ADC-Festival: Geteilte Meinungen zum Standort Frankfurt

Mittwoch, 07. Oktober 2009
Götz Ulmer
Götz Ulmer
Themenseiten zu diesem Artikel:

Frankfurt ADC München Tage Berlin Deutschland Hamburg Kreative


Das ADC-Festival zieht an den Main - München hat das Nachsehen und Berlin ist sowieso schon lange aus dem Rennen. Das sagen Deutschlands Kreative zu der Entscheidung.

Götz Ulmer, Geschäftsführer Kreation, Jung von Matt/Alster, Hamburg

Ich bin - wie wahrscheinlich viele - zwiegespalten. Da ich während meines Studiums an der FH Darmstadt auch anderthalb Jahre in Frankfurt gewohnt habe, weiß ich, dass die Stadt besser ist als ihr Ruf. Dass mehr in der Stadt steckt als die Skyline (Museumsmeile, Sachsenhausen und eine coole Szene - nicht zu vergessen: die "Batschkapp"). Einerseits.
Andererseits frage ich mich, welcher entscheidende Impuls für die Werbeszene in den letzten 15 Jahren aus Frankfurt kam. Ist das ADC-Festival jetzt Defibrillator für Locations? War es sonst nicht immer anders herum? Zugegeben: Berlin gehört städtetechnisch auch nicht zu meinen Favoriten, aber wenigstens war es die Hauptstadt.

Ich sehe es trotzdem positiv: Wenigstens sehe ich dann meine Ex-Kommilitonen nach einer Ewigkeit bei Äpplewoi und Rippsche wieder - abseits der Tanzveranstaltung mit der schlechtesten Musik, die je durch Membrane geschickt wurde.


Kai Fehse, Werbetexter, For Sale, München

Kai Fehse
Kai Fehse
Lokal-Patriotismus ist beinahe exakt das Gegenteil von Kreativität. Deshalb bin ich nicht traurig, dass es nicht München geworden ist. München ist gemütlich, Kreativität ist ungemütlich. Und Frankfurt spart in der Krise Reisekosten weil eigentlich jeder mit dem Radl kommen kann. Ich freue mich auf Frankfurt!

Frank Dopheide, Chairman, Grey Worldwide, Düsseldorf

Frank Dopheide
Frank Dopheide
Das ist eine überraschende und gute Entscheidung für die Stadt. Von allen Werbestandorten wird Frankfurt am deutlichsten von der ADC Veranstaltung profitieren. Neue Energie für eine alte Werbehochburg.

Der ADC wird sich gut fühlen. Nach der Selbsttherapie der letzten Jahre, nun das Signal: Ihr seid begehrt. Nicht mehr eine C-Veranstaltung in einer Stadt, die in erster Linie sich selbst feiert, sondern eine leere Bühne, um in neuem Glanze zu erstrahlen. Dem Festival wird es leichter fallen, sich neu zu erfinden, wenn auch das Umfeld und alte Mechanismen wegfallen.

Die Werber bleiben neugierig. Schließlich liegt die Sehnsucht nach Veränderung in unseren Genen. Endlich mal was Neues. Und am Ende ist Frankfurt von Düsseldorf auch zwei Stunden näher als Berlin. Auch schön!


Amir Kassaei, Chief Creative Officer, DDB Group Germany, Berlin

Amir Kassaei
Amir Kassaei
Der ADC ist der wichtigste Club der Kreativen in Deutschland und sein Festival das wichtigste Ereignis für die Kreativen in Deutschland. Nicht zuletzt deshalb haben sich die wichtigsten Städte und Regionen mit Konzepten darum geschlagen, das Festival zu sich zu holen. Frankfurt hat sowohl inhaltlich als auch wirtschaftlich das vielversprechendste Konzept und aus diesem Grund gewonnen.

Frankfurt wird grandioser Gastgeber sein und der ADC wird hoffentlich wieder einen Schritt mehr machen in Richtung Relevanz und Strahlkraft der Kreativität und ihrem Stellenwert in Gesellschaft und Wirtschaft.

Jan Leube, Geschäftsführer Kreation, BBDO, Berlin

Jan Leube
Jan Leube
Was für die SPD und Hertha BSC gilt, gilt erst recht für den ADC:  Krisen sind immer die Summe falscher Entscheidungen.


