ADC-Debatte: Österreicher vermissen internationales Renommee beim deutschen Wettbewerb

Dienstag, 05. Dezember 2006

Auch beim Creativ Club Austria (CCA) sorgt die Ankündigung, den Wettbewerb des Art Directors Club für Deutschland (ADC) für Arbeiten aus Österreich und der deutschsprachigen Schweiz zu öffnen, für Unmut.



CCA-Vorstand Tibor Bárci erklärt in einem offenem Brief warum:

Liebe Kolleginnen und Kollegen, lieber Vorstand des ADC Deutschland,

„den Herrschaften in Deutschland mal zu zeigen, wo der Hammer hängt“ ist ein nettes Angebot. Und wir möchten euch nicht im Dunkeln darüber lassen, wie der Creativ Club Austria (CCA) darüber denkt:

1. Der ADC Deutschland ist ein ehrenwerter Club, der hervorragende Arbeiten auszeichnet. Dort zu gewinnen, ist für jeden Kreativen schön und wir sind überzeugt, dass das 2007 auch einigen Österreichern gelingen wird. Aber:

2. Ein wenig vergleicht man doch Schlagobers mit Schlachsahne, wenn Juries aus dem deutschen Markt österreichische Arbeiten beurteilen. Viele davon kann man nur richtig einschätzen, wenn man den kulturellen Kontext, aus dem sie stammen, kennt.

3. Natürlich gibt es auch Arbeiten, die überall verständlich sind, weil sie unter Umgehung der österreichischen Sprache funktionieren. Aber zwingend ist es nicht, gerade die in Deutschland einzureichen. Aus Kostengründen empfiehlt sich da eher die Konzentration auf Cannes, London, Miami und (immer wichtiger) Portoroz.

4. So denken schließlich auch eure eigenen Mitglieder. Denn geht es um internationales Renommee, dann zählen eben die wirklich internationalen Wettbewerbe, siehe Punkt 3.

5. Denn die Aufgabe der CCA's und ADC's ist einfach: Förderung und Verbesserung des nationalen Kreativpotentials. Die Förderung der "deutschsprachigen" Werbung steht nicht in unseren beiden Statuten und auch nicht in den Statuten der Schweizer Freunde. Deshalb kann auch ein Nagel beim ADC Deutschland niemals eine Goldene Venus oder einen Schweizer Würfel ersetzen sondern nur ergänzen. Die Flut von Awards führt aber in Agenturen dazu, sich bei Einreichungen auf das Wichtige und Leistbare zubeschränken.

6. So hoch entwickelte Kreativmärkte wie Deutschland, Schweiz und Österreich sollten sich deshalb auf die wenigen wirklich internationalen Awards konzentrieren, wie Cannes, New York, Clio oder Portoroz. Oder als Gewinner in den nationalen Clubs auf den ADC*E (Art Directors Club of Europe).

7. Wer sich lediglich im deutschsprachigen Bereich "messen" will, für den gibt es bereits genug Festivals der 3 Länder (Die Klappe, Litfasssäule, Berliner Type, CREA, ECON, bayrischer Anzeigenwettbewerb, BoB Award, etc.).

8. Wichtig scheint uns auch der ökonomische Aspekt: die Einreichung beim ADC-D kostet mehr aber leistet weniger als die Einreichung beim CCA. Während die Venus-Gewinner aus Österreich automatisch beim ADC of Europe im Rennen sind, sind sie es beim ADC-D nicht. Der ADC of Europe lässt nur die nationalen Gewinner zur Jury zu. (Diese wesentliche Einschränkung hat der ADC-D in seinem Call for Entry in Österreich unerwähnt gelassen oder einfach bloß übersehen.)

9. Der ADC-D hat außerdem keine Kategorie "Experiment, Forschung & Entwicklung". Nur in Österreich werden "freie Arbeiten" gewürdigt. Nur in Österreich wird zwischen faktischen und spekulativen Arbeiten klar unterschieden (was unserer Meinung nach beiden nützt). Der CCA ist da europaweit Schrittmacher.

Dass Österreicher aber durchaus imstande sind, deutsche Nägel einzuschlagen, zeigen einige unserer Mitglieder seit Jahrzehnten. Neu ist das nicht. Wir wünschen euch jedenfalls einen erfolgreichen Wettbewerb 2007 und senden ein

herzliches Servus,

Tibor Bárci
für den Vorstand des Creativ Club Austria



ADC-Sprecher Michael Preiswerk antwortet Tibor Bárci: "Im Internet-Zeitalter machen Ideen keinen Halt mehr vor Landesgrenzen":

Lieber Tibor Bárci,

vielen Dank für Ihre offenen Worte.

Auf unsere Einladung zum ADC Berlin Festival - dem größten deutschsprachigen Kreativwettbewerb - haben wir von einer Vielzahl von Kreativen in Österreich und der Schweiz ausgesprochen interessierte Reaktionen und sehr positives Echo erhalten. Dass es allerdings auch kritische Stimmen gibt, ist verständlich. Aber auch nicht ganz nachvollziehbar. Denn wir wollen mit der Ausrichtung unseres Wettbewerbes den jeweiligen nationalen Interessen nicht widersprechen oder diese gar in Frage stellen.

Unsere Sichtweise ist eine andere: Im Internet-Zeitalter machen Ideen keinen Halt mehr vor Landesgrenzen. Das Wettbewerbsverhalten ist auch in unserer Branche globaler und härter geworden. Und die Branchenstimmen werden immer lauter, die es bedauern, dass die großen Ideen vermehrt über die Networks aus den Metropolen London, Paris oder New York bei uns nur noch adaptiert werden. Der deutschsprachige Raum hingegen hat seine eigene Kultur und Kommunikation. Und dieser Tatsache wollen wir mit dem größten deutschsprachigen Kreativ-Wettbewerb Rechnung tragen. In unserem Fokus stehen die Kreativen und die vielen internationalen Markenverantwortlichen, denen wir beweisen wollen, dass sich das Ideengut aus dem deutschsprachigen Raum allemal mit dem aus anderen Märkten messen lassen kann.

Desweiteren ist Fakt, dass wir auch im deutschsprachigen Raum schon lange im Wettbewerb stehen. Nehmen wir beispielsweise die Smart-Einführung, made in Switzerland. Palmers und MediaMarkt sind weitere prominente Beispiele. Fakt ist auch, dass Kreative längst zwischen Hamburg, Wien, München und Zürich herumspringen, als sei das alles eine große Stadt. Und so kann ich Sie auch dahingehend beruhigen, dass die österreichischen Arbeiten, die anderswo auf der Welt von Chinesen, Brasilianern, Schweden oder Spaniern beurteilt werden, von den Jurys in Berlin - in denen auch Österreicher und Schweizer sitzen - allemal verstanden und richtig eingeschätzt werden.

Wir freuen uns daher auf die Einsendungen aus Österreich. Die übrigens, wie bei allen Wettbewerben, freiwillig sind.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Preiswerk
Vorstandssprecher des Art Directors Club für Deutschland (ADC)
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