Nordpol-Kreativchef Lars Rühmann: "Mich nervt diese Doppelmoral"

Freitag, 30. November 2012
Lars Rühmann bezieht Stellung (Foto: Nordpol)
Lars Rühmann bezieht Stellung (Foto: Nordpol)

Lars Rühmann gibt nur selten Interviews. Für die HORIZONT-Serie "Deutschlands beste Kreative" hat der Co-Gründer der Hamburger Agentur Nordpol eine Ausnahme gemacht. In dem Gespräch nimmt er unter anderem Stellung zur aktuellen Debatte um Awards und erläutert, warum sich seine Agentur bereits 2009 von Wettbewerben zurückgezogen hat. "Nachdem wir viermal an der Spitze des deutschen Cannes-Rankings gestanden haben, ... mussten wir feststellen, dass viele andere Agenturen angefangen hatten, ganze Award-Produktionsmaschinerien zu installieren, um schnell Punkte mit ausgedachten Aufträgen einzusammeln", sagt Rühmann. Es sei aber etwas völlig anderes, exzellente Arbeiten im Auftrag und Alltag zu realisieren. "Dieses Grundgesetz hatte uns allen eigentlich Jean-Remy von Matt seit den 90er Jahren mit auf den Weg gegeben. Dieser Wert ist dann irgendwann verloren gegangen", so Rühmann.

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Das vollständige Interview mit Lars Rühmann, in dem er sich auch zu Gesprächen mit Publicis über eine engere Kooperation äußert, lesen Sie in HORIZONT-Ausgabe 48/2012 vom 29. November.

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An eine durchgreifende Änderung der aktuellen Award-Situation glaubt der 45-Jährige offenbar nicht - trotz wortreicher Erklärungen von anderen Agenturen, dass sie das Spiel nicht mehr so mitmachen wollen wie bislang. "Entscheidend sind die Taten, nicht die Sprüche. Insofern bin ich mal gespannt, was am Ende wirklich passiert", sagt Rühmann. Um als Branche attraktiv für den Nachwuchs zu sein, müsse man Grundwerte und den Anspruch vermitteln, etwas Originäres zu kreieren. Viele Kampagnen würden dagegen so entstehen, dass sich Werber an etwas anderes dranhängen "oder sogar dreist klauen - aus Kunst, Film und Journalismus", findet Rühmann. "Viel zu oft kommen solche Nachahmer in den Agenturen damit durch und werden sogar bei Festivals ausgezeichnet."

Energisch zur Wehr setzt er sich gegen den von DDB-Kreativchef Amir Kassaei erhobenen Vorwurf, auch der hochdekorierte "Wind"-Film von Nordpol sei eine typische Goldidee ohne Substanz. Rühmann räumt zwar ein, dass der Spot proaktiv, also ohne Kundenauftrag, entstanden ist. Aber: "Alles andere, was Herr Kassaei über diesen Film und damit über Nordpol rausgehauen hat, ist die Unwahrheit." So habe der Kunde vorher alles freigegeben und inklusive der Produktion bezahlt. Und der Kreative, der angeblich mit dem Film von Agentur zu Agentur getingelt sei, sei Rühmanns Bruder Björn, mit dem Nordpol seit vielen Jahren eng zusammenarbeite.

Auf sein Verhältnis zu Kassaei angesprochen, sagt der Nordpol-Kreativchef: "Mal abgesehen davon, dass wir uns persönlich so gut wie gar nicht kennen, sage ich es mal so: Mein Thema ist die Differenzierung, Herr Kassaei malt lieber schwarz-weiß. Er ist vor allem ein supererfolgreicher Fassadenkünstler. Was hinter der Fassade steckt, spielt für ihn offenbar weniger eine Rolle oder er will es übertünchen." Das Groteske sei, dass man sich in den Grundthesen sogar fast vollkommen einig sei. "Der Unterschied ist nur, dass wir auch danach handeln - ohne es an die große Glocke zu hängen. Er stimmt dagegen seit Jahren das große Relevanz-Lied an, ist in Cannes und bei anderen Wettbewerben aber vor allem mit Nischenarbeiten präsent gewesen. Mich nervt diese Doppelmoral." mam
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