Kolle Rebbe im HORIZONT-Interview: "Wir wollen keine Knechte sein"

Freitag, 10. Mai 2013
Stefan Kolle (l.) und Stephan Rebbe (Foto: Kolle Rebbe)
Stefan Kolle (l.) und Stephan Rebbe (Foto: Kolle Rebbe)

Kolle Rebbe macht nicht beim Pitch des Bestandskunden Deka mit. Man verzichte auf die Verteidigung, weil man glaube, dass das neue Management der Fondsgesellschaft auch eine neue Agentur installieren will, teilt Kolle Rebbe mit. Die Hamburger Kreativen waren seit 1999 für Deka tätig. Damit hat Kolle Rebbe nach Bionade, "Stern", Otto und Warsteiner einen weiteren prominenten Auftraggeber weniger auf der Kundenliste. Im Interview mit HORIZONT erklären Stefan Kolle und Stephan Rebbe, wie sie damit umgehen und warum ihre Agentur nicht viel größer werden soll. Herr Kolle, Sie sind Bayern-Fan, Herr Rebbe, Ihr Herz schlägt für den HSV. Welchem Verein ähnelt Ihre Agentur derzeit mehr?
Stephan Rebbe: Wenn Ihre Frage suggerieren soll, dass der HSV ein Qualitätsproblem hat und nicht gut aufgestellt ist, dann sind wir zu 100 Prozent Bayern München. Unser Modell funktioniert sehr gut. Wir hatten 2012 eines der besten Ergebnisse unserer Agenturgeschichte.
Stefan Kolle: Ich bin extremer Bayern- Fan, vieles ist bei uns ganz anders, aber eines ist sehr ähnlich: Wir haben 20-mal hintereinander gewonnen und zuletzt dreimal verloren. Wenn der FC Bayern dreimal verliert, wird sofort alles infrage gestellt, vor allem von der Presse. Bei uns nicht. Hier steht die Welt nicht kopf, nur weil wir mal ein paar Etats abgeben.

Bionade, "Stern", Otto, Warsteiner, Deka das sind alles keine kleinen Fische, auf die man locker verzichten kann.
Kolle: Natürlich ist es immer schade, Kunden zu verlieren. Aber zur Einordnung: Warsteiner hat zuletzt 0,6 Prozent unseres Umsatzes ausgemacht. Bei Deka und "Stern" haben wir auf die Teilnahme am Pitch verzichtet. Otto haben wir tatsächlich nach zehn Jahren abgegeben. Erfreulicherweise sind wir von keinem der genannten Kunden wirtschaftlich abhängig. Wer unabhängig ist, schläft besser.

So viele Trennungen können doch kein Zufall sein. Hat sich die Agentur verändert - nicht zuletzt durch die Größe?
Kolle: In fast allen Fällen kann man klar sagen: Nicht wir haben uns gewandelt, sondern die Kunden. Entweder gab es neue Entscheider oder sogar neue Eigentümer wie bei Bionade. Da ist häufig großer Druck, schnell etwas zu ändern. Die Werbeagentur auszutauschen, ist leicht. Auf jeden Fall einfacher, als die internen Strukturen beziehungsweise das eigene Produkt auf den Prüfstand zu stellen. Im Unternehmen oder beim Vorstand kann man sich damit auch gut als Entscheider profilieren, der hart durchgreift.

Mit Verlaub, machen Sie es sich damit nicht ein bisschen zu einfach: An allem sind die bösen Kunden schuld?
Rebbe: Nein, natürlich nicht. Bestimmt haben auch wir uns verändert, schlicht und ergreifend, weil es der Markt erfordert. Die internationale Betreuung eines Kunden wie Lufthansa braucht andere Strukturen, Prozesse und Menschen als eine regionale Versicherungsmarke. Trotzdem hat Kolle Rebbe immer noch dieselben Grundwerte und Überzeugungen. An denen halten wir fest.

