ADC-Sprecher Kassaei wirft hin: Das sagen Deutschlands Kreative

Freitag, 07. August 2009
Legt sein Amt als Sprecher des ADC nieder: Amir Kassaei
Legt sein Amt als Sprecher des ADC nieder: Amir Kassaei

Der Pulverdampf hat sich noch nicht verzogen, doch die ersten Mythen und Legenden über die Gründe der Amtsniederlegung von ADC-Vorstandssprecher Amir Kassaei werden bereits gestrickt. Zumindest eines ist klar: Bis zur Jahreshauptversammlung im November bleibt Kassaei kommissarisch in Amt und Würden. Darüberhinaus sagt er, dass er kategorisch alle Maßnahmen ablehne, "die gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den ADC daran hindern, in herausragender Qualität Themenführer und Impulsgeber der Kreativ-Branche zu sein und wirtschaftlich dem Club schaden. Das sehen große Teile des Vorstandes des ADC anders." Und der ADC meint: "Wir bedauern, dass Amir Kassaei im Rahmen von Diskussionen über die Ausrichtung des Clubs sein Amt als ADC Vorstandssprecher auf der nächsten Jahreshauptversammlung zur Verfügung stellt." Was Deutschlands Kreative zum Zerwürfnis zwischen ADC und Kassaei sagen - das liefert die exklusive HORIZONT-Umfrage: Kommentare zur Lage der Kreativnation.

Das sagt Amir Kassaei selbst zu seinem Rücktritt


Amir Kassaei, CCO von DDB und amtierender Vorstandssprecher des ADC

"Kann einen nachteiligen Kurs nicht tragen": Amir Kassaei
"Kann einen nachteiligen Kurs nicht tragen": Amir Kassaei
Ich bin immer noch der festen Auffassung, dass der ADC immer als Club der herausragenden Kreativen und als Club der Innovationen auch für herausragende Qualität in allen Bereichen stehen soll. Deshalb lehne ich kategorisch alle Maßnahmen ab, die gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den ADC daran hindern, in herausragender Qualität Themenführer und Impulsgeber der Kreativ-Branche zu sein und wirtschaftlich dem Club schaden. Das sehen große Teile des Vorstandes des ADC anders. Da ich mit einem Progamm, das das Mandat der Mehrheit der Mitglieder hat, als Sprecher gewählt worden bin und meine Verantwortung ernst nehme, kann ich einen für den ADC nachteiligen Kurs nicht tragen und trete zurück. Ich werde trotzdem kommissarisch die Rolle des Sprechers bis zur Jahreshauptversammlung ausführen.

Das offizielle Statement von Jochen Rädeker vom ADC

Jochen Rädeker, Strichpunkt, im Namen des ADC Vorstands

"Bedauern den Rücktritt": Jochen Rädeker
"Bedauern den Rücktritt": Jochen Rädeker
Wir bedauern, dass Amir Kassaei im Rahmen von Diskussionen über die Ausrichtung des Clubs sein Amt als ADC Vorstandssprecher auf der nächsten Jahreshauptversammlung zur Verfügung stellt. Wir bedanken uns bei ihm für die intensive Arbeit und die wichtigen Impulse, die er dem ADC gegeben hat und werden mit ihm gemeinsam die Zeit bis zur Jahreshauptversammlung nutzen, um den Club weiter optimal auszurichten.

Zum Statement von Arno Lindemann, Lukas Lindemann Rosinski

Arno Lindemann, Geschäftsführer Kreation, Lukas Lindemann Rosinski

"Trauriges Zeichen": Arno Lindemann
"Trauriges Zeichen": Arno Lindemann
Es bedeutet vor allem Unruhe und ist ein trauriges Zeichen an all unsere Kunden, dass wir, die kreative Elite Deutschlands, wohl doch noch keine ernstzunehmenden und konstanten "Berater" sind. Denn wer selbst seinen eigenen Laden nicht geführt bekommt, kann mit wenig Vertrauen auf Kundenseite rechnen! Ich hätte mir mehr Durchhaltevermögen zur Stärkung des ADC gewünscht!

