Digitale Empörung auf Bestellung: Agentur bietet organisierte Shitstorms

Donnerstag, 04. April 2013
Diese Shitstorm-Pakete bietet Cavemann an (Bild: Screenshot caveman-werbeagentur.de)
Diese Shitstorm-Pakete bietet Cavemann an (Bild: Screenshot caveman-werbeagentur.de)


Das Angebot klingt so außergewöhnlich, dass man es zunächst nicht glauben will: Eine Agentur im nordrhein-westfälischen Neuss organisiert gegen Bezahlung Shitstorms. Die "Caveman Werbeagentur" bietet mehrere Pakete, die unterschiedliche Stufen der digitalen Empörung versprechen. Nur ein Gag oder ernst gemeintes Angebot? "Ihr Mitbewerber bricht ein Marketingversprechen? Sie haben sich am Kakao eines Fast Food Restaurants verbrüht? Sie sind sauer auf Ihren Handyanbieter? Dann kaufen Sie einen Shitstorm", so steht es auf der Homepage der Caveman Werbeagentur. Das Versprechen: "Wir potenzieren Ihren Unmut und fluten bei Facebook die Fanseiten mit Kommentaren und Likes." Das lässt sich die Agentur, die im Kerngeschäft Lichtinstallationen realisiert, einiges Kosten: Caveman bietet Pakete in den Größen S bis XL, die zwischen 4.999 und 199.999 Euro kosten. Dafür bekommt der Kunde dann bis zu 15.000 Kommentare und 5.000 Likes.

Die Homepage von Oliver Bienkowskis Verein Die Macher
Die Homepage von Oliver Bienkowskis Verein Die Macher
Ebenfalls zum Portfolio der Agentur gehört die Produktion von viralen Videos, weil diese die Gegenseite meist zu Reaktionen nötigten und häufig geteilt würden. "Auch hier kämpfen dann Bilder gegen Wörter - wobei das Video immer gewinnt", verspricht die Agentur. Die moralische Vertretbarkeit der Aufträge sowie die Anonymität der Auftraggeber seien dabei ein hohes Gut. "Wir nehmen nur Aufträge an - die unseren moralischen Richtlinien entsprechen. Ein Vorfall darf nie aus der Luft gegriffen sein", heißt es auf der Homepage. Und das ist noch nicht alles. Weitere Karmapunkte sammelt Caveman mit einem weiteren Angebot, das im Portfolio gleich neben den Shitstorms kommt: Zu den selben finanziellen Konditionen organisiert die Agentur auch Candystorms.

Alles nur blabla? Eine satirische Auseinandersetzung mit einem Modebegriff, der mittlerweile für jede Welle der Empörung verwendet wird, und sei sie noch so gering? Keineswegs, sagte Geschäftsführer Oliver Bienkowski zu Heise.de. Durch seine Kontakte in die IT-Branche - er arbeitete lange als IT-Sicherheitsexperte - sei es ihm ein Leichtes, das Angebot auch umzusetzen. Auch passende Mitarbeiter zu finden, die dann händisch einen Shitstorm entfachen, sei kein Problem.

Obdachlose unterstützen bei Shitstorms

Auf Nachfrage von HORIZONT.NET erklärt Bienkowski, die Idee zur organisierten öffentlichen Empörung kam ihm im Winter 2011, als auf Deutschlands Straßen 16 Obdachlose erfroren. Bienkowski stellt mit seinem Verein Die Macher Menschen ohne festen Wohnsitz Räumlichkeiten zur Verfügung und verschafft ihnen Zugang zu Computern - im Gegenzug leisten die Schützlinge Unterstützung bei der Organisation von Shit- oder Candystorms und "genießen die Teilhabe an moderner Kommunikation, die ansonsten dieser Bevölkerungsgruppe vorenthalten wird", so Bienkowski. Seinen hochpreisigen Shitstorm-Service will Bienkowski daher nicht als moralisch verwerflich oder als Geldmacherei verstanden wissen: "Wenn dadurch in den kommenden Wintern, die alle stärker und kälter werden, Obdachlose vor dem Erfrieren gerettet werden können, ist es alle Mühe wert."

Klingt reichlich schräg - und gewisse Restzweifel bleiben. Zumal Bienkowski sich auf seiner Macher-Homepage offenbar als Fan von Satire outet: Ein Foto zeigt ihn an der Seite des ehemaligen "Titanic"-Chefredakteurs Martin Sonneborn. Doch Bienkowski meint es offenbar ernst. Wie oft seine Agentur bereits Shitstorms umgesetzt hat, gibt Bienkowski nicht preis. Interesse an dem Service scheint es zu geben, mehr als die Hälfte der Anfragen lehne man jedoch ab, so Bienkoswki gegenüber faz.net. Allerdings fragt man sich schon, wer die saftigen Preise für einen organisierten Shitstorm denn bezahlen soll. Eigentlich kommen dafür nur große Unternehmen in Frage, aber kaum wütende Kunden, die sich in einem Café die Zunge verbrannt haben. Bienkowski sagt dazu nur: Zum Schutz der Klienten sei man zu Stillschweigen verpflichtet. ire
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