Fabian Freses Tag 2: 1370 Radio-Spots und ein irres Lächeln

Samstag, 18. Juni 2011
Australien bei der Arbeit
Australien bei der Arbeit
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Radiospot Berlin Köln Cannes Shortlist Restaurant Indien


Das erste Jury-Treffen findet Donnerstagabend im Restaurant des legendären Carlton-Hotels statt. Viel Wein, gutes Essen, die Stimmung ist bestens. Außer bei mir. Während in Cannes das Dessert gereicht wird, sitze ich nach diversen Irrflügen in der Lounge des Brüsseler Flughafens und lasse es bei Scheibletten und Fischlis mit geschätzten 100 Unternehmensberatern so richtig krachen (Mein Kollege aus Indien hat für seine Anreise 4 Stunden weniger gebraucht. Ich erkläre ihm, dass Europa einfach zu groß ist, das leuchtet ihm ein). Die anderen Jurymitglieder treffe ich erst am nächsten Morgen im Konferenzraum der Radio-Jury im "Palais des Festivals". 14 Nationen erstarren vor Ehrfurcht, als Terry Savage, der Godfather des Festivals den Raum betritt und uns erklärt, was in den nächsten Tagen passieren wird.

Es geht um kreative Exzellenz, Fakes und Fairness. Schon nach zwei Sätzen hat man diesem Mann die horrenden Einsendegebühren fast verziehen. Dann gibt unser Juryvorsitzender den Startschuss. Eugene Chong, Executive Creative Director von Ogilvy Asia Pacific wünscht uns viel Spaß. Warum er dabei leicht irre lächelt, wird mir erst später klar: 1370 Radiospots liegen vor uns. Aufgeteilt in zwei Gruppen legen wir los. Für heute gilt es 400 Spots zu bewerten. Auf einem Tablet-PC gibt man seine Noten ein. 1-3 ist raus, 4-6 zumindest Shortlist und 7-9 medaillenverdächtig. 400 Spots. Das ist, als würde man im Auto auf der Strecke Berlin - Köln nonstop einen einzigen gigantischen Werbeblock hören. Vorspulen ist nicht: Selbst wenn man schon nach fünf Sekunden weiß, das der Spot Schrott ist, muss man ihn komplett über sich ergehen lassen.

Nach drei Stunden und 187 Spots ist Mittagspause. Schon leicht traumatisiert wanken wir mit Tunnelohr zum Büffet. Ein echtes Highlight war bisher noch nicht dabei. Die weltweiten Werbeblöcke scheinen zu 90% aus genoppten Kondomen, singenden Moskitos und kompromisslosen Waxing-Produkten zu bestehen. Auch das mittlerweile ja doch eher mäßig revolutionäre  Navigationssystem wird immer wieder gerne gefeiert.

Am späten Nachmittag auch noch Regen. Wir räumen die Sonnenterrasse und zwängen uns in die Arbeitszimmer. Atmosphäre wie in einem Callcenter. Links von mir sitzen Australien und Kanada, rechts Brasilien und Spanien. Noch 50 Spots. Schon wieder ein singender Moskito. Australien kichert hysterisch. Aus dem Fenster sieht man wie eine Fata Morgana die Yachten sanft im Wasser schaukeln.

Um halb Acht ist es tatsächlich geschafft. Für heute. Morgen lauern schon die nächsten 400 Spots. Es hat sich mal wieder bewahrheitet: das Medium Radio ist völlig unterschätzt. In Wirklichkeit ist es viel schlimmer.






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Der Blogger: Fabian Frese, 36, arbeitet seit 2004 in der Kreation bei Jung von Matt/ Alster. Ende des vergangenen Jahres stieg er vom Kreativdirektor zum Geschäftsführer Kreation bei der Alster auf. Das ADC- und D&AD-Mitglied saß bereits in den Jurys beim ADC-Festival, bei den Clio-Awards und beim New York Festival. In der Cannes-Jury ist Frese zum ersten Mal. Bei seiner Premiere als Löwen-Juror beurteilt er die Einreichungen in der Kategorie Radio.
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