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Dennoch kann man den Eindruck gewinnen, dass Ihre Agentur zuletzt etwas Anziehungskraft verloren hat.
Rebbe: Das glaube ich nicht. Wir sind immer noch sehr erfolgreich für die Marken, die wir betreuen. Und es gibt viele Unternehmen, die das zu schätzen wissen. Das zeigen neue Etats wie Aktion Mensch, Arte und Pickup.de. Allerdings stellen auch wir uns die Frage, welche Angebote die Kundenbedürfnisse auch die der immer häufiger wechselnden Entscheider am besten befriedigen.

Und wie lautet Ihre Antwort?
Rebbe: Das ist in der Tat nicht so leicht. Häufig geht es um den ganz schnellen Erfolg. Den glaubt man manchmal vor allem mit lauter und schriller Werbung zu bekommen. Wir stehen eher für Substanz, für Arbeit, die richtig ist und auch richtig gut. Manchmal auch schrill. Auffallen des Auffallens wegen ist nicht unser Ding. Wir bleiben unserer Linie treu: bodenständig und substanziell wie ein Wiener Schnitzel. Das gibt es auch schon lange, schmeckt aber immer gut.

Wenn Sie weiter wachsen wollen, müssen Sie sich aber schon fragen, ob die Kunden nicht auch mal etwas anderes essen wollen als Wiener Schnitzel.
Kolle: Genau das ist ja der zentrale Punkt: Größe ist nicht immer ein Motor für Qualität. Wir haben für uns erkannt, dass wir mehr Freude haben, wenn wir unsere Kunden persönlich betreuen und eben nicht auf Teufel komm raus auf Wachstum setzen. Es gehört zu unserer DNA, selbst in der Küche zu stehen. Wir wollen kein System, bei dem die Führung vor allem dazu da ist, Zahlen zu managen und Checklisten auszufüllen.
Rebbe: Die Größe ergibt sich aus der Frage nach der Qualität nicht zuletzt der Beziehungsqualität. Für uns ist ganz wichtig, dass wir zu unseren Kunden passen und gern mit ihnen zusammenarbeiten. Wir müssen nicht bei jedem Pitch mitmachen und jedem Etat hinterherjagen. Zum Glück haben wir als Inhaberagentur diese Freiheit.

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Das vollständige Gespräch lesen Sie in HORIZONT-Ausgabe 19/2013 vom 10. Mai.

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Trotzdem werden auch Sie aufs Geschäft gucken müssen und nicht nur darauf, ob die Kunden nett sind.
Kolle: Doch! Wenn die Chemie nicht stimmt, kommt keine gute Arbeit und damit kein gutes Geschäft zustande. Positive emotionale Schwingungen zwischen Menschen sind auch im Geschäftsleben das oberste Gebot.

Das klingt leicht esoterisch.
Rebbe: Ist es aber nicht, sondern orientiert sich an einer einfachen psychologischen Erkenntnis: Das Ergebnis wird besser, wenn man sich in einer Atmosphäre gegenseitigen Respekts begegnet. In einem Herrschaftsverhältnis können keine guten Ideen gedeihen. Wer seine Agentur wie einen Knecht behandelt, nimmt auch dessen Arbeit so wahr. Das entspricht nicht unserem Verständnis einer guten Kunden-Agentur-Beziehung. Wir wollen keine Knechte sein.
Kolle: Dazu gehört auch, dass wir genau darauf achten, was zu den Kunden passt. Es hilft nichts, einem grauen Buchhalter einen rosa Prada-Mantel umzuhängen, in der Hoffnung, ihn cooler wirken zu lassen. Das hat keine Relevanz, weil es schnell dekodiert wird. Wir suchen nach Substanzlösungen. Deshalb haben wir auch so viele inhabergeführte Unternehmen auf der Kundenliste. Die denken eher langfristig, als hektisch eine laute Kampagne zu fordern, die von heute auf morgen wirken soll. Interview: Mehrdad Amirkhizi
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