Film und Film Craft Lions: Beschämendes Ergebnis für Deutschland

Samstag, 23. Juni 2012
Juror Wolfgang Schneider, BBDO
Juror Wolfgang Schneider, BBDO


Deutschland gilt generell nicht als der großen Hoffnungsträger in den Filmkategorien internationaler Award Shows – so schlecht wie dieses Jahr in Cannes war die Performance hiesiger Kreativer allerdings seit mindestens acht Jahren nicht: In den Sparten Film und Film Craft geht kein einziger Löwe nach Deutschland. Letztes Jahr waren es zusammen genommen immerhin noch vier. Dominiert werden beide Listen von den USA, in der Kategorie Film geht auch der Grand Prix an eine zum Teil amerikanische Produktion. Gewonnen hat der animierte Spot „Back to the Start“ von der Creative Artists Agency in Los Angeles und Nexus Production in London für die Fastfood-Kette Chipotle, in dem es um nachhaltige Lebensmittelproduktion ohne Massentierhaltung geht. Der gesamte Chipotle-Auftritt "Cultivate Campaign", in dem der Film nur ein Bestandteil von vielen ist, sicherte sich in der erstmals ausgeschriebenen Kategorie Branded Content & Entertainment ebenfalls den Best of Show Award. „Der Film hat eine gobale Message zu einem sehr relevanten Thema, ist unglaublich gut erzählt und exekutiert und geht ins Herz“, begründet Jurypräsident Tham Khai Meng die Entscheidung. Der Streifen reflektiere die Markenwerte von Chipotle in einer einfachen und doch nachhaltigen Weise. „Diesen Film möchte man immer wieder sehen“, ergänzt BBDO-Kreativchef Wolfgang Schneider, der für Deutschland in der Jury saß. Als Zeichen für einen eindeutigen Trend zum Animationsfilm wertet er den Grand Prix allerdings nicht. Stattdessen beobachtet Schneider, dass das Thema Menschlichkeit und Authentizität anstelle der rein werblichen Botschaft auch international eine immer größere Rolle spielt. „Ein klarer Trend, aber auch eine Sollbruchstelle“, findet Schneider und spricht damit nicht zuletzt jüngere Kampagnen deutscher Werbungtreibende an, die sich zuletzt viel Kritik an ihren vermeintlich authentischen und menschelnden Vignettenfilmen anhören mussten. Insgesamt vergaben die Juroren der Film Lions 70 Löwen, das sind trotz geringen Anstieg der Einreichungen rund 30 Prozent weniger als im Vorjahr.

Film Craft

Auch bei den Film Craft Lions war die Jury strenger als 2011. Obwohl es in dieser Sparte 30 Prozent mehr Einsendungen gab, verteilten die Experten um Chairman mit 56 Preisen nur zwei Löwen mehr und kommen so zu einer Quote von gut 3 Prozent. „Wir mussten das Gold aus dem Dreck ziehen“, begründet Juror Ralf Schmerberg in der kritischen Manier, in der er auch für HORIZONT.NET vom Festival bloggt. Die meisten Filme seien zu klassisch und zeugten von angezogener Handbremse, darüber hinaus mache das starre Gerüst aus Subkategorien es unmöglich, die Filmemacher sinnvoll in ihren jeweiligen Disziplinen zu honorieren – ganz abgesehen von der unfassbaren Masse an zu bewertenden Arbeit.


Trotz dieser schwierigen Voraussetzungen konnten die Juroren sich am Ende auf einen Grand Prix einigen. Der Best of Show Award geht an BETC und Soixante Quinze in Paris für das bereits hoch dekorierte Commercial „Bear” im Auftrag von Canal+. Dieselbe Arbeit gewinnt Gold in den Subkategorien Direction, Script und Visual Effects sowie Silber für Editing. „Die Grand-Prix-Arbeit bringt alle Aspekte des Filmemachens auf ein neues Level“, so Jurychair Espen Horn. Ein Awardabräumer, der disziplinübergreifend ähnlich hoch scoren konnte, ist „Three little Pigs“ von BBH und Rattling Stick im Auftrag von „The Guardian“ mit einem Gold- und fünf Silberlöwen.

Dass aus Deutschland hingegen keine einzige Arbeit auf der Gewinnerliste der Film Craft Lions 2012 vertreten ist, begründet Schmerberg mit der Kultur der hiesigen Branche. Es gebe in Deutschland exzellente Kreative, was fehle sei die Förderung und die richtige Haltung in den Agenturen, die seiner Meinung nach zu arrogant sind. „Ein wirklich guter Film entsteht in Zusammenarbeit von Agentur, Filmproduktion und Regisseur“, so Schmerberg. Was der Filmemacher sonst noch aus der Jury der Cannes Lions zu berichten hat, lesen Sie in seinem exklusiven HORIZONT.NET Blog. jf 
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