Olaf Czeschner, Chief Creative Officer, Neue Digitale / Razorfish, Frankfurt

Olaf Czeschner
Olaf Czeschner
Berlin gut zu finden, ist wie Regen nass zu finden. Frankfurt ist da doch deutlich unverbrauchter und nicht so stark um Style bemüht. Es fällt auch nicht auf, wenn du ungekämmt aus dem Haus gehst.

Im Vergleich zu Berlin sind in Frankfurt die Häuser höher, der Flughafen verdient auch die Bezeichnung und man schwitzt weniger bei den coolen Events, weil sich hier auch die Underground-Parties eine Klimaanlage leisten können.

Die Kreativszene ist jedenfalls bedeutend größer und spannender als das (oft unverdiente) Banker- und Schlipsträger-Image erwarten lässt. Gerade in unserem Bereich (Digital) gibt es im Rhein-Main-Gebiet sicherlich einiges an Qualität auf Agentur-, Uni- und Kundenseite zu bieten, das es rechtfertigt, Frankfurt als ein "Hotspot der digitalen Szene" zu bezeichnen. Wir sind stolz darauf, als Agentur dazu ein kleines bisschen beigetragen zu haben und freuen uns riesig drauf, dass der ADC zu uns kommt.

Tom Gläser, Vorstandsvorsitzender, Mood and Motion, Frankfurt

Tom Gläser
Tom Gläser
Ich hoffe, dass diese Entscheidung dem Medien- und Werbestandort Frankfurt einen weiteren Schub geben wird. Ich sehe für die Kreativbranche in unserer Metropole viel Entwicklungspotenzial. Ich wünsche dem ADC und vor allem seinem Vorstand, nach den Querelen der letzten Wochen, eine glückliche Hand und freue mich die Kreativen dieses Landes im Mai in meiner Heimatstadt begrüßen zu können.

Matthias Schmidt, Partner & Vorstand, Scholz & Friends Group, Hamburg

Matthias Schmidt
Matthias Schmidt
Es ist einfach, Berlin gut zu finden. Es ist einfach, Frankfurt schlecht zu finden. Ich finde es gut, dass der ADC Frankfurt gut findet und bin gespannt, wie's wird.

Matthias Harbeck, Geschäftsführer Kreation, Serviceplan Erste Werbeagentur, München

Matthias Harbeck
Matthias Harbeck
Zuerst einmal: Glückwunsch an Frankfurt! Aber wenn Sie mich ganz direkt fragen: Natürlich wäre mir München lieber gewesen.

Der ADC-Gipfel hätte München einen ordentlichen Kreativitätsschub verpasst. Den bekommt jetzt Frankfurt. Nicht, dass es Frankfurt nicht verdient hätte. Aber München muss sich gegenüber Frankfurt bestimmt nicht verstecken. Denn München ist viel mehr als Schicki-Micki, Wiesn und P1.

In München entsteht inzwischen wirklich gute Werbung - allein Serviceplan hat in Cannes 2009 deutschlandweit den zweiten Platz belegt, wenn man die Shortlistplätze mitzählt. Und allein drei Löwen kamen von Serviceplan München.

München wurde unlängst vom internationalen Monocle Magazin als lebenswerteste Stadt der Welt ausgezeichnet. Vor Kopenhagen, Zürich, Sydney und Tokyo. Frankfurt taucht in dieser Liste gar nicht auf. München hat eine große Tradition, viel Reichtum und enorme Lebendigkeit in Sachen Kunst und Kultur. Frankfurt hat das alles auch, nur eben weniger.

Noch pointierter: München hat Stil. Frankfurt hat Geld. München leuchtet. Frankfurt hat allenfalls das Licht an. In München wird gelebt und gearbeitet. In Frankfurt wird gearbeitet und gelebt. München inspiriert mit einer Mischung aus Sinnlichkeit und Süden. Frankfurt mit einer Mischung aus Handkäs und Hedgefonds. Gerade in der Krise hätte dem ADC vielleicht ein bisschen mehr Glamour gut getan.

