Frank-Michael Schmidt: "Die Entzauberung der Agenturen geht zu weit"

Freitag, 12. November 2010
Frank-Michael Schmidt redet Klartext
Frank-Michael Schmidt redet Klartext

Er gilt als einer der klügsten Köpfe der Agenturbranche: Frank-Michael Schmidt, CEO von Scholz & Friends und deren Holding Commarco. Lange hat der 48-Jährige kein ausführliches Interview mehr gegeben. Jetzt bricht er sein Schweigen und nimmt Stellung zu der aktuellen Lage seiner Agentur und der generellen Situation in der Branche. Dabei appelliert er an die Kunden, die Honorare der Agenturen nicht weiter zu drücken - im eigenen Interesse der Auftraggeber. Herr Schmidt, Agenturen haben bei den Kunden einen immer schwereren Stand. Woran liegt das?
Wir befinden uns in einer gefährlichen Abwärtsspirale. Die Anforderungen an Agenturen sind komplexer denn je. Kunden erwarten zu Recht immer mehr, zahlen aber tendenziell immer weniger. In Pitches wird durch aufwendige Prozesse die höchste Qualität ausgewählt, um sie dann nicht selten am preislich niedrigsten Angebot zu messen. Die Tragik besteht darin, dass sich Kunden mit dem Ziel Premium-Leistung zum Discount-Preis einzukaufen, letztlich selber schaden.

Wieso schadet es Kunden, ein gutes Angebot günstig einzukaufen?
Weil auch Agenturen die wirtschaftlichen Naturgesetze nicht außer Kraft setzen können. Es ist unmöglich, dauerhaft eine Premium-Leistung für ein sehr niedriges Honorar zu erbringen. Die Logik ist einfach: Alle Dienstleister passen ihre Personalaufstellung der Bezahlung an. Wenn das Honorar zu knapp bemessen ist, können die kontinuierlichen Leistungen nicht dem entsprechen, was im Pitch als faktisches Potenzial der Agentur gezeigt wurde.

Sie fordern also mehr Geld - nicht sehr originell.
Ich fordere, dass man sich nicht mehr gegenseitig etwas vormacht. Wer mit Peanuts bezahlt, wird von Äffchen bedient! Es gibt keine fixe Agenturleistung unabhängig von der Honorarhöhe. Selbst als neutraler Berater würde ich den Kunden sagen: "Bezahlt eure Agentur gut. Aber sagt genau, was ihr wollt. besteht darauf, dass bestimmte Hierarchieebenen besetzt sind und ihr mitreden könnt bei der Auswahl der Top-Leute, die euch betreuen."

Exklusiv für Print-Abonnenten

Exklusiv für Print-Abonnenten
Das vollständige Interview lesen Sie in der HORIZONT-Ausgabe 45/2010 vom 11. November.

HORIZONT abonnieren
HORIZONT E-Paper abonnieren


Agenturen haben früher viel Geld verdient. Wundert es Sie da, dass Kunden glauben, man könne noch mehr sparen?
Das wundert mich nicht. Manche Agenturen haben in der 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Zuständen gelebt, die von spätrömischer Dekadenz kaum zu unterscheiden waren. In der letzten Dekade, nach New-Economy-Crash, Finanzkrise und Machtergreifung des Controllings, ist das Pendel zurückgeschlagen und hat mittlerweile die Grenzen der Vernunft durchbrochen. Die Entzauberung unserer Branche ist einen Schritt zu weit gegangen. Lange haben wir uns zu teuer verkauft, jetzt werden wir unter Wert gehandelt.

Sie erlauben, dass ich mir Tränen trockne. Viele Agenturen sind doch selbst schuld: Die Leistungen werden immer austauschbarer und die Gelder werden nicht in die Qualität investiert, sondern nach New York, London, Paris oder aufs Konto der Inhaber überwiesen.
Ja es ist wirklich schlimm, dass Agenturen keine gemeinnützigen Vereine sind. Aber im Ernst: Die Agenturen sind schuld, wenn sie ihren geistigen Führungsanspruch aufgeben. Sie müssen eine neue Souveränität entwickeln, die nicht als Arroganz missgedeutet werden kann, und zugleich zugleich eine neue Service-Orientierung, die nicht in Gefahr gerät, in Servilität umzuschlagen. mam


Meist gelesen
stats