"Leider geil"? Wenn Löwenjäger zu Partylöwen werden

Freitag, 22. Juni 2012
Stillleben: Bierflasche vor Strand
Stillleben: Bierflasche vor Strand

Party-Flashmobs am Strand, Gaffer-Flashmobs auf der Croisette. Die Cannes-Besucher feiern - vor allen Dingen sich selbst. Und am Mandala Beach begießen die Deutschen auf Einladung von WerbeWeischer und Studio Funk ihre Grand Prixs und Löwen. Auch wer nichts gewonnen hat trinkt mit. Cannes 2012 ist, wie jedes Jahr und trotz allem, „leider geil". Oder etwa nicht? Für Paare sind Partys normalerweise Gelegenheit, mit Freunden und Unbekannten Spaß zu haben und zu Chillen. Für Singles sind Partys idealerweise das Vorspiel, um mit einem Menschen unterschiedlichen oder gleichen Geschlechts eine, mehrere oder viele gemeinsame Nächte zu verbringen. Was in Frankfurt-Bornheim und Hamburg-Altona Gültigkeit hat, gilt auch an der Croisette - ergänzt um den Faktor Networking und Siegesrausch derjenigen, die einen Löwen gewonnen haben. Außerdem ist ist das Wetter hier besser und einen Strand gibt es auch. Auf der  Hotelseite der Croisette betteln Roma-Frauen um Geld, auf der Strandseite bettelt Partyvolk mit und ohne Einladung um Einlass.

"Sorry, next year"
"Sorry, next year"
Am Mandala-Beach haben WerbeWeischer und Studio Funk zur traditionellen German Beach Party eingeladen. Es gibt viel grünen Salat mit etwas wenig Dressing, Steaks und gutgekühltes Bier einer unbekannten Marke („Ethels 88"). Die Stimmung ist, wie könnte es angesichts der Löwenausbeute der Deutschen anders sein, gut. Der einzige Mensch, der arbeitet (neben der Bedienung) ist Klaus Funk von Studio Funk. Er ist mit Kamera auf Reportage-Tour.  Fußball interessiert nur wenige. Die Deutschen spielen ja erst heute. Und Fußball-Diva Ronaldo gegen Tschechien tun sich nur wenige Gäste an.

Unten am Strand tratscht man bei plätschernden Wellen und mittelmäßiger Musik über Business, Beziehungskram und den ersten Zahn seines Kinds.  Oben am Eingang macht sich Verzweiflung breit: Er (1,80 Meter, 85 Kilo, untrainiert) zum Mandala-Beach-Türsteher (2,10 Meter, 125 Kilo, Kampfkunst-Spezialist): „I have a ticket, let me in." Türsteher: „Sorry Sir, party is finished." Er: „Look at this guy. What's with him?" Türsteher: "Please Sir, party over." Keine Chance: Wer nicht auf der Gästeliste steht oder nicht locker, sondern verzweifelt guckt, kommt schwerer auf eine Strandparty als in den Berliner Tresor.

Guckst du?!
Guckst du?!
Zalando-Feeling á la Martinez: Alles so schön bunt hier
Zalando-Feeling á la Martinez: Alles so schön bunt hier
100 Meter weiter Richtung Martinez Bar bittet Ogilvy zum Tanz. Auch hier hat ist oben eine Art Flashmob gebildet. Der wundert sich, was auf der mit einem Ogilvy-roten Ballon dekorierten Tanzfläche passiert. Unten versuchen die Ogilvy-Leute, bei schlechtem Disco-Techno sich selbst und ihre Gäste bei Laune zu halten. Cannes-Juror und HORIZONT.NET-Blogger Ralf Schmerberg hat Recht: Es gibt kaum einen Ort auf diesem Planet, wo auf wenigen Quadratmetern so schlechte Musik gespielt wird wie in Cannes. Das beste Lied auf der wirklich netten WerbeWeischer-Party war „Shaft". Wie wollen Werber und Kreative das 21. Jahrhundert gestalten, wenn sie Musik aus den 70ern hören?

Die White Stripes der Martinez-Bar? Schön wär's
Die White Stripes der Martinez-Bar? Schön wär's
Vielleicht wollen sie das gar nicht, sondern einfach ihre Ruhe haben. Wer das will, ist bis zwei Uhr morgens in der Martinez-Bar am richtigen Platz.Innen säuselt ein Duo belanglose Barlieder. Draußen kann man entspannt und ohne Gedränge das nächste 12-Euro-Bier bestellen oder im Foyer die glitzernde Auslage bewundern.  Und wer dann noch nicht genug hat, kann weiterziehen, zur nächsten Party mit gut gekühltem Bier. vs
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