Michael Conrad über Walter Lürzer: "Er hat uns verändert und wachsen lassen"

Donnerstag, 21. April 2011
Michael Conrad arbeitete lange mit Walter Lürzer zusammen
Michael Conrad arbeitete lange mit Walter Lürzer zusammen

Nach Kurt Weidemann trauert die deutsche Kreativszene nun auch um Reinhard Siemes und Walter Lürzer. Für HORIZONT.NET erinnert sich Michael Conrad, President der Berlin School of Leadership, an seinen Kollegen und langjährigen Geschäftspartner Walter Lürzer. Walter Lürzer und ich sind nun Freunde seit 50 Jahren. Nach anfänglich leidenschaftlichen Schachpartien mit und ohne Brett - machten wir auch beruflich gemeinsame Sache. Von 1968 bis 1982. 14 Jahre. Zuerst als Kollegen und später als Partner. Ich glaube, ich kann sagen, ich kenne Walter gut. Übertreibungen ohne Bodenhaftung und Lobhudeleien, vor allem in eigener Sache, gingen ihm immer gegen den Strich, es sei denn, sie kamen verpackt, versteckt in Ironie, Witz, Humor. Es war nicht einfach, ihm ein Kompliment zu machen. Nun schießen sie über die Lippen. „Ein Held", „ein Großer", „ein Genie" sind die häufigsten seit Walters Ableben. Von Mitstreitern wie von Streitern, streitbar war er ja. Walter und Uli Wiesendanger, Gründer und Kreativchef der weltweiten Agentur TBWA, waren für eine gewisse Zeit „über Kreuz". Uli schrieb an Walters Todestag: „Lieber Michael, auch ich vermisse Walter.  Natürlich ist er mir ein paar Mal gegen den Strich gegangen. Aber das geschah immer mit bestechender (ouch!) Klarheit und immer mit Humor. Und drittens hatte er ja meistens recht.  Und so denke ich sehr, sehr gerne an ihn und bin sehr traurig. Lass uns ein bisschen öfter zusammenrücken. Ich melde mich." Danke Uli. „Lass uns öfter sehen", sagte auch Sir John Hegarty, unser ehemaliger Kollege bei TBWA.

Walter Lürzer prägte die  Kreativszene. Foto: Karl Michalski, Wien
Walter Lürzer prägte die Kreativszene. Foto: Karl Michalski, Wien
Walter war Hammerwerfer. Er studierte Ingenieur und Werbekaufmann. Begann als Kundenberater bei der IWG in Wien. Wechselte als Kontakter zu McCann Erickson in Frankfurt und schrieb dort die ersten Werbetexte für seinen Kunden Opel. Er wechselte zu Y&R in Frankfurt und hinterließ berühmte Kampagnen für Cointreau und Haig. 
Cointreau-Kampagne von Lürzer
Cointreau-Kampagne von Lürzer
Er wurde Creative Director bei Ogilvy in Frankfurt. Hinterließ auch dort vielfach ausge-zeichnete Kampagnen wie die für Lufthansa, Becel, Wasa, CD Seife. Er gründete 1972 TBWA mit einem provokanten Konzept: „Kreativ-Service" statt „Full Service", welches die Agenturlandschaft völlig veränderte und Kreativ-Agenturen stärkte. Einer der ersten Kunden,  Aral, nannte diese Form der Zusammenarbeit das „Bochumer Modell", die Idee wurde heiss diskutiert und nahm Fahrt auf, TBWA wurde zur schnellstwachsenden Agentur Deutschlands. Nur übertroffen von der 1975 folgenden Gründung von Lürzer, Conrad. Nach ein paar Monaten bereits schrieb ein Branchendienst: „Hängt die Wäsche weg, Lürzer, Conrad kommen." Und ein paar „Kampagnen des Jahres" später, Anfang 1979, publizierte die Fachzeitschrift „Der Kontakter" eine Umfrage unter 368 „Entscheidungsträgern der Werbewirtschaft", in der Lürzer, Conrad (LüCo-Werke, wie man damals sagte) die ersten Plätze bei „Außergewöhnliches kreatives Potenzial" und „Ungewöhnliche Werbekonzeptionen" belegte. Zweimal Platz 1, über dem Platz „Ideale Agentur". Die Agentur zählte zu diesem Zeitpunkt 95 Mitarbeiter. Menschen, die zu den Besten im Land gehörten. Menschen, die was tun wollten, nicht was sein wollten, Menschen wie er. Sie kamen bei ihm an erster Stelle, vor dem Kunden. HP Albrecht schrieb vorgestern im Nachruf des ADC: Der Kunde Fiat meckerte am Fiat-Chefkreativen Klaus Erich Küster herum, worauf  Walter dem Kunden klar zu verstehen gab: „Na gehen's, sagte er, da such ich mia lieber einen neuen Kunden, als wie so einen Kreativen zu finden." Später kreierten Küster und Kollegen die legendäre Fiat-Panda-Kampagne „Die tolle Kiste". Und heute, nach 35 Jahren, ist Fiat immer noch weltweiter Großkunde von Leo Burnett. Seine Idee, mit der amerikanischen Agentur Leo Burnett ab 1980 gemeinsame Sache zu machen, wurde ein Erfolg.  
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Auch wenn Walter zwei Jahre nach dem Zusammenschluss Lürzer, Conrad & Leo Burnett verließ, die Agentur hatte eine aussergewöhnliche DNA und wuchs in den kommenden Jahren bis über 450 Mitarbeiter.

