Jurychef Mark Tutssel: "Die Rezession war gut für die Kreativität"

Freitag, 18. Juni 2010
Mark Tutssel
Mark Tutssel

Mark Tutssel, weltweiter Kreativchef von Leo Burnett, steht an der Spitze der Jurys für Film und Press beim International Advertising Festival in Cannes. Im Interview mit HORIZONT erklärt der erfahrene Werber, was er sich vom weltweit größten Werbefestival erhofft - und was er nicht mehr sehen will. Die Cannes Lions finden vom 20. bis 26. Juni statt. Was erwartet sich ein alter Hase wie Sie von den diesjährigen Cannes Lions?
Dasselbe wie immer: Das Festival der weltweit besten Kreativität. In Cannes sehen wir jedes Jahr, wie sich Kommunikation entwickelt, um neuen Herausforderungen zu begegnen. Ich komme von dort immer gestärkt und mit neuen Ideen zurück. Cannes zeigt uns die schwindelerregenden Höhen, die wir erreichen können, wenn wir unser Bestes geben.

Sie stehen an der Spitze der Jurys für Film und Press – zwei Kategorien, die vielen als altmodisch gelten.
Filme haben schon immer eine besondere Rolle bei der Frage gespielt, was Menschen unterhält, fasziniert und bereichert. Daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: Die Technologie schafft ein enormes Potenzial für diese Kategorie – wegen der vielen neuen Anwendungsmöglichkeiten auf den unterschiedlichen Geräten. Unsere Aufgabe ist es, Inhalte zu entwickeln, die die Menschen mit den neuen Kanälen und Plattformen verbinden.

Sehen Sie die Chancen in der Kategorie Press auch so optimistisch? Print leidet enorm.
Print ist zwar das älteste Medium, aber immer noch einer der besten Wege, um Menschen sinnvoll mit Marken zu verbinden. Gute Printwerbung ist viel mehr als Wörter und Bilder. Sie ruft Emotionen und Partizipation hervor. In Cannes suchen wir Arbeiten, die eine starke emotionale Bindung schaffen, zur Teilnahme einladen und die Betrachter mit Respekt und Intelligenz behandeln.

Und was wollen Sie in Cannes nicht mehr sehen?
Generell bin ich ein bisschen besorgt, wie die Arbeiten bei Awards präsentiert werden. Es scheint ein Formblatt dafür zu geben, wie man Einreichungen für Jurys aufbereiten soll: Problemschilderung, Briefing, Kampagne, Ergebnisse – und dabei vor allem die Aufrufe, die man bei Youtube erzielt hat. Mich ermüdet das. Ich würde gerne wieder etwas kreativere und spannendere Formen der Kampagnenpräsentation sehen.

2009 haben die Agenturen sicher nicht viel Zeit auf kreativere Formen der Einreichung verwendet. Wie sehen Sie generell die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Ihre Branche?
Ich glaube, dass die Rezession gut für die Kreativität war. Es wurden einige hervorragende Arbeiten mit kleinem Budget entwickelt. Das ist wohl die einzige Auswirkung der Krise, für die wir dankbar sein können: Sie hat uns in positiver Weise herausgefordert und gezwungen, bei den Lösungen für unsere Kunden erfinderischer und lernfähiger zu sein als je zuvor. Kreativität und Originalität machen für Unternehmen heute den Unterschied. mam
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