"Katastrophales Krisenmanagement": Wie PR-Experten die Kommunikation des Bundespräsidenten bewerten

Donnerstag, 05. Januar 2012
"Eines Bundespräsidenten unwürdig": PR-Experten kritisieren Christian Wulff
"Eines Bundespräsidenten unwürdig": PR-Experten kritisieren Christian Wulff

Der Versuch von Bundespräsident Christian Wulff, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe im großen TV-Interview mit ARD und ZDF aus der Welt zu schaffen, ist aus Sicht der meisten Kommentatoren gründlich in die Hose gegangen. Doch wie beurteilen Krisen-PR-Experten den Auftritt von Christian Wulff? HORIZONT.NET hat bei führenden Kommunikations-Managern nachgefragt. Die PR-Experten gehen mit dem Bundespräsidenten teils hart ins Gericht. Karl-Heinz Heuser, CEO bei Burson-Marsteller Deutschland, glaubt zwar, dass Wulff - sofern er keine weiteren Fehler mehr macht - die Affäre politisch überleben wird. Das Krisenmanagement Wulffs sei allerdings "katastrophal" - und die ganze Diskussion und auch das Verhalten Wulffs "eines Bundespräsidenten unwürdig". "Er hat das Amt mit seinen taktischen Spielereien und juristischen Winkelzügen beschädigt", krisitiert Heuser.

Karl-Heinz Heuser
Karl-Heinz Heuser
Bei der Frage, ob sich Wulff mit dem TV-Interview in ARD und ZDF einen Gefallen getan hat, gehen die Meinungen auseinander. Dirk Popp, CEO bei Ketchum Pleon Germany, vertritt die Auffassung, dass der Auftritt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen "ein ungewöhnlicher, aber in der Situation durchaus richtiger Schritt" war. "Auch wenn das vielen Medien und natürlich auch der Opposition nicht gefällt: Der Bundespräsident hat seine Position klar gemacht, selbst wenn die im Zweifel nicht geteilt wird", ist sich Popp sicher.

Ähnlich sieht das Marco Pfohl, Niederlassungsleiter bei Möller Horcher Public Relations, Offenbach: "Es war ein wichtiger Schritt, vor eine große Öffentlichkeit zu treten und seine Sicht der Dinge darzustellen", sagt Pfohl. Klaus Dittko, Partner und Vorstand der Scholz & Friends Group, glaubt hingegen, dass das TV-Interview auch neue Fragen aufgeworfen hat, die den Druck auf Wulff jetzt sogar noch erhöhen könnten: "Wollte er den Bild-Bericht mit Drohungen unterbinden, oder hat er nur um einen eintägigen Aufschub gebeten? Hat sein Kredit bei der BW-Bank vollkommen übliche Konditionen? Neue Unklarheiten sind entstanden. Deshalb wird die Debatte weiter gehen", glaubt Dittko.

Weitestgehend einig sind sich die befragten PR-Experten darin, dass sich Wulff keine weiteren Fehltritte mehr erlauben darf. "Sollte sich zum Beispiel eine wesentliche Aussage des Interviews als falsch erweisen, wäre das Vertrauen wohl endgültig verspielt", glaubt Scholz & Friends-Manager Dittko. Auch Ketchum Pleon-Boss Popp hält die Krise noch nicht für ausgestanden: "Es ist weiterhin sehr schwierig für ihn. Entscheidend werden die nächsten Tage sein." mas

Für die ausführlichen Antworten von Klaus Dittko, Karl-Heinz Heuser, Dirk Popp und Marco Pfohl bitte umblättern

Klaus Dittko, Partner und Vorstand der Scholz & Friends Group



Klaus Dittko
Klaus Dittko
Bundespräsident Christian Wulff hat sich am Mittwochabend ARD und ZDF gestellt und zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit seinem umstrittenen Hauskredit und der versuchten Einflussnahme auf Journalisten Stellung genommen. War das der erhoffte Befreiungsschlag? Der Bundespräsident hat Fehler eingeräumt und sich öffentlich entschuldigt. Das war überfällig und wird den Druck mindern. Zugleich hat der Bundespräsident aber neue Fragen aufgeworfen: Wollte er den "Bild"-Bericht mit Drohungen unterbinden, oder hat er nur um einen eintägigen Aufschub gebeten? Hat sein Kredit bei der BW-Bank „vollkommen übliche Konditionen"? Neue Unklarheiten sind entstanden. Deshalb wird die Debatte weiter gehen.

