Ergo-Streitfall: HORIZONT präsentiert Originale und "Plagiate" in der Werbung

Donnerstag, 02. September 2010
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Die Kampagne des Versicherungskonzerns Ergo erhitzt immer noch die Gemüter. Bereits seit ihrem Start Mitte Juli wird sie in Blogs und Foren diskutiert, kritisiert und persifliert. Der Streitpunkt: Sind die Szenen aus dem Debütspot eine dreiste Kopie des Films "High Fidelity“?
Dass "High Fidelity" tatsächlich als Inspiration für den ersten Ergo-Spot diente, ist richtig. Daraus machen der Kunde und seine Agentur Aimaq & Stolle gar keinen Hehl. Es ist nicht das erste Mal, dass Film, Kunst oder Kultur Einfluss auf die Werbung nimmt. HORIZONT hat einige Beispiele für Sie herausgesucht und präsentiert diese auf den folgenden Seiten.

Beispiel 1: Ergo kupfert bei High Fidelity ab

John Cusack mimte im Jahr 2000 den beziehungsgeschädigten Plattenladenbesitzer Rob Gordon. Der von Regisseur Stephen Frears inszenierte Film „High Fidelity“ basiert auf dem gleichnamigen Buch von Nick Hornby. In der Ergo-Version von Aimaq & Stolle hadert Darsteller Sebastian Ströbel allerdings nicht wie Cusack mit den Frauen, sondern wünscht sich einfach nur eine vertrauenswürdige Versicherung.

Beispiel 2: JvM lässt sich von Charles C. Ebbets inspirieren

Den Fotografen Charles Clyde Ebbets dürften nur wenige kennen. Sein 1932 aufgenommenes Foto von Bauarbeitern auf einem Stahlträger des Rockefeller-Centers ist hingegen weltberühmt. 2007 hat Jung von Matt die Vorlage für eine Lego-Kampagne zweckentfremdet. Statt erwachsener Männer sitzen kleine Jungs auf dem Stahlträger in schwindelerregender Höhe. Dazu der Claim „Builders of Tomorrow“ und fertig war das Plakat. Einfach, aber originell, befanden die Juroren des Werbefestivals in Cannes und belohnten die freche Kopie mit einem goldenen Löwen.



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Beispiel 3: Künstlerin Yahav malt für Lieken

Ilana Yahav zeichnet bereits seit Jahren Bilder aus Sand (links). Und sie ist nicht die Einzige: Kseniya Simonova gewann mit dieser Kunst 2009 sogar die ukrainische Version von „Das Supertalent.“ Es war also nur eine Frage der Zeit, bis eine Agentur den Trend entdeckt. Draft FCB kam Anfang 2010 auf die Idee und hat Yahav gleich engagiert. Die Israelin malt im Lieken-Urkorn-Spot allerdings mit Mehl statt mit Sand.


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Hier gehts zum Video mit Kseniya Simonova
(Youtube)


Beispiel 4: Pick Up statt Pulp Fiction

Sie zählt zu den Sternstunden des Kinos: Die Szene, in der sich John Travolta und Samuel L. Jackson in „Pulp Fiction“ (1994) über die je nach Land unterschiedliche Definition eines Quarter Pounders unterhalten. Was Kultregisseur Quentin Tarantino wohl zur Neuauflage mit Jürgen Drews und Roberto Blanco sagen würde? Die Agentur Xenion hat die Szene 2007 für den Leibniz-Snack Pick Up persifliert.


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Hier die Szene aus "Pulp Fiction" mit John Travolta und Samuel L. Jackson (Youtube)


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Und hier die Neuauflage mit Jürgen Drews und Roberto Blanco (Youtube)

Beispiel 5: Urs Wehrli steigt kurzfristig bei Kolle Rebbe ein

Der Schweizer Künstler Urs Wehrli hat mit seinem 2002 erschienenen Buch „Kunst aufräumen“ (oben) einen so nachhaltigen Eindruck bei den Kreativen von Kolle Rebbe hinterlassen, dass sie seine Handschrift kurzerhand für eine Printkampagne des Büromöbelherstellers Bisley (unten) nutzten. Nach unzähligen Kreativpreisen im Jahr 2004 traten die ersten Neider auf den Plan. Kolle Rebbe begegnete den Plagiatsvorwürfen damals auf sehr kreative Weise: Wehrli wurde einfach nachträglich zum Kreativdirektor der Kampagne ernannt, womit er auch einverstanden war (HORIZONT 21/2004).


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Beispiel 6: DDB kopiert von der Kopiererin

Bei den „Short but Fun“-Filmen für den VW Fox (rechts) hat DDB wohl von vorneherein mit Plagiatsvorwürfen gerechnet. Deshalb hat die Agentur von Anfang an mit offenen Karten gespielt: Die Spots sind von der Website Angryalien.com geklaut, die von Jennifer Shiman kreiert wurde. Shiman wiederum persifliert mit ihren Hasenfilmen Hollywood-Klassiker wie „Shining“, „Titanic“ und viele andere.


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Szenen aus Shining (siehe bei 0:40 Min.) (Youtube)

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Website Angryalien.com

Beispiel 7: Spielzeugpuppen als Vorbilder

Wer hat hier von wem geklaut? Der Spielzeughersteller Hasbro unterstützt den Verkauf seiner Spielfigurenserie „Transformers“ bereits seit 1984 mit einer gleichnamigen Zeichentrickserie. Mit einem digital animierten Realfilm in bester „Transformers“-Manier sorgten Citroën und seine Agentur Euro RSCG 2004 für Furore – drei Jahre vor dem Oscar-nominierten Actionfilm „Transformers“ von Michael Bay. Weitere Spots des Autobauers folgten.


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Trailer zum Kinofilm "Transformers" (Youtube)



Beispiel 8: Goldener Cannes-Löwe für eine geklaute Idee

Die wohl bekannteste Arbeit des Schweizer Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss ist der Film „Der Lauf der Dinge“, der 1987 bei der Documenta 8 in Kassel zu einem Publikumserfolg wurde. Fischli und Weiss wurden damit international bekannt und gehören seither zu den renommiertesten Gegenwartskünstlern der Schweiz. Die Agentur Wieden + Kennedy hat das nicht daran gehindert, die berühmte filmische Vorlage gnadenlos für den Honda-Spot „Cog“ auszuschlachten. Von der Cannes-Jury des Jahrgangs 2003 gab es für den dreisten Diebstahl sogar noch einen goldenen Löwen.


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"Der Lauf Der Dinge" von Peter Fischli und David Weiss (Youtube)


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Honda-Spot "Cog" von Wieden + Kennedy (Youtube)

Beispiel 9: Roadmovie in Spielberg-Manier

Cineasten dürften sich noch an den ersten Spielfilm von Steven Spielberg erinnern: den Kinofilm „Duell“ aus den frühen 70ern, in dem der Geschäftsmann David Mann auf einer Autofahrt von einem mysteriösen Tanklastzug verfolgt wird. 2002 hat Saatchi & Saatchi die Story im Auftrag von Audi aufgegriffen und dem TV-Spot durch eine überraschend neue Wendung zum Schluss eine eigene Note verliehen.


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Ausschnitt aus dem Spielberg-Film "Duel" (Youtube)


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Der Audi-Spot von Saatchi & Saatchi (Youtube)

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