Fabian Freses Tag 3: Wir sind Radio und das ist auch gut so

Sonntag, 19. Juni 2011
Es gibt Hoffnung
Es gibt Hoffnung

Laut Routenplaner bräuchten die Genfer Konventionen mit dem Auto nur knapp 6 Stunden bis Cannes. Vermutlich haben die Mautgebühren auf der A5 sie abgeschreckt, zumindest fehlt von ihnen bislang jede Spur. Denn der 2. Jurytag knüpft nahtlos an die Torturen von gestern an. Allerdings sind es heute "nur" 320 Spots. Mit zitternden Händen greifen wir zu unseren Kopfhörern, nicken uns mit ernsten Gesichtern zum Abschied noch einmal zu und tauchen wieder ab in viele Stunden Einsamkeit. Der Schwerpunkt liegt heute auf den Spezialkategorien. Aber vor allem "Best scriptwriting" hebt die allgemeine Stimmung spürbar. Zwar schwirren auch hier wieder ein paar singende Moskitos herum aber auch eine ganze Reihe wirklich grandios geschriebener Spots. Als wollte sie sich für den gestrigen Tag entschuldigen zeigt sich Radiowerbung hier von seiner besten Seite. Intelligent, humorvoll, durchgeknallt und liebevoll produziert. Nach dem Mittagessen setzt der psychische und physische Verfall wieder ein. Und die Erkenntnis, an diesem Abend einen großen Bogen um Engländer zu machen, die etwas von "nur kurz ein schnelles Bier" erzählen. Die Qualität der Spots nimmt sich an uns ein Beispiel und baut ebenfalls rapide ab. "Best use of no soundeffects in the soundeffects category", "Best use of no idea" oder "Best use of worst use of music" rauben einem jegliche Energie. Nur die asiatische Gelassenheit unseres  Juryvorsitzenden verhindert den ersten Lagerkoller.

Ich muss mich gewaltig zusammenreissen, um auf einmal nicht kategorisch alles schlecht zu finden. Und siehe da - es geht plötzlich aufwärts. Immer wieder kommen echte Perlen zum Vorschein. Spots, mit denen man am liebsten sofort von unserer Dachterrasse aus die Croisette beschallen würde. Am Ende des Tages haben wir den Glauben an Radio zurückgewonnen. Sollen die anderen Jurys doch ruhig mit ihren Casefilmen, Hochglanzanzeigen und millionenschweren TV-Spots glücklich werden. Wir sind Radio und das ist auch gut so.

England schlägt noch kurz ein schnelles Bier vor. Klar, warum nicht.






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Der Blogger: Fabian Frese, 36, arbeitet seit 2004 in der Kreation bei Jung von Matt/ Alster. Ende des vergangenen Jahres stieg er vom Kreativdirektor zum Geschäftsführer Kreation bei der Alster auf. Das ADC- und D&AD-Mitglied saß bereits in den Jurys beim ADC-Festival, bei den Clio-Awards und beim New York Festival. In der Cannes-Jury ist Frese zum ersten Mal. Bei seiner Premiere als Löwen-Juror beurteilt er die Einreichungen in der Kategorie Radio.
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