War die Argumentation des Bundespräsidenten glaubwürdig und angemessen? Der Einstieg war gut und hatte eine klare Botschaft: Ich habe schwere Fehler gemacht und bitte um Entschuldigung. Die ausführlichen Rechtfertigungen haben den Eindruck der Reue allerdings getrübt. Die häufige Verwendung des Wortes „man" wirkte zudem distanzierend.

Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie Christian Wulff in dieser Affäre kommuniziert hat? Sein größter Fehler war die Salami-Taktik. Der Bundespräsident hätte frühzeitig selbst die Öffentlichkeit suchen und sein Verhalten erklären sollen. Die Recherchen waren ihm ja schon seit Monaten bekannt. Stattdessen hat er immer nur reagiert, wenn der öffentliche Druck zu groß wurde.

Verfügt Christian Wulff noch über ausreichend Vertrauen in der Bevölkerung, um als Bundespräsident im Amt zu bleiben? Bis zum gestrigen Interview gab es jedenfalls einen negativen Trend in den Umfragen. Entscheidend ist jetzt, ob er weitere gravierende Fehler einräumen muss. Sollte sich zum Beispiel eine wesentliche Aussage des Interviews als falsch erweisen, wäre das Vertrauen wohl endgültig verspielt.

Karl-Heinz Heuser, CEO Burson-Marsteller Deutschland

Karl-Heinz Heuser
Karl-Heinz Heuser
Bundespräsident Christian Wulff hat sich am Mittwochabend ARD und ZDF gestellt und zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit seinem umstrittenen Hauskredit und der versuchten Einflussnahme auf Journalisten Stellung genommen. War das der erhoffte Befreiungsschlag? Ja, ich denke schon. Falls er keine weiteren Fehler mehr macht oder ihm weitere Ungereimtheiten nachgewiesen werden, wird er damit durchkommen. In einem halben Jahr wird kein Mensch mehr über diese Geschichte sprechen. Es liegt jetzt an ihm, mühsam wieder Vertrauen bei den Bürgern aufzubauen - und dafür hat er noch vier Jahre Zeit. Die Medienlandschaft hat er aber nachhaltig gegen sich aufgebracht, und zwar über das gesamte politische Spektrum hinweg. Den Angriff auf die Pressefreiheit werden sie ihm nicht verzeihen und ihn auch in der künftigen Berichterstattung spüren lassen.

War die Argumentation des Bundespräsidenten glaubwürdig und angemessen? Was blieb ihm anderes übrig, als sich ein zweites Mal zu entschuldigen? Einige Fragen hat er zwar immer noch nicht überzeugend und glaubwürdig beantwortet, aber die Strategie hinter dem Interview konnte man ganz klar erkennen: Er hat sich auf die emotionale, menschliche Ebene versucht zu retten, und das ist ihm teilweise gelungen. Leider ist die ganze Diskussion und auch sein Verhalten eines Bundespräsidenten unwürdig. Er hat das Amt mit seinen taktischen Spielereien und juristischen Winkelzügen beschädigt.

Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie Christian Wulff in dieser Affäre kommuniziert hat? Das Interview wie auch seine Stellungnahme kurz vor Weihnachten sind nur unter höchstem Druck durch die Öffentlichkeit zustande gekommen. Das zeugt von einem katastrophalen Krisenmanagement. Er wurde zum Getriebenen, ihm und seinem Stab entglitt die komplette Kontrolle über die Meinungshoheit. Und dabei passieren dann im Eifer des Gefechts Fehler wie der törichte persönliche Anruf bei Deutschlands größter Zeitung.

