Fabian Freses Tag 4: Bayern-Phänomen und Shortlist-Scharfmacher

Montag, 20. Juni 2011
Eeeeehm, no thanks.
Eeeeehm, no thanks.

147 Spots auf der vorläufigen Shortlist. Der erste Gedanke: "Ganz schön viel". Der zweite Gedanke: "Wer soll die alle hören?". Der dritte: "Ach ja, ich." Wir sind von unserer Dachterrassen-Residenz in einen großen Konferenzraum umgezogen. Der vorsorglich auf ca. 3 Grad heruntergekühlt wurde. Vermutlich um unseren Ruhepuls so weit zu senken, dass fliehen unmöglich wird. Dafür entschädigt ein phänomenaler Blick auf den Yachthafen, wo gerade die Bediensteten der Bediensteten der Bediensteten der russischen Prominenz die Decks schrubbt. Dann das gewohnte Spiel - Kopfhörer auf und los geht´s. Fast alle meine Favoriten sind dabei. Ausgerechnet zwei sehr gute deutsche Kampagnen leider nicht. Frei von Agenturzwängen freut man sich hier über jede Arbeit seiner Nation, die es nach vorne schafft. Das Bayern-Phänomen. Selbst zu denen hält man ja, wenn sie Champions League spielen. Wir kommen gut voran. 1-3 bleibt Shortlist, 4-6 kommt für einen Löwen in Betracht, 7-9 sollte definitiv einen bekommen.

Nachdem alle ihre Bewertungen abgegeben haben geht es zum Essen. Bei dem der indische Kollege uns in die Gewürzkünste seines Landes einweiht. Ich lehne seine Currystäbchen dankend ab. Chile meint sich gleich eine ganze Handvoll einwerfen zu müssen. Sekunden später steht er mit Tränen in den Augen auf und geht wortlos. Vermutlich für immer.

Nach dem Essen findet zum ersten Mal eine Gruppendiskussion statt. Manche Jurymitglieder erkennt man ohne Kopfhörer gar nicht mehr. Chile ist auch wieder aufgetaucht. Es sagt immer noch kein Wort. Wahrscheinlich aus Angst, dass Indien ihm etwas in den Mund werfen könnte. Wir besprechen die komplette Liste, jeder nennt die Spots, die er einer Cannes-Shortlist für unwürdig befindet. Nach jedem Vorschlag wird abgestimmt. Anschließend hat jedes Mitglied die Möglichkeit ein Plädoyer für einen Spot zu halten, der noch mit auf die Liste sollte. Wer schon mal am eigenen Leib erlebt hat, wie es ist, unansprechbar im Büro zu sitzen und alle drei Minuten auf canneslions.com zu checken, ob die Shortlist und vor allem man selber drauf ist, weiß, was wir diesen Kreativen schuldig sind.

Alles wird ausdiskutiert, vor allem landestypische Besonderheiten. Teilweise kommt man sich vor wie in einer Doppelstunde Erdkunde. Man erfährt, dass Brasilianer Mexikaner irgendwie nicht mögen. Aber irgendwie auch doch. Oder dass indische Gottheiten ein ausgeprägtes Sexualleben pflegen und dass Skandinavier sowieso nicht wirklich von dieser Welt sind. Gegen 18 Uhr steht die finale Shortlist. Deutschland ist 12x dabei. Ich werde mehrfach für den anscheinend überraschend guten deutschen Humor gelobt. Indien bietet mir im Überschwang sogar irgendwelchen neuen Currykram an. Ich verweise dankend an Chile, das seine Gesichtszüge mittlerweile wieder einigermassen unter Kontrolle hat.

Traditionell stark ist Südafrika. Unfassbar, wie die Jungs schreiben können. Sollte irgendeiner dieser begnadeten südafrikanischen Texter das hier lesen, wende er sich bitte umgehend an KommEinfachVorbeiDenRestRegelnWirSchon@jvm.de. Auch dieser Jurytag geht zu Ende. Ein guter Tag für Radio. Ein guter Tag für Deutschland. Ein durchwachsener Tag für Chile.






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Der Blogger: Fabian Frese, 36, arbeitet seit 2004 in der Kreation bei Jung von Matt/ Alster. Ende des vergangenen Jahres stieg er vom Kreativdirektor zum Geschäftsführer Kreation bei der Alster auf. Das ADC- und D&AD-Mitglied saß bereits in den Jurys beim ADC-Festival, bei den Clio-Awards und beim New York Festival. In der Cannes-Jury ist Frese zum ersten Mal. Bei seiner Premiere als Löwen-Juror beurteilt er die Einreichungen in der Kategorie Radio.
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