1984 wurde Lürzer Verleger. Er gründete „Lürzer‘s Archiv" .  Bei meinen Reisen in entfernteste Länder gab es kaum einen Kreativen, der „Lürzer‘s Archiv" nicht auf dem Tisch gehabt hätte. In den Bewerbungsunterlagen der Kreativen wird immer wieder klar herausgestellt, wie oft Arbeiten von ihnen in dem Magazin erschienen sind. Lange hielt Walter es nicht aus ohne Agentur. Er kaufte 50 Prozent von Lowe Deutschland  für 1 D-Mark und sanierte die Agentur unter Lowe, Lürzer. Und dann, vor 20 Jahren, wurde Walter in sein Österreich zurückgezogen. Er übernahm an der „Angewandten" in Wien die Professur für „Grafik und Werbung" und schuf die berühmte „Lürzer Klasse", die erste Adresse für kreative Talente. Hammerwerfer, Ingenieur, Werber, Gründer, Unternehmer, Sanierer, Verleger, Professor, Erfolge ohne Unterbrechung über fast fünf Jahrzehnte.

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Welche Eigenschaften stecken dahinter? Walter hat nie den Bodenkontakt verloren, in einer Branche, die gerne abhebt. Er war im Prinzip drei Personen in einer. Der Unzufriedene. Der Visionär. Der Realisierer. Drei grundverschiedene Charaktere, die er vereinen konnte. Eine Ausnahme-Person, die zudem besessen und hartnäckig war. Aufgeben kannte er nicht. Er hatte die Geduld, ja liebte es, sich in komplexe Probleme zu vertiefen, er war stark in Analyse und Strategie, er dachte immer in Alternativen, er fokussierte das Realisierbare, er konnte intern und extern überzeugen, weil er selbst fest von der Validität seiner Überlegungen überzeugt war und so Vertrauen schuf - Glaubwürdigkeit. Den Hammerwerfer und den Ingenieur legte er nie ab. Er strebte nun intellektuelle Weiten an, setzte höhere Standards, legte die Messlatte immer wieder ein Stück höher. Und er bestand auf Qualität bis ins kleinste Detail. Da steckt ja auch Gott, im Detail, wie man sagt. Wenn er gut drauf war, war er die kreative Leichtigkeit in Person. Für eine Bosch Anzeige brütete ich tagelang über einem Bild, welches schön aufgereiht alle wesentlichen Zündkerzen zeigte, die Bosch je entwickelt hatte, inklusive der ersten Zündkerze der Welt für den Otto-Motor. Ich suchte verzweifelt nach einer guten Überschrift. Im Vorbeigehen sagte Walter, interessiert über das Bild schauend: "Die Geschichte des Automobils". Mit seinen Eigenschaften und seinem Anspruch hat er uns tief berührt, beeinflusst, wachsen lassen und verändert.

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Ich bin stolz, dass er mein Freund ist, der Freund unserer Familie und der Pate unseres Sohnes Philipp. Unser großer, genialer Held. Und der von vielen. Er ist Ehrenmitglied vom Creative Club Austria und vom deutschen Art Directors Club und hat 2009 von der deutschen „Wirschaftswoche" und dem Gesamtverband Kommunikationsagenturen seinen Platz in der „Hall of Fame der deutschen Werbung" bekommen. Bei einem der letzten Telefonate erzählte er von neuen Komplikationen seiner Krankheit. "Kopf hoch" sagte ich. „Ja wie denn Michel", lachte er durchs Telefon, "Kopf hoch? Aus dem Sarg raus?" Dein Humor, lieber Walter, sei gesegnet. Und Dein Kopf ist für die vielen, die Dich nun umarmen, nicht in den Sarg zu kriegen. 
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