Bezahlung erst nach 120 Tagen: Das halten Agenturmanager vom Inbev-Vorstoß

Donnerstag, 14. Mai 2009
Inbev sorgt bei Agenturen für Unruhe
Inbev sorgt bei Agenturen für Unruhe

Den Agenturen droht neues Ungemach. Nur zwei Wochen nach dem Vorstoß von Coca-Cola in Richtung Performance-basierte Abrechnung sorgt Inbev für Unruhe bei den Kreativ- und Marketingdienstleistern. Der belgische Bierkonzern (Diebels, Beck’s, Franziskaner, Löwenbräu) hat in den USA angekündigt, seine Kommunikationsdienstleister erst nach 120 Tagen zu bezahlen.  Ein Zeitraum, der deutlich länger ist als bislang üblich – und zwar nicht nur in den USA: „120 Tage haben wir noch nicht erlebt“, berichtet GWA-Schatzmeister und Publicis-Finanzchef Erwin Bakker. Es gebe aber bereits die Tendenz, dass die Kunden immer längere Zahlungsfristen ansprechen und einfordern. „Die Inbevisierung ist bei uns schon in vollem Gang“, bestätigt Stephan Rebbe von Kolle Rebbe in Hamburg. In der Folge wächst die Gefahr, dass gerade kleine Agenturen in eine finanzielle Schieflage geraten. Die Szenarien der Experten reichen von zwischenzeitlichen Liquiditätsengpässen über Einschränkungen bei Investitionen und Innovationen bis hin zur Unternehmensaufgabe.

HORIZONT.NET hat führende Agenturen und Verbände nach ihrer Meinung gefragt - und folgende Antworten erhalten:

Florian Haller
Florian Haller

Florian Haller, Geschäftsführer von Serviceplan:

"Es gab auch bei uns in der Vergangenheit Kunden, die ein längeres Zahlungsziel angestrebt haben. Und in einzelnen Fällen gehen wir auch darauf ein. 120 Tage ist allerdings ein außergewöhnlich und verdächtig langer Zeitraum. Ich sehe das im Großen und Ganzen sehr rational. Wenn ein Kunde ein spätes Zahlungsziel wünscht, dann muss man sich schlichtweg über die Kapitalkosten einerseits und das unternehmerisches Risiko andererseits unterhalten."

Zu den weiteren Statements von Werner Bitz, Karen Breitenbücher, Erwin Bakker,  Horst Wettlaufer, Lothar Leonhard, Stephan F. Rebbe, Christian Tiedemann und Peter John Mahrenholz:

 
Werner Bitz
Werner Bitz

Werner Bitz, Sprecher des Media-Agenturenverbands OMG:

"Die Verschiebung eines Zahlungsprocedere stellt einen gewichtigen Eingriff in ein ausbalanciertes Kalkulationsgefüge dar. Denn im Klartext bedeutet ein Zahlungsziel von 120 Tage die Finanzierung von mindestens 90 Tagen netto aus dem Agenturhonorar."




Karen Breitenbücher
Karen Breitenbücher

Karen Breitenbücher, CEO von Y&R Germany:

 "Eine derart lange Zahlungsfrist hat negativen Einfluss auf Liquidität und Rentabilität. Je nach Unternehmensgröße und Modell kann dieser von Schwierigkeiten bis zum gänzlichen Aus reichen. Viele Mittelständler melden jedes Jahr in Deutschland Insolvenz an oder gehen Konkurs - auch aufgrund ausstehender Verbindlichkeiten. Ich könnte mir als Gegenmaßnahme einen Code of Conduct vorstellen. Dieser müsste allerdings auch für Subunternehmer gelten."

Zu den weiteren Statements:

Erwin Bakker
Erwin Bakker

Erwin Bakker, CFO von Publicis Deutschland und Schatzmeister des GWA:

"Das Beispiel macht bereits Schule, jedoch noch nicht in diesem Ausmaß. Normalerweise würde die deutsche Unternehmenskultur dies verbieten. Jedoch ist die Frage, wo man diese deutsche Kultur überhaupt noch findet."

Horst Wettlaufer, Chief Operating Officer McCann Worldgroup Germany:

"Allein in diesem Zusammenhang von Auftragsablehnung oder gar von Vertragsauflösung zu sprechen geht völlig an der wirtschaftlichen Realität vorbei."



Lothar Leonhard
Lothar Leonhard

Lothar Leonhard, Chairman von Ogilvy & Mather Frankfurt:

"Das scheint mir ein Verhalten zu sein, das wir in anderen Märkten durchaus kennen, nicht aber in Deutschland. Inbev vertritt nun sicher keine deutsche Marktkultur, sondern dürfte eher meinen, das man uns noch etwas beibringen muss."



Zu den weiteren Statements:

Stephan F. Rebbe
Stephan F. Rebbe

Stephan F. Rebbe, Geschäftsführer Beratung von Kolle Rebbe:

"Die Inbevisierung ist bei uns schon in vollem Gange. Neue Zahlungsziele werden nicht diskutiert, sondern etabliert. Wer nicht mitmacht, ist raus. So einfach ist das. Warum sollte es in der Werbeindustrie anders laufen als zum Beispiel in der  Automobilzulieferindustrie? Herr Lopez lässt grüßen ..."



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Christian Tiedemann, Chief Financial Officer der Scholz & Friends Group:#/ZT#"Problematisch ist sicher das Thema Lieferantentreue und -vertrauen bei den Dienstleistern der Agenturen. Unter Umständen wird die Agentur keine guten Fotografen, Filmproduktionen oder Ähnliches mehr finden, die sich ebenfalls auf diese Zahlungsfristen einlassen. Dadurch entsteht ein Qualitätsrisiko für unsere Kunden."



Peter John Mahrenholz
Peter John Mahrenholz

Peter John Mahrenholz, GWA-Präsident

„Wenn hinter dem Vorgehen von Inbev die Absicht steht, sich von Lieferanten zinslose Darlehen geben zu lassen, dann können wir das nicht akzeptieren." brö





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