"Abwarten und beobachten": BBDO-Manager Michael Schipper über Google Plus

Freitag, 01. Juli 2011
Michael Schipper ist seit 1995 bei der BBDO-Gruppe
Michael Schipper ist seit 1995 bei der BBDO-Gruppe

Google schickt sich an, die Welt der sozialen Netzwerke kräftig umzukrempeln. Google Plus heißt das Produkt, mit dem der kalifornische Netzgigant dem großen Konkurrenten Facebook das Leben schwer machen möchte. Noch zweifeln Experten, ob Google es diesmal schafft, ein massentaugliches, weltweit erfolgreiches Netzwerk zu erschaffen. Auch Michael Schipper, COO von Deutschlands größter Agenturgruppe BBDO und Digital-Spezialist, hat seine Zweifel. Der 45-Jährige besuchte Mitte Juni das Hauptquartier von Google in Mountain View und brachte von dort vielfältige Eindrücke mit, auch zu Google Plus. Wo er die Stärken und Schwächen des sozialen Netzwerks sieht und was der Launch für die Werbebranche bedeutet, erklärt Schipper im Gespräche mit HORIZONT.NET. Waren Sie skeptisch ob des neuen Versuchs von Google, ein soziales Netzwerk zu starten?
Ich bin es nach wie vor. Denn immerhin sind sie mit Buzz und Google Wave bereits zweimal gescheitert. Google versucht natürlich mit aller Macht im Bereich der sozialen Medien Fuß zu fassen. In den USA liegt die Internet-Verweildauer auf der Facebook-Seite bereits höher als auf Google-Seiten. Und das ist entscheidende Währung: Verweildauer der User. Und nach nunmehr 600 Mio. Facebook-Nutzern wird es in der Tat nicht leicht, die kritische, notwendige Größe in kurzer Zeit zu erreichen. Das ist das Los des „slow followers“. Parallel pusht Facebook die Suchfunktion, die Userempfehlungen einbeziehen soll. Das ist natürlich ein gewaltiger Hebel, den Facebook ansetzt, denn Empfehlungen von „Freunden“ sind vertrauenswürdiger als künstlich erzeugte Rankings.

Was ist das Neue, Spannende, Aufregende an Google Plus?
Entgegensetzen kann Google aus meiner Sicht zwei wesentliche Vorteile: Erstens das Intuitive Oberflächendesign – welches übrigens vom ehemaligen Apple-Oberflächendesigner Andy Hertzfeld gestaltet wurde. Das ist ein erkennbarer und sehr positiver Unterschied zu Facebook. Zweitens die Features: Vorne weg das Feature „Circles“, dass die Kategorisierung in „Freundes“-Gruppen und damit die Möglichkeit der separierten Ansprachen und dem segmentierten Teilen der Informationen in Bild, Text und Ton. zulässt. Der User kann also zwischen Familie, Freunden oder Kollegen differenzieren. Das Fehlen dieser Möglichkeit bei Facebook ist sicher ein großes Manko. Und natürlich zwei zusätzliche Features: Hangout (Videochats) und Sparks (Newsfeeds), die Facebook bisher nicht bietet.

Welche Stärken, welche Schwächen hat es gegenüber Facebook?
Wie bereits gesagt: Das Herzstück ist das Feature „Circles“ und macht den entscheidenden Unterschied. Das ist schon sehr relevant und eine entscheidende Stärke von Google Plus. Fraglich ist natürlich, wie lange es dauert, bis Facebook das auch bietet. Technisch möglich ist es sicher und kann wahrscheinlich problemlos nachgeschoben werden. Damit wäre dann die Stärke von Google Plus schnell kompensiert.

Circles, Sparks und Hangouts: Google Plus biete jede Menge neuer Features
Circles, Sparks und Hangouts: Google Plus biete jede Menge neuer Features
Was muss Google begleitend tun, um die Menschen vom Produkt zu überzeugen?
Google hat meiner Meinung nach einen entscheidenden Nachteil: Der Markt ist mit Facebook bereits gemacht und das Rennen um den User dürfte gelaufen sein. Google muss sich also etwas einfallen lassen, um eine ausreichende Menge von Teilnehmern generieren zu können. Danach sieht es auf den ersten Blick aber nicht aus: Ausgeschlossen ist beispielsweise das Importieren der Daten- und Adresssätze aus Facebook. Lediglich G-Mail Kontakte lassen sich importieren. Das ist aber zu wenig, betrachtet man mal die Nutzerzahlen dieses Dienstes. Und am Ende will ja keiner alleine auf einer Plattform dümpeln während die „Freunde“ auf einer anderen Party tanzen.

Was bedeutet der Launch für die Werbebranche?
Da Google bisher keine Angaben zu Vermarktungsmöglichkeiten macht und bis jetzt nichts zu Fan-Page Angeboten oder Ähnlichem vermeldet, gibt es auch keinen Grund, im Zuge dieses Soft-Launches über Strategien nachzudenken. Ich habe da eine klare Empfehlung: Abwarten und beobachten!

Kann Google Plus denn überhaupt neue Möglichkeiten für digitale Werbung bieten?
Auch hierzu gibt es keinerlei Informationen. Vorstellbar ist natürlich, dass innerhalb der Google-Produktfamilie Möglichkeiten entstehen können, die deutlich attraktiver sein können, als die Möglichkeiten, die Facebook heute bietet. Google kann sicher vernetzungs- und transferfeatures bereitstellen, die Facebook nicht bieten kann.

Wie sollten Kunden aus Agentursicht auf Google Plus reagieren?
Absolut entspannt, bis klar wird, was Google Plus wirklich bietet und bis erkennbar wird, wie sie in kurzer Zeit kritische Userzahlen erreichen wollen. Nochmals: auf Basis des bisherigen Informationsstandes, habe ich erhebliche Zweifel an einem durchschlagenden oder schnellen Erfolg.

Wie schätzen Sie die Zukunftsaussichten für Google Plus ein?
Nach derzeitigem Wissenstand ist das sicher eine runde Lösung. Ich empfinde das Angebot gut durchdacht und auf den ersten Blick besser, als die derzeitige Facebook-Lösung. Aber das waren die damaligen Betamax-Video Systeme auch und VHS konnte sich trotzdem durchsetzen. So ist es in der Regel immer, wenn man „first mover“ ist. Google bleibt hier der „slow follower“.
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