Dirk Popp, CEO Ketchum Pleon Germany



Dirk Popp
Dirk Popp
Bundespräsident Christian Wulff hat sich am Mittwochabend ARD und ZDF gestellt und zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit seinem umstrittenen Hauskredit und der versuchten Einflussnahme auf Journalisten Stellung genommen. War das der erhoffte Befreiungsschlag? Der Bundespräsesident kämpft - und das ist gut so, nach dem bisherigen Zaudern und den häppchenweise gegebenen Informationen. Das Interview war richtig, aber professionell betrachtet, kann man mit einem Interview allein nicht den erhofften Befreiungsschlag erzielen. Das ist einfach eine völlig überzogene Erwartungshaltung. Hinzu kommt, dass die Antworten zu relativierend waren und auf das Verständnis für die Privatperson Wulff abzielten.

War die Argumentation des Bundespräsidenten glaubwürdig und angemessen? Nach dem großen medialen Druck war das Interview ein ungewöhnlicher, aber in der Situation durchaus richtiger Schritt. Auch wenn das vielen Medien und natürlich auch der Opposition nicht gefällt: Der Bundespräsident hat seine Position klar gemacht, selbst wenn die im Zweifel nicht geteilt wird.

Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie Christian Wulff in dieser Affäre kommuniziert hat? Das ist eine Scherzfrage, oder? Dazu gab es ja umfangreiche und drastische Kommentare in den Medien. Sicher wird diese Krise nicht als Best Practise in die Geschichte der deutschen PR eingehen.

Verfügt Christian Wulff noch über ausreichend Vertrauen in der Bevölkerung, um als Bundespräsident im Amt zu bleiben? Das bleibt abzuwarten. Es ist weiterhin sehr schwierig für ihn. Entscheidend werden die nächsten Tage sein.

Marco Pfohl, Niederlassungsleiter Möller Horcher Public Relations, Offenbach

Marco Pfohl
Marco Pfohl
Bundespräsident Christian Wulff hat sich am Mittwochabend ARD und ZDF gestellt und zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit seinem umstrittenen Hauskredit und der versuchten Einflussnahme auf Journalisten Stellung genommen. War das der erhoffte Befreiungsschlag? Ein Befreiungsschlag ist meiner Meinung nach in so einer Situation überhaupt nicht zu erreichen. Wenn sich so ein Thema über Tage und fast Wochen hochschaukelt, kann man nicht in knapp 20 Minuten alles ungeschehen machen und sich von jeglichen Anschuldigungen befreien. Es war ein wichtiger Schritt, vor eine große Öffentlichkeit zu treten und seine Sicht der Dinge darzustellen.

War die Argumentation des Bundespräsidenten glaubwürdig und angemessen? Christian Wulff hat gleichzeitig Reue und Stärke gezeigt. Er hat versucht, sich treu zu bleiben und sich als Mensch zu präsentieren. Das Problem ist nur, dass man bei dem höchsten Mann im Staat andere Maßstäbe ansetzt.

Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie Christian Wulff in dieser Affäre kommuniziert hat? In einer Krise kommt es nicht darauf an, Berichterstattung generell zu verhindern. Entscheidend ist vielmehr, seine Kommunikationsziele klar zu definieren und zu vermitteln, um einer unfairen und unsachgemäßen Berichterstattung entgegenzuwirken. Schweigen oder zu starkes Abwägen, was privat und was für die Öffentlichkeit ist, kann fatal sein.

Verfügt Christian Wulff noch über ausreichend Vertrauen in der Bevölkerung, um als Bundespräsident im Amt zu bleiben? Hier muss man ein wenig vorsichtig sein in der Beurteilung: Folgt man den Umfragewerten, so hat er noch eine ordentliche Zustimmung in der Bevölkerung, folgt man der öffentlichen Meinung in den Medien und insbesondere den Social Media, wäre er überhaupt nicht mehr tragbar. Aber gerade da muss man sich fragen, wie viele der Kommunikatoren sich tatsächlich mit der Thematik auseinander gesetzt haben und wie viele reine Mitläufer sind. Denn: "Shitstorms" sind gerade sehr in Mode.

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