Martin Pross: "Es ist Zeit, das ganze System zu hinterfragen"

Freitag, 05. Oktober 2012
Martin Pross, Kreativvorstand Scholz & Friends
Martin Pross, Kreativvorstand Scholz & Friends

Die Stimmung kippt. Nach Jung von Matt, die vorige Woche einen Teilausstieg bei Awards verkündet hat, zieht jetzt Scholz & Friends nach. Die Agentur will bis auf Weiteres gar nicht mehr an Kreativwettbewerben teilnehmen. Ihren Ausstieg verbindet die WPP-Tochter mit der Einladung an andere Agenturen, an einem runden Tisch gemeinsam Lösungen für eine Neubewertung des Award-Business zu suchen. Im Interview mit HORIZONT erläutert Kreativvorstand Martin Pross den Schritt von Scholz & Friends. Der Hutladen von Scholz & Friends ist quasi die Mutter aller Goldideen. Jetzt beklagen ausgerechnet Sie den Award-Irrsinn und wollen aussteigen. Warum?
Weil das System mit dem von vor zehn Jahren nicht mehr vergleichbar ist. Die Award-Maschinerie muss auf ein gesundes Maß zurückgestutzt werden. Die Arbeiten und die Menschen müssen im Mittelpunkt stehen, nicht Materialschlachten.

Muss man deshalb gleich ganz aussteigen?
Wir legen eine Denkpause ein. Während man auf dem Platz steht, kann man nicht über die Spielregeln nachdenken. Wir haben nichts gegen Wettbewerbe, wohl aber gegen deren Auswüchse. Das jetzige System nützt vor allem den Award-Veranstaltern. Heute gilt: Geld schießt Tore.

Warum reichen Sie dann nicht einfach weniger, vor allem aber echte Arbeiten ein?
Weil wir glauben, dass es an der Zeit ist, das ganze System zu hinterfragen. Das geht nur, wenn man nicht mehr mitmacht, am besten im Schulterschluss mit anderen Agenturen. Wir laden alle Interessierten zu einem runden Tisch ein, um zu überlegen, wie man wieder zu einer vernünftigen Bewertung kreativer Arbeit kommen kann.

Viele Agenturen stöhnen über das Kreuz mit den Awards, wenn es zum Schwur kommt, senden die meisten aber doch weiter ein. Glauben Sie, Sie kriegen die Kollegen diesmal ins Boot?
Mein Eindruck ist, dass es nicht mehr viele Fans des bestehenden Systems gibt. Insofern bin ich zuversichtlich, dass wir ins Gespräch kommen.

Keine Angst vorm Kartellvorwurf?
Nein. Es geht nicht um Absprachen, sondern um Ideen, wie wir ein für alle attraktiveres Bewertungssystem hinbekommen.

Würden Sie eigentlich auch ohne die Vorlage von Jung von Matt pausieren?
Wir finden es gut, dass Jung von Matt den ersten Schritt gemacht hat. Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, um ein Zeichen zu setzen. Und die Starken müssen vorangehen.

Hat Ihr Schritt auch etwas mit Sparauflagen von WPP zu tun – oder haben Sie gerade einfach nicht genug preiswürdige Arbeiten?
WPP ist zum zweiten Mal in Folge erfolgreichste Holding in Cannes geworden. Das wird man nicht, wenn man kein Interesse an Awards hätte. Was unsere Arbeiten angeht: Es tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, was wir 2013 nicht einreichen werden.

Was machen Sie mit dem eingesparten Geld, ebenfalls eine Akademie?
Die Kritik am Award-Unsinn führt bei uns nicht zu Übersprungshandlungen. Es gibt daher auch keinen Grund für Kompensationsgeschäfte. Wir werden uns etwas einfallen lassen, wie wir ohne die Aufmerksamkeit der Award-Shows unseren kreativen Highlights Geltung verschaffen. Das sind wir den Kreativen und nicht zuletzt unseren Kunden schuldig. Die fragen sich übrigens schon länger, was die Branche da eigentlich treibt.

Haben Sie keine Angst, dass Scholz & Friends unattraktiv für junge Talente wird? Für die sind Awards ein wichtiger Anreiz.
Hier müssen wir sehr sorgsam sein. Die größte Motivation und kreative Befriedigung muss aus der echten Arbeit für echte Kunden kommen. Der zufriedenste Kreative ist doch immer noch der, der seine besten Werke im wirklichen Leben sieht.

Wissen Sie schon, wann Sie wieder in den Award-Zirkus einsteigen werden?
Fest steht: Wir schließen das Award-Jahr 2012 ab und steigen dann aus. Die Denkpause ist zum Nachdenken da. Das Ergebnis ist offen.
Interview: Mehrdad Amirkhizi
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