Zum Statement von Stephan Rebbe, Kolle Rebbe Werbeagentur 

Stephan Rebbe, Geschäftsführer, Kolle Rebbe Werbeagentur

"ADC ohne Kassaei ist wie CSU ohne Strauß": Stephan Rebbe
"ADC ohne Kassaei ist wie CSU ohne Strauß": Stephan Rebbe
Vom Wesen her eher nach innen gerichtete und zur Selbstbeweihräucherung neigende Vereinigungen wie der ADC oder der GWA brauchen Speikobras à la Kassaei: Immer angriffslustig und auffällig, sonst interessiert sich niemand wirklich außerhalb des Elfenbeinturmes für deren Anliegen. ADC ohne Kassaei ist wie CSU ohne F. J. Strauß.

Zum Statement von EX-ADC-Sprecher "Bulle" Berndt

Hans-Joachim "Bulle" Berndt, House of Packshots Film- und Fernsehproduktion

"Entscheidung ist konsequent": "Bulle" Berndt
"Entscheidung ist konsequent": "Bulle" Berndt
Schade, dass Amir Kassaei als kreativer Leuchtturm und mein Nachfolger im Vorstand des ADC schon nach so kurzer Zeit das Handtuch wirft, denn der ADC braucht eine zeitgemäße kaufmännische und finanzielle Ausrichtung, um die wirtschaftlichen Hürden zu übersehen. Ebenfalls ist es schade, dass Amir seine Vorstandskollegen nicht voll überzeugen konnte, hier mitzuziehen, denn er hatte sich als Anführer für ALLE ADC-Mitglieder gesehen und damit ist seine Entscheidung konsequent. Der ADC wird auch dieses kleine Wolkengrollen überstehen und weiterhin sein Ziel zur Förderung der kreativen Exzellenz fortsetzen.

Zum Statement von Florian Grimm, Grimm Gallun Holtappels Werbeagentur

Florian Grimm, Geschäftsführer Kreation, Grimm Gallun Holtappels Werbeagentur

"Der Club hat sich im Kreis gedreht": Florian Grimm
"Der Club hat sich im Kreis gedreht": Florian Grimm
Ja, das ist bedauerlich. Für den Club bedeutet das in erster Linie, dass er sich ein Jahr im Kreis gedreht hat. Auch wenn das zu Zeiten der 360-Grad-Kommunikation wohl nichts ungewöhnliches ist. Ich finde es schade, dass der Vorstand einen Impulsgeber verliert und wünsche mir einen Nachfolger, der die Grundwerte des ADC beherzigt. Der ohne viel Gelaber und einfach geradeaus die richtigen Entscheidungen auf den Weg  bringt. Ob das wohl möglich ist?

Zum Statement von Guido Heffels, Heimat

Guido Heffels, Kreativdirektor, Heimat

"Zurück zur Zombie-Kreation": Guido Heffels
"Zurück zur Zombie-Kreation": Guido Heffels
Mission gescheitert: zurück zur Zombiekreation. Die Idee ADC ist völlig unabhängig von seinen Sprechern. Wäre ja noch schöner, wenn Amirs dramatisch inszenierter Abgang daran etwas ändern würde. Von nun an wären Bescheidenheit und Demut angesagt. Der ADC wird weiterhin geschwürartig wachsen, debattieren und 10 Jahre nach allen anderen Clubs weltweit deren Ideen müde kopieren. So war es, so wird es immer sein. Unabhängig vom Sprecher.

Zum Statement von Alexander Ellendt, Vogelsänger Film 

Alexander Ellendt, Executive Producer, Vogelsänger Film & V2film

"Polarisieren ist nicht mehr hip": Alexander Ellendt
"Polarisieren ist nicht mehr hip": Alexander Ellendt
Der ADC hatte sich einen polarisierenden Sprecher gewählt. Offenbar ist es nicht mehr hip, in der Werbung zu polarisieren. In einer schwierigen Zeit verliert nun der ADC den Kopf, der ihn auch außerhalb der Werbewelt bekannt gemacht hat. Die Frage bleibt, ob Amir Kassaei wegen der Diskussion um seine Person oder wegen der Diskussion um seinen Kurs das Handtuch geworfen hat.