Aber ich will nicht zuviel polarisieren. Grundsätzlich finde ich es gut, dass der ADC Gipfel gerade nicht in eine typische Werberhauptstadt verlegt wurde. Wenn man nur nach der Anzahl der vergebenen ADC-Nägel in den letzten Jahren gegangen wäre, hätte ja außer Berlin nur Hamburg zur Wahl gestanden. Hamburg aber braucht diese Veranstaltung nicht so sehr wie Frankfurt oder München. Hamburg funktioniert auch so.

Die Wahl von Frankfurt allerdings stärkt den kreativen Süden, der immer noch schwächer ist als der Norden. Und ich finde ein Deutschland mit mehreren Kreativzentren spannender als eines mit nur ein oder zwei. Insofern freue ich mich auf den nächsten ADC-Gipfel am Main.

Dass damit ein Bedeutungsverlust verbunden ist, glaube ich nicht. Die Bedeutung des Gipfels hängt im Kern ohnehin nicht an der Stadt, sondern an der Qualität der eingesandten und ausgezeichneten Arbeiten.  

Stephan Ganser, Chief Creative Officer, Publicis, Frankfurt

Stephan Ganser
Stephan Ganser
Die Entscheidung des ADC ist ein Glücksfall für Frankfurt, schließlich wird die Stadt oft unterschätzt. Frankfurt ist zwar in punkto Kreation vielleicht nicht ganz so experimentierfreudig und verspielt wie Berlin oder Hamburg, aber viele große, internationale Werbungtreibende agieren aus Frankfurt heraus.Das führt dazu, dass sich in Frankfurt gute Kreation mit der Relevanz und Ernsthaftigkeit verbinden, die Kunden heute fordern. Das wird auch der Relevanzdiskussion innerhalb des ADC sehr gut tun.

Ekki Frenkler, Geschäftsführer Kreation, Serviceplan Holding, München

Ekki Frenkler
Ekki Frenkler
Das Festival verliert nur an Bedeutung, wenn sich der ADC nicht auf seine ursprünglichen Aufgaben konzentriert, zu viele Neben-Kriegs-Schauplätze um das Event herum kreiert und jeden, der mal die eine oder andere Medaille gewonnen hat, ohne die Langfristigkeit  seines Könnens zu beweisen, in den Club aufnimmt. Der Standort, ist für die Bedeutung des Clubs total unerheblich. Im Gegenteil. Werbung sollte ja auch immer neu sein.

Hermann Vaske, Inhaber, Vaske's Emotional Network, Frankfurt

Hermann Vaske
Hermann Vaske
In Frankfurt kann man besser als anderswo sehen, wie Business und Creativity miteinander vernetzt sind. Money has no idea, only ideas make money.

Martin Pross, Partner/Vorstand, Scholz & Friends Group, Berlin

Martin Pross
Martin Pross
Berlin war gut für den ADC und andersherum. Letztendlich kann das ADC-Festival aber überall stattfinden, wo es beheizbare Räume gibt.

Alexander Bartel, Chief Creative Officer, Heye & Partner, München

Alexander Bartel
Alexander Bartel
Ich bin überhaupt nicht traurig, dass es nicht München geworden ist. Wir hätten nur eine Menge Reisekosten gespart. Zwar ist die Dichte der Designer, Regisseure, Künstler und der Mirko Borsches (obwohl der natürlich einzigartig ist!) in München sicher höher als in Frankfurt - denn Frankfurt steht in erster Linie für Geld und Banken. Aber mal sehen, was die Stadt daraus macht. Ich bin gespannt wie kreativ sich Frankfurt präsentiert. Und mal ehrlich, der ADC ist keine Stadt, er hat Inhalte. Zumindest manchmal.

Und die Kritik, das Festival verliere dadurch an Bedeutung ist absoluter Quatsch. Ich bin gespannt auf Frankfurt. Nur das Cannes Festival muss immer in Cannes stattfinden.

Feico Derschow, Headmaster MCAD, München

Feico Derschow
Feico Derschow
Es scheint, dass Geld doch nicht seinen Hauptsitz in München hat. Für den ADC ist es wichtig, eine Location zu haben, die nichts kostet. Ich hätte jede Stadt, die den ADC mächtig unterstützt für gut befunden.

