Arbeitsmarkt Werbung: Agenturen nutzen verstärkt Kruzarbeit

Donnerstag, 07. Mai 2009
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Im krisengebeutelten Arbeitsmarkt Werbung müssen Agenturen und Freelancer trotz aktueller Nöte ihr Know-how sichern, um nicht die gleichen Fehler zu machen wie 2002.

Da die Kommunikationsbranche nicht nur aus Mitarbeitern unter 30 Jahren besteht, haben viele derzeit ein Déjà-vu. Denn wer seit mehr als zehn Jahren in der Branche arbeitet, erlebt aktuell mindestens zum zweiten Mal harte Zeiten. Einige haben sogar aus ihnen gelernt: Etwa die Chefs der Agenturen Metadesign in Berlin sowie RTS Rieger Team, Stuttgart, die wie auch die Agentur Plantage Berlin mit Kurzarbeit auf die Auswirkungen der Wirtschaftkrise reagieren. Kurzarbeit scheint von den Dienstleistern als Alternative zu Entlassungen akzeptiert: Die Zahl der Unternehmen aus den Bereichen Werbung und Marktforschung, die Kurzarbeit beantragt haben, ist nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg im März auf 228 gestiegen - im Januar waren es erst 64. Angaben dazu, für wie viele der 1563 Mitarbeiter die Kurzarbeit tatsächlich genehmigt wurde, gibt es nicht.

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Bei Metadesign arbeiten seit Februar für sechs Monate rund 100 der 250 Beschäftigten kurz. Die betroffenen Kundenteams kommen bei Vollzeitverträgen statt einer Fünf-Tage-Woche vier Tage in die Agentur. Welche Teams das sind, hängt jeweils von der Auslastung ab und wird von der Geschäftsführung monatlich mit dem Betriebsrat besprochen. „Wir müssen trotz Kurzarbeit auf die Bedürfnisse unserer Kunden reagieren können. Mit der aktuellen Regelung ist das möglich,", sagt Uli Mayer-Johanssen, Vorstand bei Metadesign. RTS Rieger Team hat zunächst für ein Quartal Kurzarbeit für den gesamten Stuttgarter Standort mit 80 Beschäftigten beantragt und genehmigt bekommen. „Wir hoffen, dass die drei Monate ausreichen. Wenn nicht, wollen wir auf ein halbes Jahr verlängern", sagt Geschäftsführer Michael Frank. Die 17 Mitarbeiter starke Niederlassung in Düsseldorf ist nicht betroffen. Wie bei Metadesign wird die Arbeit bei der B-to-B-Agentur um 20 Prozent heruntergefahren.

Die Gründe, Kurzarbeit zu beantragen, waren bei beiden Dienstleistern die gleichen: „Wir habe keinen Kunden verloren, sondern sogar ein paar Pitches gewonnen. Aber bis es zur Umsetzung der Aufgaben kommt, vergeht sehr viel Zeit", schildert Frank. Zwischen 30 und 40 Prozent haben die Kunden der Stuttgarter Agentur ihre Budgets im Schnitt gekürzt. „Das lässt sich mit dem Neugeschäft nicht ausgleichen", sagt Frank.

Kurzarbeit: Alternative für Agenturen oder Freelancer?

Bezugsfrist: Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat die Bezugsfrist für das konjunkturelle Kurzarbeitergeld (Kug) in der %Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 2009 auf %18 Monate verlängert.

Voraussetzung: Um für einen oder mehrere Beschäftigte Kug zu beantragen, muss ein Entgeltausfall von mehr als 10 Prozent nachgewiesen werden. Die ursprüngliche Regelung, dass mindestens ein Drittel der Belegschaft von einem Entgeltausfall betroffen sein muss, wird ausgesetzt. Damit ist das Kug auch eine Alternative für Freiberufler, die nur wenige Beschäftigte haben. Die Bedingung, Kurzarbeit werde nur gewährt, wenn die Mitarbeiter gleichzeitig weitergebildet werden, wurde wieder gestrichen.

Kug: Die Bundesagentur für Arbeit zahlt den von Kurzarbeit betroffenen Arbeitnehmern 60 oder 67 Prozent des ausgefallenen Nettolohns (das Kurzarbeitergeld) und erstattet 50 Prozent der Sozialabgaben auf das Kurzarbeitergeld. Für Mitarbeiter, die sich weiterqualifizieren, werden 100 Prozent der Sozialabgaben und Anteile an den Weiterbildungskosten übernommen.

Stimmungsbild: Eine Umfrage zum Thema Kurzarbeit auf HORIZONT.NET, an der sich 199 Nutzer beteiligt haben, zeigt ein gemischtes Stimmungsbild: 47 Prozent der Teilnehmer halten demnach Kurzarbeit in der aktuellen Marktlage für Agenturen nicht für sinnvoll. Fast ebenso viele Surfer (44 Prozent) sind allerdings der gegenteiligen Meinung; 10 Prozent sind unentschieden. Tatsächlich hat sich die Zahl der Unternehmen aus Werbung und Marktforschung, die Kurzarbeit beantragt haben, von 64 im Januar auf 228 im März gesteigert.

