ADC-Ranking: Warum die Vogel-Initiative kein Befreiungsschlag ist

Montag, 12. November 2012
Noch ein Ranking gegen den Award-Wahnsinn?
Noch ein Ranking gegen den Award-Wahnsinn?

Der ADC will ein eigenes Ranking etablieren. Das ist sein gutes Recht. Doch der Vorstoß des neuen ADC-Präsidiumssprechers Stephan Vogel sorgt nicht unbedingt für Klarheit beim Dauerthema Award-Wahnsinn/Ranking-Fieber. Drei Gründe, warum das ADC-Ranking gut gemeint ist, die Misere aber auch nicht beheben kann. 1. Award-Auswahl. „Reduce to the max" ist eine Devise, die viele Entscheidungen erleichtern kann. Und in der Tat müssen sich Medien, Agenturen, Kreative und Verbände fragen, wie viele Kreativwettbewerbe die (Werbe-)Welt braucht und verträgt (HORIZONT.NET listet derzeit, ohne Anspruch auf Vollzähligkeit, 68 Wettbewerbe auf, davon 40 mit den Mini-Multiplikationsfaktoren 0, 1 oder 2). Geht es nach dem ADC, werden künftig nur noch fünf Wettbewerbe berücksichtigt: Der ADC und die vier  internationalen Cannes Lions, D&AD, London International Awards und One Show.

Alle fünf Wettbewerbe sind in den Kreativrankings von HORIZONT und Werben & Verkaufen ganz weit oben gelistet, mit Multiplikationsfaktoren zwischen 6 und 10 bei HORIZONT. Ich denke: Auch nach einer Reform des Kreativrankings braucht die Kreativszene mehr als fünf, vornehmlich internationale Wettbewerbe. Das elitäre ADC-Miniranking missachtet die Relevanz und Sinnhaftigkeit von einigen (nicht allen) nationalen Wettbwerben und Sparten-Awards (beispielsweise Effie, DDP oder New Media Award). Gewiss müssen und sollen sich deutsche Arbeiten auf internationalen Wettbewerben behaupten. Aber das ist eben nur eine Seite der Medaille. Nicht jede Agentur, nicht jeder Kreative will oder kann sich mit Arbeiten in internationalen Jurys messen. „Think global, act local" gilt auch in Sachen Kreativwettbewerbe.

2. Die Jury-Frage. Die Behauptung, die Qualität der vom ADC präferierten Wettbewerbe spiegele sich in der Qualität der Jury und des Jurierungsprozesses wider, ist ein weiteres Argument, das der ADC aufführt. Doch worauf diese immer wieder vorgetragene Auffassung beruht, ist für Außenstehende (also Nicht-Jurymitglieder) kaum nachvollziehbar.

Eigentlich wird damit nur unterstellt, dass in anderen Jurys weniger streng oder gar politisch abgekartet entschieden wird. Doch prüft, diskutiert und bewertet die Jury bei Die Klappe (Jurypräsident ist Stephan Vogels Ogilvy-Kollege Thomas Strerath) weniger sorgfältig als die ADC-Juroren? Meines Erachtens nicht. Und noch eine Anmerkung zu dem immer wieder von interessierter Seite aus medienwirksam vorgetragene Verdacht, bei manchen Jurys werde gemauschelt. Als jahrelanger Multi-Juror kann ich nur festellen, dass bei den rankingrelevanten Wettbewerben nicht gemauschelt wird.

Sind die anderen Jurys also weniger wert als die ADC-Jury? Mitnichten. Wesentlich wichtiger ist ohnehin die Frage, wie man  verhindern kann, dass Goldideen - also Wettbewerbsarbeiten - Preise verliehen bekommen. Dieser Frage müssen sich alle Ausrichter stellen - an vorderster Stelle gerade der ADC. Warum stehen eigentlich ausgerechnet auch beim ADC jährlich Goldideen ganz oben auf dem Siegertreppchen? Von der härtesten Jury der Welt kann man erwarten, dass Regularien entwickelt werden, damit dies nicht passiert.  Wetten: Wenn man es schaffen würde, dass Goldideen keine Chance bei Wettbewerben mehr haben, wäre die Diskussion über Sinn und Unsinn von Awards viel entspannter, als sie derzeit ist.

3. It's the economy, stupid. Wettbewerbe sind für Verbände und Vereine eine überlebensnotwendige Finanzierungsquelle. Objektiv versucht der ADC, mit seinem Ranking anderen Vereinen und Verbänden nicht nur bei Image und Relevanz, sondern auch auf Einnahmeseite das Wasser abzugraben. Die Euro, die man hier und da einspart, können doch idealerweise in die ADC-Kassen fließen, mag sich der  eine oder andere ADCler denken, oder? Ich ahne schon: Zoff ist programmiert.

Fazit: Der Award-Wahnsinn muss behoben werden, doch der ADC-Plan greift zu kurz, um einen neuen Standard setzen zu können. vs

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