Jahresrückblick 2006: Agenturen

Donnerstag, 21. Dezember 2006

Pimp your Agency
Holger Jung und Jean-Remy von Matt haben zwar keine Ähnlichkeit mit dem pickeligen Teenager auf dem Sixt-Plakat. Offenbar finden sie dennoch, dass Mercedes der passende Schlitten für ihre Agentur ist, denn im Sommer sichert sich Jung von Matt unerwartet den Etat des Stuttgarter Automobilbauers. Doch nicht nur mit diesem Neukunden motzen die JvM-Bosse pünktlich zum 15. Geburtstag das Agenturportfolio auf. Auch mit Aufträgen von Gore-Tex, Jamba und E-Plus darf sich die Hamburger Werbeschmiede schmücken. S&J wird verkauft
Den zahlreichen Umbaumaßnahmen der einstigen Vorzeigeagentur Springer & Jacoby folgt ihr Verkauf. Aus dem Hintergrund macht Lutz Schaffhausen das Rennen – Namensgeber der Elmshorner Schaffhausen Communication Group und Alleininhaber der Beteiligungs-
gesellschaft Avantaxx. Der Vollblutunternehmer will darüber wachen, dass S&J wieder in ruhiges Fahrwasser kommt. Das kommende Jahr wird zeigen, ob das gelingt.

Tiefer Fall
Seinen 47. Geburtstag feiert der ehemalige CEO von Aegis Media nicht wie gewohnt in noblem Ambiente, sondern in seiner Zelle in einem Untersuchungsgefängnis. Seit Ende Oktober sitzt Aleksander Ruzicka wegen des Verdachts der schweren Untreue hinter schwedischen Gardinen in Wiesbaden und sieht seinem Prozess entgegen, der wohl Anfang oder Mitte 2007 beginnen wird. Mit Ruzicka wird dann aller Wahrscheinlichkeit nach auch sein ehemaliger Aegis-Kollege Heinrich Kernebeck auf der Anklagebank sitzen. Unabhängig vom Urteil steht schon jetzt fest: Von Transparenz im Mediageschäft kann weniger denn je die Rede sein.

TBWA liegt gut im Rennen
Ein gutes Jahr für TBWA. Mit neuen Kunden und kreativen Highlights liefert die Agentur positiven Gesprächsstoff. Der BMW-Etat landet wegen Auto-kunde Nissan zwar bei der Tochter Media Arts Lab (MAL), doch die Mutter hat mit Henkel, Arena und dem europäischen Lead für Masterfoods-Tierfutter ebenfalls gut zu tun. Visuell sorgt TBWA ebenfalls für Aufmerksamkeit. Zum Beispiel mit dem überdimensionalen Oli Kahn im Hechtsprung über der Autobahn. Im Kreativranking gelingt ein Satz von Platz 11 auf 7.

Kleine Agentur ganz groß
Die Pflanze des Erfolgs gedeiht bei der Berliner Agentur Plantage prächtig. Das 28-köpfige Team um das Gründer-Trio Daniel Simon, Marion Averbeck und Stefan Holwe (v.l.) gewinnt zahlreiche Etats namhafter Kunden. Dazu gehören beispielsweise der Musiksender Viva, die Airline DBA und die Mobilfunkmarke Vybemobile. Auch in Zukunft wird Plantage sicher von sich hören lassen, denn ab 2007 betreut die Agentur die Automarke Mini.

FM Schmidt
Der CEO der deutschen Scholz & Friends-Gruppe Frank-Michael Schmidt legt abermals ein erfolgreiches Jahr hin. Die Agentur gewinnt unter anderem die Etats von Commerzbank, Hamburg-Mannheimer, Honda und Zewa. Zudem baut Schmidt die Gruppe weiter aus. Mittlerweile kämpft S&F mit dem Luxusproblem, Konkurrenzkonflikte managen zu müssen.

Flirt mit Folgen
Nach einer Zusammenarbeit von rund 40 Jahren kriselt es zwischen BBDO und Henkel. Einer der Gründe – wie in so vielen Partnerschaften: Untreue. Seit der Übernahme von Gillette durch Procter & Gamble arbeitet BBDO nämlich für einen der härtesten Konkurrenten von Henkel. Der Düsseldorfer Konzern straft das Fremdgehen, indem er der Agentur die Zuständigkeit für seine Wasch- und Reinigungsmittelmarken entzieht. Immerhin darf BBDO die Etats in den Sparten Gesichtspflege und Coloration behalten.

Ausgebremst
Die Cayenne-Gruppe muss in diesem Jahr einen herben Rückschlag hinnehmen. Nach vierjähriger Zusammenarbeit verliert das Prager Büro den internationalen Etat des Automobilherstellers Škoda. Die eigens für den Kunden gegründete Niederlassung wird personell stark ausgedünnt. Die tschechische VW-Tochter fährt in Zukunft mit Leagas Delaney vor. Kleines Trostpflaster für Cayenne: Ein neues Gefährt ist bereits gefunden. Kawasaki Motors Europe wählt das Amsterdamer Büro als Leadagentur aus.

Grey im Jagdfieber
Das Kreativranking ist in den großen Agenturnetzwerken mittlerweile zur Chefsache avanciert. Auch Uli Veigel, CEO der Grey-Gruppe, setzt das Thema in diesem Jahr ganz oben auf seine Prioritätenliste und bläst lauter als je zuvor zur Jagd auf die begehrten Wettbewerbstrophäen. Mit Erfolg: Beispielsweise mit der Outdoor-Aktion „Real Toys“ im Auftrag von Toys“R”US (siehe Bild) gewinnt seine Mannschaft beim Cannes-Festival und ADC-Wettbewerb Bronze. Insgesamt 378 Punkte sammelt Grey und schafft damit erstmals den Sprung in den erlauchten Kreis der zehn kreativsten Werbeschmieden Deutschlands.

Geladene Stimmung
Mit seiner Ankündigung, im kommenden Jahr erstmals Arbeiten aus Österreich und der deutschsprachigen Schweiz zu seinem Kreativwettbewerb zuzulassen, stößt der Art Directors Club für Deutschland auf heftige Kritik. Die Alpenländler machen ihrem Unmut lautstark Luft. Da würden „Ruebli mit Karotten“ verglichen und statt Weltoffenheit stecke hinter der Einladung purer Geschäftssinn, unken die Gegner. Es bleibt spannend, wie sich der Dreiländerdisput entwickelt und ob die Deutschen am Ende doch den Rückzug antreten müssen.

OMG berappelt sich
Totgesagte leben länger: Die verbleibenden Mitglieder der Organisation der Mediaagenturen im GWA (OMG) repräsentieren zwar nur noch 60 Prozent des deutschen Mediamarkts, fühlen sich aber nach dem Rebrush im Sommer wie neu geboren. Die von OMG-Sprecher Hans Kratz angündigte qualitative Offensive des Mediaverbands lässt allerdings trotz (oder gerade wegen?) der Ruzicka- Affäre noch auf sich warten.

IPG legt zusammen
Im Juni verkündet Interpublic den Zusammenschluss ihres Kreativnetworks FCB mit der Dialogagentur Draft. Nun will Chairman Howard Draft (M.) daraus ein schlagkräftiges integriertes Angebot formen und setzt dabei auch auf die Unterstützung des weltweiten Kreativchefs Jonathan Harries (r.) und Deutschland- CEO Peter John Mahrenholz. Mit dem Wal-Mart- Gewinn gelingt schnell ein erster Coup. Der ist aber nur von kurzer Dauer, weil der Kunde wegen Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe erneut zum Pitch ruft – diesmal allerdings ohne Draft FCB.
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