Wenn es München gewesen wäre, hätte ich immer superkritisch auf alles geachtet. So kann sich Frankfurt beweisen und hat danach noch zwei Chancen, besser zu werden. Ich mag Frankfurt sowieso, weil es modern und übersichtlich ist und doch eine schräge Gemütlichkeit hat.

Der ADC ist über Deutschland verstreut. Berlin hat keinen Alleinstellunganspruch. Das ADC Festival ist keine ortsgebundene Veranstaltung. Bis Ende der 90er war Berlin neutral und spannend. In den letzten Jahren würde es irgendwie immer anstrengender. Und die Subkultur wird doch extra inszeniert um den Hype hoch zu halten. Wir waren zu lange in Berlin! Es wird allen ADC Mitgliedern und engagierten Kreativen gut tun, Frankfurt neu zu entdecken. Ich freue mich darauf.

Claudia Willvonseder, Head of Marketing, Ikea Deutschland, Wallau

Claudia Willvonseder
Claudia Willvonseder
Ich kann nur sagen: Ich freue mich, dass Frankfurt den ADC beherbergt und bin mir sicher dass sich die Frankfurter Mühe geben werden, Berlin das Wasser reichen zu können.

Arno Lindemann, Inhaber/Creative Director, Lukas Lindemann Rosinski, Hamburg

Arno Lindemann
Arno Lindemann
Ich denke, dass der ADC schon ein wenig an Größe einbußen wird, da Berlin nun mal die Hauptstadt ist und für ein neues Denken und neue Kreativität steht. Wo brennt es mehr als dort? Frankfurt hingegen, ist für mich ein wenig die "alte Reklamehochburg" - also eher retrospektiv als zukunftsorientiert. Aber vielleicht überrascht uns Frankfurt ja alle und beweist uns das Gegenteil. Ich bleibe also gespannt!

Mirko Borsche, Art Director/Inhaber, Buereau Mirko Borsche, München

Mirko Borsche
Mirko Borsche
Ganz ehrlich? Ich versteh gar nix mehr.

Michael Kutschinski, Executive Creative Director, Ogilvy Interactive, Frankfurt

Michael Kutschinski
Michael Kutschinski
Frankfurt ist mit vielen Vorurteilen behaftet. Mir ging es ähnlich, als ich von der Elbe an den Main zog. Ich kannte lediglich den Flughafen, den Hauptbahnhof und das ehemalige Büro von Jung von Matt/Main. Mittlerweile schätze ich den Standort. Frankfurt überrascht mich immer wieder, auch wenn ich einer der wenigen bin, die in der Stadt leben.

Christian Mommertz, Executive Creative Director, Ogilvy, Frankfurt

Christian Mommertz
Christian Mommertz
Frankfurt ist die richtige Stadt, weil sie keine herrschende Klasse kennt. Weil Frankfurt die Stadt ist, in der Integration kein Thema ist und es nirgendwo weniger ausländerfeindliche Übergriffe gibt. Weil Frankfurt die Stadt ist, der Deutschland mit Techno seinen letzten internationalen kulturellen Einfluss verdankt. Weil Frankfurt entspannt ist. Und weil Suhrkamp nach Berlin gehen will, verdammt noch mal.

 

Jürgen Vossen, Geschäftsführer Kreation, Heimat, Berlin

Jürgen Vossen
Jürgen Vossen
Rational kann ich die Entscheidung nachvollziehen. Emotional finde ich sie fatal. In Frankfurt ist einfach alles erkauft. Das einzig Positive daran ist, dass die Junior Days künftig gleichzeitig mit dem großen Festival stattfinden.

 

Marco Mehrwald, Executive Creative Director, Start, München

Marco Mehrwald
Marco Mehrwald
Ob Hamburg, München, Düsseldorf, Berlin oder Frankfurt ist weniger wichtig, als das Festival selbst. Und wenn das in Frankfurt am besten werden wird, dann ist das okay. Ich persönlich habe mich auf die paar Tage Berlin immer sehr gefreut. Aber die Hauptsache ist, dass wir nicht alle nach Mainz müssen.

Meist gelesen
stats