Zum Statement von Alexander Rehm, Rehm International

Alexander Rehm, Rehm International

"Der Club löst sich allmählich selber auf": Alexander Rehm
"Der Club löst sich allmählich selber auf": Alexander Rehm
Amirs Vorstellung ist zu Ende. Meine ist so: Die Suche nach Amir Kassaeis Nachfolger gestaltet sich schwieriger als geplant. Top-Kandidaten wie Andre Kemper und Guido Heffels verweisen auf ihre eigenen, gesunden Kassen und winken ab. Sebastian Turner begnügt sich mit der Rolle des Altersweisen und fühlt sich darin bestätigter als je zuvor. Dörte Spengler-Ahrens willigt jedoch nach langen Bittbriefen ihrer Kollegen schließlich ein - der Ehrgeiz besiegt dann doch den Stolz - muss aber feststellen, dass tatsächlich alle ihre Vorgänger schlampig gehaushaltet haben und die Kassen dramatisch leer sind.

Flugs ist ein wohlklingender Sanierungsplan ausgearbeitet, der die Finanzierung sämtlicher Aktivitäten des Clubs mithilfe von Spenden vorsieht. Allein, es fehlen die Spender. Die verzweifelte Suche bei den hauseigenen Kunden bringen lediglich Beträge ein, die das Porto der Bittgesuche decken. Auch nach der eilends entschiedenen Verfünffachung der Mitgliedsbeiträge öffnen sich nicht die Schleusen der Geldströme. Im Gegenteil: Krisengebeutelte und damit zahlungsunfähige Clubmitglieder werden ausgetreten und der ADC damit endgültig zum elitärsten Verein Deutschlands.

Der Kongress wird bis auf Weiteres ausgesetzt. Die Party und auch die Ausstellung wird mit nahezu unerschwinglichen Eintrittsgeldern zu einer Geisterveranstaltung in einem Brandenburger Autobahnhotel. Die fünf voll zahlenden Besucher sind alte Werberomantiker, die auf dieses lieb gewonnene Ritual nicht verzichten möchten und ihren Altenteil dafür verpfändet haben. Dass dadurch ein weiteres Mal die Einsendequote dramatisch einbricht, ahnte man schon vorher. Nicht aber, dass aus dem ziegelsteinschweren ADC-Buch ein dünnes Heftchen geworden ist, das als Sonderbeilage von Max Creative von den meisten Lesern aus Versehen in den Papierkorb geschüttelt wird.

Und so löst sich der einst stolze Club allmählich selber auf. Sehr zum Wohlgefallen des einstigen Einjahrespräsidenten - Amir Kassaei hat sich die Relevanzkeule schwingend schon lange aus dem Verein verabschiedet und bastelt an der überfälligen Neuausrichtung des GWA.

Zum Statement von Michael Koch, Ogilvy One

Michael Koch, Executive Creative Director, OgilvyOne Worldwide

"Vorstandssprecher kommen und gehen": Michael Koch
"Vorstandssprecher kommen und gehen": Michael Koch
Die circa 500 Mitglieder des ADC machen den Club aus, nicht ein Einzelner. Und Vorstandssprecher kommen und gehen. Auch der nächste wird nicht der letzte sein.

Zum Statement von Christian Mommertz, Ogilvy & Mather

Christian Mommertz, Executive Creative Director, Ogilvy & Mather Frankfurt

"Seinen Parzival verliert der Club nicht": Christian Mommertz
"Seinen Parzival verliert der Club nicht": Christian Mommertz
Der ADC wollte an seiner Spitze den Rastlosen, den Risikofreudigen, den Radikalen. Das war gut so und implizierte Überraschungen, zu denen man auch die aktuelle zählen muss. Seinen Parzival verliert der Club dabei nicht. Dem ADC steht nun der Weg offen, konsolidiert seine Metamorphose voranzutreiben und seine Funktion als Branchenaushängeschild und wertvoller Partner von Industrie, Wissenschaft und Nachwuchs weiter auszubauen.

