Neue Ära bei Jung von Matt: Warum Peter Figge eine gute Wahl ist

Dienstag, 10. November 2009
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Kluge Unternehmensführer erkennt man daran, dass sie große Probleme dann lösen, wenn sie klein sind. Peter Figge davon zu überzeugen, seinen gut dotierten und hoch anerkannten CEO-Posten bei Tribal DDB zugunsten des vermutlich noch besser dotierten Vorstandssprecher-Amts bei JvM aufzugeben, ist eine kluge Entscheidung - für beide Seiten. Die letzten Wochen hatten nicht immer gute Nachrichten für Holger Jung und Jean-Rémy von Matt parat. Ende Juli hatten die beiden „Superstars der deutschen Werbung" (HORIZONT 30/09)) in einem denkwürdigen Interview über 18 Jahre Jung von Matt, ihr Verhältnis zu den großen Networks und die Nachfolgeregelung bei JvM geplaudert. Eine Woche später vermeldeten wir an dieser Stelle, dass der JvM-Manager Frank Lotze der Nachfolger von Anton Hildmann auf dem Chefsessel von BBDO Deutschland wird. Lotze sollte nicht der letzte Abgang bei Deutschlands Vorzeige-Agentur bleiben.


Es bestand, wie man so schön sagt, Handlungsbedarf. Zumal in der Agenturszene, Deutschlands Klatsch- und Tratschbranche Nummer eins, jeder gespannt auf die Reaktion der Unternehmensgründer wartete (und der eine oder andere sich hämische Kommentare nicht verkneifen konnte). Der Figge-Coup ist die richtige Antwort zur richtigen Zeit.



1) Peter Figge ist einer der klügsten Vordenker im Digitalbereich. Hier hat Jung von Matt großen Nachholbedarf. Sicher, bei den entsprechenden Awards glänzt Deutschlands langjährige Kreativagentur Nummer eins mit überzeugenden Arbeiten im Online- und Mobile-Bereich. Doch erfolgreiches Digitalgeschäft verlangt mittelfristig mehr als gute Online-Kreation. Was bei Figge oft übersehen wird: Er mag vielleich ein Digital-Evangelist sein. Er ist aber kein „Online-Fuzzi". Die „Horst Schlämmer"-Kampagne zeigt das eine Bild von Tribal DDB, der „Paul Potts"-Spot für die Deutsche Telekom das andere.
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2) Der HORIZONT-Mann des Jahres 2008 hat Tribal DDB zu einer Agentur geformt, die wegweisend für die gesamte Branche sein könnte. Integriert und medienübergreifend denken und arbeiten bei Tribal Kreative wie Berater, Flash-Programmierer und Community-Organizer. „Agenturen müssen kreative Unternehmensberater werden", fordern die beiden DDB-Chefs Tonio Kröger und Amir Kassaei seit geraumer Zeit: Tribal DDB ist - dank Figge - auf dem Weg dorthin. Jung von Matt dagegen gilt immer noch als Proto- und Idealtyp einer klassischen Werbeagentur, mit starken Kreativen, starken Beratern und starkem Planning. Figge muss die Kreativagentur JvM ins 21. Jahrhundert führen. Jean-Rémy von Matts Spruch von den Blogs als „Klowänden des Internets" war für einige Aufreger gut, aber eben auch reichlich old fashioned. Er erinnert an das Gejammer von Kunstkritikern Anfang des 20. Jahrhunderts, die angesichts der aufkommenden Fotografie das Ende der Malerei, Kunst, ja der abendländischen Zivilisation befürchteten. Wer im 21. Jahrhundert Menschen noch erreichen will, muss sich auch mit den vermeintlichen digitalen Klowänden beschäftigen - auch eine vornehme Kreativagentur wie JvM.


3) Peter Figge weiß sich durchzusetzen. Durchsetzungsvermögen wird er brauchen. Es gibt, wie in jedem Unternehmen, wo die langjährige Zugehörigkeit zum Clan identitätsstiftend wirkt, genügend Erbhöfe. Mit denen wird der neue Agenturchef umgehen müssen. Jung von Matt im Jahre 2012 - das wird, wenn Figge Erfolg hat, eine ganz andere Agentur sein als Jung von Matt im Jahre 2010. Aber keine schlechtere. vs
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