Auch bei Metadesign haben die Kunden ihre Investments stark gedrosselt: „Zahlreiche Kunden haben ihre Budgets gekürzt, neue Projekte werden nicht aufgesetzt und Pitches werden zwar gewonnen, münden aber dann nicht in konkrete Aufträge", sagt Mayer-Johanssen. Dass dies den Umsatz klar zurückgehen lässt, habe sich trotz gutem Jahresabschluss bereits im 4. Quartal 2008 gezeigt. „Die Gespräche mit unseren Kunden haben schnell deutlich gemacht, dass wir die Budgetkürzungen und gestoppten Projekte nicht einfach kompensieren können", sagt Mayer-Johanssen. Nach Gesprächen mit der Bundesagentur für Arbeit und der internen Prüfung, was möglich ist und wie die Umsetzung funktionieren kann, wurden die Mitarbeiter informiert. Bei Metadesign hat sich dabei der Betriebsrat als „gutes Instrument erwiesen", so Head of Human Relations Marion Rachner. Die Verhandlung über die Bedingungen mit dem Betriebsrat führen zu können, habe ihr und der Geschäftsführung einzelne Gespräche mit jedem Mitarbeiter und damit sehr viel Zeit erspart. „Diesen Prozess hätten wir anders gar nicht stemmen können", sagt Rachner.

Ob die sechs Monate ausreichen, um die Auftragslage auszugleichen, steht für Metadesign angesichts der volatilen Prognosen ihrer Kunden noch nicht fest. Klar ist allerdings bei Metadesign wie auch bei RTS Rieger Team: „Wenn auch nur ein größeres Projekt freigegeben wird, brauchen wir die ganze Mannschaft", sagt Frank. Deshalb wollen die Agenturen ihre Mitarbeiter halten. Metadesign konnte sogar noch zwei neue Mitarbeiter übernehmen. „Wir wollen es vermeiden, erst zu entlassen, nur um dann wieder neue Teams aufbauen zu müssen, wenn die Kunden ihre Projekte anschieben", sagt Agentur-Chefin Mayer-Johanssen. Das hat zum einen mit den Kosten für die Personalakquise zu tun, aber auch mit dem Know-how, das mit den Entlassenen verschwinden würde.

Gerade deshalb begrüßt auch Personalberaterin Dagmar Hübner, Inhaberin von The People Business in Frankfurt, die Kurzarbeit in Agenturen. „In der letzten großen Krise 2002 haben die Agenturen sehr viel Know-how verloren, das sie in den folgenden Jahren nicht wieder aufholen konnten", sagt Hübner. In der aktuellen Situation weiteres Wissen zu verlieren sei fatal, denn Fachkräfte würden in bestimmten Bereichen auch aktuell stark fehlen. Metadesign versucht wegen des Know-hows auch die Arbeitsbeziehung zu einigen Freelancern zu halten, obwohl die meisten freigesetzt wurden, als klar war, dass der Umsatz 2009 deutlich zurückgeht. Die Freiberufler, die aktuell für den Dienstleister arbeiten, mussten Einschnitte hinnehmen - eine Situation, mit der derzeit wohl die meisten Freelancer zu kämpfen haben.

„Die Agenturen trennen sich aktuell von zahlreichen Freelancern und auch über die Honorare wird hart verhandelt", sagt beispielsweise Michael Luplow, der als freier Projektleiter in der Live-Kommunikation arbeitet. Luplow hat gerade ein neues Projekt übernommen, das ihm in den kommenden sechs Monaten das Einkommen sichert. Davor hat der Freelancer aber mehrere Monate durchgestanden, in denen er auch auf sein Erspartes zurückgreifen musste. „Die Agenturen suchen sich derzeit die preiswertesten Freiberufler oder versuchen, die Projekte inhouse zu stemmen", sagt Luplow.

Eine Chance für den Nachwuchs und gute Werbung sieht Ex-JvM-Kreativchef Oliver Voss, Leiter der Miami Ad School, in der Entwicklung. „Es ist eine betriebswirtschaftliche Realität: Wenn eine Agentur für drei junge Kreative genauso viel zahlen muss, wie für einen etablierten freiberuflichen CD, überlegt man sich in Krisenzeiten eher, Nachwuchswerber anzuheuern", sagt Voss. Da die jungen Talente viel Motivation und Wissen um neue Kanäle wie Twitter mitbringen, könne eine Agentur aus ihnen günstig kreatives Kapital schlagen. Etablierte Kreative, die sich nicht weitergebildet haben, sind Voss zufolge derzeit chancenlos.Eine Entwicklung, die auch Personalprofi Hübner beobachtet. Bei ihr melden sich viele Freelancer, die nach Jahren der Selbstständigkeit wieder eine Festanstellung suchen. „Vielen fehlen leider Skills wie Führungs- und Neugeschäftserfahrung sowie Kundenbindung, die unbedingt nötig sind, um für eine Stelle infrage zu kommen, die ihrem gewohnten Honorarniveau entspricht", sagt Hübner. Zudem hätten es viele versäumt, sich weiterzubilden: „Wer seit zehn Jahren nur klassisch textet, kann kaum für Online arbeiten und hat wenig Chancen", sagt Hübner. Eva-Maria Schmidt
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