Jean-Remy von Matt: "Keine zusammengeschusterten Prototypen mehr"

Donnerstag, 27. September 2012
Jean-Remy von Matt (Foto: Holde Schneider)
Jean-Remy von Matt (Foto: Holde Schneider)

Die Ankündigung von Jung von Matt, künftig nur noch alle zwei Jahre an Kreativwettbewerben teilzunehmen und das eingesparte Geld in die Aus- und Weiterbildung zu stecken, sorgte Anfang der Woche für Wirbel. Ein geschickter PR-Schachzug oder ein echter Kurswechsel beim Umgang mit Awards? Co-Gründer Jean-Remy von Matt gibt Antworten. Wenn Sie dem Award-Wahnsinn begegnen und gleichzeitig Geld für Nachwuchsförderung freibekommen wollen: Wieso steigen Sie dann nicht komplett aus diesem Spiel aus?
Ganz einfach, weil es kein Spiel ist. Wir glauben grundsätzlich sehr an die motivierende und leistungsfördernde Funktion von Wettbewerben. Gäbe es keine Olympischen Spiele, würde kein Mensch der Welt 100 Meter unter 10 Sekunden laufen.

Wäre es nicht konsequenter, die Einsendungen zu reduzieren und dafür immer bei Olympia mitzumachen?
Genau das verhindert die Fachpresse mit ihren Rankings. Wer weniger einsendet beziehungsweise weniger Wettbewerbe belegt, wird mit einem schlechteren Rangplatz bestraft. Und schon titelt Ihr genüsslich: "Was ist los mit Jung von Matt?"

Niemand zwingt Sie, Unmengen von Goldideen einzusenden. Gucken Sie sich Heimat an, die zeigen, dass es auch anders geht. Kann es sein, dass Sie 2013 vor allem deshalb aussetzen, weil Sie nicht genug Pfeile im Köcher haben, um Platz 1 zu verteidigen?
Um sichtbare Pfeile im Köcher zu haben, ist es jetzt noch zu früh. Oder welchen der deutschen Cannes-Gewinner 2012 haben Sie vor einem Jahr schon wahrgenommen?

Kaum einen, weil die meisten extra für Cannes entstanden sind ...
Im Übrigen muss ich damit leben, dass man seit vielen Jahren über uns sagt: Jetzt haben sie den Zenit aber überschritten! Bis jetzt konnten wir jedesmal das Gegenteil beweisen und uns im HORIZONT-Ranking stets unter den drei Besten platzieren – 2014 hoffentlich dann auch wieder. Natürlich ist mir wichtig, dass wir dann auch wieder im echten Leben zeigen, wo der Hammer hängt - mit wirklich großen Kampagnen.

Werden Sie in den Jahren, in denen Sie an Wettbewerben teilnehmen, weniger einsenden als bisher?
Nein, nicht weniger, sondern besser. Also keine zusammengeschusterten Prototypen mehr, sondern nur noch wirklich zu Ende gedachte, im Detail perfektionierte Arbeiten. Die Zeit dafür gewinnen wir ja jetzt.

Sie wollen mehr in Aus- und Weiterbildung investieren – eine Reaktion auf die Abwanderung von Talenten? Agenturen, die keine Talente haben, können auch keine verlieren, während Agenturen, die viele Talente haben, wiederum regelmäßig welche verlieren. Wichtig ist, für den Nachwuchs attraktiv zu bleiben, und da spielt unser neues Engagement sicher eine Rolle. Gerade Kreative, die auch inhaltlich weiterkommen wollen, dürften unseren Weg sehr begrüßen.

Wo kommt eigentlich das Geld für Ihre Akademie in den Jahren her, wo Sie bei Awards mitmachen? Natürlich pausiert das Programm nicht in den Award-Jahren. Ebenso klar ist, dass die Ersparnisse der Festival-Pausen nicht ausreichen, um die Akademie ganz zu finanzieren. Hier hilft sicher, dass wir eine durch und durch unabhängige Agenturgruppe sind.

Glauben Sie, dass andere Agenturen Ihrem Vorbild folgen? Ich würde mich nicht wundern, sondern im Gegenteil sogar sehr freuen, wenn andere unserer Idee folgen. Den Leidensdruck haben schließlich alle. Clever wäre, wenn sich einer unserer Wettbewerber jetzt einfach auf die ungeraden Jahre beschränkt.
Interview: Mehrdad Amirkhizi

Mehr zum Thema lesen Sie in HORIZONT-Ausgabe 39/2012 vom 27. September
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