Zum Statement von Matthias Spaetgens, Scholz & Friends 

Matthias Spaetgens, Geschäftsführer Kreation, Scholz & Friends Berlin

"Das ist eine Innovation": Matthias Spaetgens
"Das ist eine Innovation": Matthias Spaetgens
Das ist eine Innovation. Und die hat Amir uns schließlich versprochen.

Zum Statement von Stefan Schmidt, TBWA

 

Stefan Schmidt, CCO, TBWA

"Bitte wieder weniger Politik": Stefan Schmidt
"Bitte wieder weniger Politik": Stefan Schmidt
Wir müssen aufpassen, dass wir als Club nicht komplett in der Bedeutungslosigkeit versinken. Inner-Vereinliche Unstimmigkeiten sind schlechte News; gute News können nur von unserer radikalen Haltung zur Qualität in Sachen Kommunikation ausgehen. Also: Bitte wieder weniger Politik und mehr Auseinandersetzung mit den Problemen von Brands + Companies und wie man diese Aufgaben mit Kreativität lösen kann.

Zum Statement von Martin Drust, Tribal DDB 

Martin Drust, Kreativ-Geschäftsführer, Tribal DDB

"Rückzug ist eine Katastrophe": Martin Drust
"Rückzug ist eine Katastrophe": Martin Drust
Der Rückzug von Amir ist nicht bedauerlich. Er ist vielmehr eine Katastrophe! Natürlich hat er ziemlich angeeckt, aber dafür wurde er ja auch gewählt. Mich würden die Hintergründe interessieren, da es eigentlich nicht Amirs Art ist, kampflos hinzuschmeißen. Amir ist ja Fan von Muhammed Ali - und der ist dreimal zurückgekommen.

Zum Statement von Detlef Rump, Proximity Germany 

Detlef Rump, Kreationsgeschäftsführer, Proximity Germany

"Arsch in der Hose": Detlef Rump
"Arsch in der Hose": Detlef Rump
Amir Kassaei hat von Anfang an polarisiert und jeder weiß, mit welcher Agenda er angetreten ist. Offensichtlich wurde man sich jetzt in der ADC-Führung nicht mehr einig. Bevor der Kollege sich untreu wird und von eigenen Vorstellungen abrücken muss, ist die Entscheidung den Hut zu nehmen, doch nur konsequent. Endlich mal wieder jemand mit 'nem Arsch in der Hose, dem die eigene Überzeugung - wegen der er gewählt wurde - wichtiger ist als das Amt.

Was es für den ADC bedeutet? Ich glaube nicht, dass es Auswirkungen haben wird. Der ADC ist gottlob nicht irgendein Verein, der ins Trudelns gerät, weil der Präsident nicht mehr mitspielen will.

Zum Statement von Helmut Hartl, Ex-Sprecher des VDW 

Helmut Hartl, Ex-VDW-Sprecher, Embassy of Dreams Filmproduktion

"Nie so sexy wie das eigene Konstrukt": Helmut Hartl
"Nie so sexy wie das eigene Konstrukt": Helmut Hartl
So ein Verband ist halt nie so sexy wie das eigene Konstrukt, und daran kann man als ehrenamtlicher Vordenker schon arg verzweifeln.

Zum Statement von Stephan Ganser, CCO Publicis

 

Stephan Ganser, Chief Creative Officer Publicis

"Kassaei steht für radikalen Umbruch": Stephan Ganser
"Kassaei steht für radikalen Umbruch": Stephan Ganser
Der Name Amir Kassaei steht für radikalen Umbruch und Konsequenz, auch wenn seine Wege nicht immer die richtigen sein müssen. Wenn sein Rücktritt bedeutete, dass der ADC kompromissbereiter würde, wäre das schade.
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