executive Officer der Zürcher Agentur JWT+H+F (www.jwthf.ch), macht seinem Unmut über die Öffnung des deutschen ADC-Wettbewerbs in einem offenen Brief Luft:

"Mein Vater stand damals im Pruntruter Zipfel mit dem Karabiner in der Hand, um zu verhindern, dass das passiert. Jetzt dürfen wir den Deutschen „ännet“ der Grenze eins auf die Mütze geben. „Schlagt die Deutschen daheim“ titelt die Einladung des ADC Deutschlands. Er fordert die Kreativen der Schweiz auf, sich beim Berlin Festival mit den gleichsprachigen Kollegen zu duellieren.

Ein unsinniges Anliegen, wie wir meinen. Denn dabei werden Ruebli mit Karotten verglichen oder Rande mit Rote Bete, Rahne, Rauna, Rana oder Rohne. Es gibt zwar einen großen deutschsprachigen Raum mit hunderten von Dialekten und teilweise komplett verwirrlichen Begriffen für ein und dasselbe, aber es gibt ganz sicher keine einheitliche deutschsprachige Kultur. Zumindest keine, wo die Schweiz dazugehört.

Da effektive Werbung jedoch ein kulturelles und nicht nur sprachliches Verständnis antizipieren muss, ist die Jurierung von Schweizer Werbung durch Deutsche in Berlin zum Vorneherein eine Totgeburt. Und sie läuft komplett an den Zielen des ADC Schweiz vorbei: Dieser möchte nämlich das Ansehen, die Wirkung und die Qualität der Werbung in unserem polykulturellen Land verbessern. Damit ist er im Übrigen bereits einen Schritt weiter als der ADC Deutschland, der noch keine Abkehr von der reinen, selbstbeweihräuchernden Awardshow postuliert hat.

Es würde auch keinem Schweizer was nützen, wenn er in Deutschland gewinnen würde. Denn Deutschland ist schlicht der falsche Maßstab. Sucht man nämlich internationales Renommee, dann müssen wir – genau wie die Deutschen – gegen Großbritannien, die USA, Brasilien, Spanien, Portugal und Asien bestehen können. Nur so kommen weitere internationale Mandate nach Zürich, Genf, Bern, Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf oder München.

Es gibt für die Helvetier also keine ökonomischen Gründe, den ADC Deutschland zu unterstützen. Weil eine allfällige Auszeichnung in Berlin weder global, noch in der Schweiz zur Kenntnis genommen wird. Selbstverständlich werden einige eitle Schweizer Kreative trotzdem mitmachen. Und der ADC Deutschland wird auch eine gute Anzahl davon gewinnen lassen, damit das nächste Mal noch mehr Arbeiten eingereicht werden. Letztlich bleibt das Ganze aber ein leicht durchschaubares, bauernfängerisches Marketinginstrument.

Wenn Ihr wirklich dringend Kohle braucht, liebe Kollegen und Kolleginnen in Deutschland, dann bewerbt Euch weiter bei uns, wir wissen zu schätzen, was Ihr könnt und unser Boot ist noch nicht ganz voll. Oder schnappt Euch einen Teil der Kohäsionsmilliarde, die wir der Europäischen Union demnächst überweisen werden. Sie ist zwar für den neuen Osten gedacht, aber da habt Ihr ja auch noch Löcher zu stopfen. Wir werden allfällige Profite mit einer großen Performance sicher bei unseren Banken anlegen."

Andy Hostettler
Meist gelesen
stats