Debatte um Home Office: Wie Unternehmen und Agenturen mit Heimarbeit umgehen (sollten)

Donnerstag, 28. Februar 2013
Wie sollen wir heute arbeiten? Diese Frage ist seit Yahoos Absage an Heimarbeit aktueller denn je
Wie sollen wir heute arbeiten? Diese Frage ist seit Yahoos Absage an Heimarbeit aktueller denn je


Die Absage von Yahoo-CEO Marissa Mayer an Home Office hat für viele Reaktionen gesorgt - das Echo ist durchaus gemischt. An den Büro-Schreibtisch gefesselte Mitarbeiter seien oft unzufriedener und weniger produktiv, heißt es häufig. Wo liegen die Vor- und Nachteile von Home Office? Was sagen aktuelle Studien hierzu? Und wie wird das Thema in deutschen Unternehmen und Agenturen gehandhabt? HORIZONT.NET hat nachgefragt. Hat Marissa Mayer nun Recht, wenn sie ihre Mitarbeiter aus dem Home Office wieder an die Schreibtische in den Yahoo-Büros holen will? Experten sind sich uneinig. Virgin-Chef Richard Branson etwa wirft Mayer in seinem Blog Rückständigkeit vor, Kate Lister von "Bloomberg Businessweek" spricht von einem Armutszeugnis. US-Professor Raymond Fisman hingegen findet Mayers Signal richtig, während Alexandra Borchardt, Chefin vom Dienst bei der "Süddeutschen Zeitung", Heimarbeit gar nicht so vorteilhaft findet.

Grundsätzlich muss man das Thema natürlich in zweifacher Hinsicht beleuchten: Aus Perspektive des Arbeitnehmers und aus der Sicht von Unternehmen. Was die Angestellten angeht, überwiegen die positiven Effekte von Heimarbeit angeblich. Wie die gewerkschaftsnahe Hans Böckler Stiftung meldet, sind so genannte Telearbeiter einer Studie des Ökonomen Dan Wheatley von der Universität Nottingham zufolge wesentlich zufriedener - auch wenn ein Gutteil der verbleibenden Zeit für den Haushalt draufgeht.

Noch differenziertere Ergebnisse liefert eine Studie von Regus, Anbieter von flexiblen Arbeitsplatzlösungen. Das Unternehmen hat sich unter weltweit 20.000 Angestellten zum Thema Home Office umgehört. Demnach sind 72 Prozent der Befragten der Ansicht, dass flexible Arbeitsplatzlösungen für mehr Produktivität sorgen, 63 Prozent halten zeitliche und räumliche Flexibiltät für einen Motivationsfaktor. Michael Barth, Country Manager Germany bei Regus, sieht in Home Office aufgrund der zahlreichen Ablenkungsmöglichkeiten allerdings tatsächlich eine Gefahr für die Produktivität. Wenn Mitarbeiter, die von zu Hause arbeiteten, deswegen weniger Output hätten, liege das weniger am Home Office als mehr an schlechtem Management.

Andrea Hollenburger ist Personalleiterin bei Scout 24 (Bild: Scout 24)
Andrea Hollenburger ist Personalleiterin bei Scout 24 (Bild: Scout 24)
Mitarbeiter auch mal von zu Hause arbeiten zu lassen, ist also für Führungskräfte keine leichte Entscheidung. Wie wird das im deutschen Arbeitsalltag gehandhabt? Ein Beispiel aus der Praxis ist etwa die Scout24-Gruppe, die individuelle Home Office-Vereinbarungen mit ihren Mitarbeitern pflegt. "Wenn die eigenen vier Wände zu Höchstleistungen anspornen – warum nicht?", sagt Andrea Hollenburger, Senior Vice President Human Resources. Entscheidend für die Gewährung von heimarbeit sei die individuelle Lebenssituation des betreffenden Mitarbeiters. Gerade für Pendler und Eltern sei Home Office eine praktische Alternative zum Büro. Nachteilig sei jedoch die Tatsache, dass die Kommunikation via Email, bzw. Telefon das persönliche Gespräch nicht immer ersetzen könne. "Das Thema Home Office muss daher im jeweiligen Einzelfall betrachtet und entschieden werden", so Hollenburger.

Ingo Husmann berät Agenturen bei Arbeitsprozessen (Bild: Ingo Husmann)
Ingo Husmann berät Agenturen bei Arbeitsprozessen (Bild: Ingo Husmann)
Im Falle Yahoos war vielen Kommentatoren aufgestoßen, dass ein Internetunternehmen eigentlich für moderne, kreative Lösungen stehen sollte. Das gilt für Kreativschmieden oder Digitaldienstleister natürlich in besonderem Maße. Doch bei Agenturen scheint das Thema Home Office noch nicht auf der Agenda zu stehen, wie Ingo Husmann feststellt. Der Unternehmensberater leistet mit seinem Unternehmen Dictyous Agenturen Hilfestellung bei der Einführung von flexiblen, im Fachjargon "agil" genannten Arbeitsmethoden wie Scrum. "Bei US-amerikanischen Unternehmen ist Home Office langjährige Praxis. Bei deutschen Agenturen nicht. Agenturen sollten für die bessere Vereinbarkeit von Job und Familie Home Office kreativer nutzen", sagt Husmann. Denn die Vorteile lägen auf der Hand: Freiere Zeiteinteilung, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, mehr Abwechslung zwischen Team- und Eigenarbeit, höhere Motivation. Die Nachteile wie weniger soziale Kontakte oder keine Flexibilität für kurzfristige Abstimmungen könnten mit agileren Arbeitsweisen minimiert werden.

Christoph Bauhofer steht Home Office skeptisch gegenüber (Bild: Conrad Caine)
Christoph Bauhofer steht Home Office skeptisch gegenüber (Bild: Conrad Caine)
Dennoch gibt es Skepsis in der Branche: "Generell haben wir die Erfahrung gemacht, dass besonders im kreativen Bereich oder wenn kundenorientiert gearbeitet wird, die Ergebnisse besser sind, wenn die Mitarbeiter auch räumlich zusammen arbeiten", sagt etwa Christoph Bauhofer, General Manager bei der Digitalagentur Conrad Caine. Auch das Führen von Mitarbeitern als Team- oder Abteilungsleiter sei via Home Office nur schwer umsetzbar. Dennoch ermöglichen es die Münchner ihren Mitarbeitern, individuell mit den jeweiligen Vorgesetzten ausgearbeitete Lösungen für Heimarbeit in Anspruch zu nehmen.

Eingkeit herrscht bei Hollenbruger, Husmann und Bauhofer darüber, dass das Thema Home Office in Zukunft wichtiger wird. "In Hinblick auf den häufig zitierten Fachkräftemangel werden sich Unternehmen immer mehr an die Veränderungen anpassen und flexible Arbeitsmodelle und Angebote zur Work-Life-Balance anbieten müssen", prophezeit Hollenburger. Auch Husmann und Bauhofer vermuten, dass die Arbeitnehmer diesbezüglich anspruchsvoller werden. Von Bauhofer kommt jedoch einschränkend der Hinweis, dass Home Office seiner Erfahrung nach vor allem für Spitzenkräfte kein Kriterium sei, sich für oder gegen einen Arbeitgeber zu entscheiden. ire
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