Thomas Strerath, Jung von Matt

Thomas Strerath, Jung von Matt

Thomas Strerath Der Verband, in dem ich gern Mitglied wäre - oder die verlorene Relevanz des GWA

Dienstag, 17. September 2013

Texte, die mit einer Rechtfertigung beginnen, sollten gemeinhin geringe Hoffnung auf eine große Leserschaft hegen. Dem allerdings allgemein vorherrschenden Reflex "Wenn du etwas verändern willst, dann geh doch in den Vorstand!" möchte ich zwei Hinweise entgegen setzen. Einer Agentur, die in den drei wesentlichen Berufsverbänden der Kreativen (ADC), Berater (GWA) und Planner (APG) aktuell zwei Präsidenten und einen Vorstand stellt, sollte man kaum mangelndes Engagement vorhalten. Doch? Dann empfehle ich den Griff ans eigene Riechorgan. Und den Blick ins Geschichtsbuch, um sein Verständnis von Demokratie und Mitwirkung zu überprüfen. Es sind nicht immer nur die gewählten Vertreter eines Landes, einer Organisation, eines Vereines oder eines Verbandes, welche die Geschicke ihrer Institution bestimmen. Es sind vielmehr die Mitglieder einer jeden Institution, die aus ihrem Diskurs heraus die Agenda bestimmen, die von den gewählten Repräsentanten als Vertreter auf Zeit umzusetzen ist.

Thomas Strerath zum GWA: Ausnahmsweise stinkt der Fisch von der Flosse her.“
Es kann nicht jeder Bürger im Parlament und nicht jede Mutter im Elternbeirat sitzen. Aber deswegen habe ich trotzdem eine politische Meinung und streite mit meinen Freunden über die kommende Bundestagswahl, unsinnige Militäreinsätze gegen Syrien oder habe eine Meinung zu den Entwicklungen an der Liebfrauenschule in Köln. Und von allen, die mich vertreten, erwarte ich, dass sie mir zuhören, dass sie ein gutes Urteil über Strömungen, Meinungen und Tendenzen fällen. Jene, denen ich das nicht zutraue, die wähle ich nicht. Aber die Gewählten haben einen Auftrag. Doch den haben sie nur dann, wenn die Basis ihn erteilt. Dazu braucht es aber eben Meinungen und Interessen und es braucht den offenen Austausch darüber. Es braucht den Prozess der Meinungsbildung und der Entscheidungsfindung. Die Vitalität einer demokratischen Organisation zeigt sich eben an der Basis, ausnahmsweise stinkt der Fisch von der Flosse her. Zugegeben, die Elternschaft Kölner Gymnasiasten diskutiert für meinen Geschmack viele Details etwas zu intensiv, ich muss weder die erlaubte Rocklänge von Oberprimanerinnen noch die Packungsgrößen von Schokoladenriegeln im Sortiment des Schulkiosks besprechen. Die Mutter von Nils machte auf mich auch nicht den Eindruck, als wolle sie den Lindsey-Lohan-Style einführen oder die Schüler zu einer grundsätzlichen Abkehr von Süßigkeiten bewegen. Sie hat verstanden, was allgemein gewünscht ist, sie wird das schon machen.

Thomas Strerath: Ein Blick auf die jährliche Hauptversammlung, der Wahl- und Abstimmungsprozedere dort, lässt jede Abstimmung nordkoreanischer Volksversammlungen als bunten Hort chaotischer Splittergruppen erscheinen.“
Aber kann das auch für den Vorstand des GWA gelten? Sind die Aktivitäten unseres Agenturverbandes tatsächlich Ausdruck des Willens seiner Mitglieder? Gibt es überhaupt einen Willen der Mitglieder? Ein Blick auf die jährliche Hauptversammlung, des Wahl- und Abstimmungsprozedere dort, lässt jede Abstimmung nordkoreanischer Volksversammlungen als bunten Hort chaotischer Splittergruppen erscheinen. Nachdem in den 90ern und dann von den selben Protagonisten auch im neuen Jahrtausend der GWA immer wieder als Bühne der persönlichen Selbstdemontage genutzt wurde, haben die Mitglieder wohl das Gefühl bekommen, Verbandszweck sei Harmonie. In der Regel wird jeder Beschluss ohne Gegenstimme, ja ohne Enthaltung angenommen. Beschlüsse werden nicht diskutiert, bestenfalls gibt es mal eine Verständnisfrage und der Ältestenrat hat schon lange nichts mehr zu schlichten gehabt.

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Dabei würde man vermuten, dass die wenigen Möglichkeiten zur demokratischen Diskussion besonders intensiv genutzt würden, schließlich kann der GWA mit einigen Besonderheiten aufwarten, die man 2013 so kaum in einer modernen Branchenvertretung vermuten würde. Ein Großteil der wesentlichen Entscheidungen, eben zum Beispiel wer Präsident und wer Vorstand wird, wird abseits der Gremien in nicht öffentlichen Absprachen getroffen. Es ist traditionsgemäß der scheidende Präsident, der seinen Nachfolger auswählt. Dieser bestimmt dann im nächsten Schritt seinen Vorstand, den er in Anzahl und Zusammensetzung frei wählt. Wichtigen oder als solchen angesehen Spielern im Markt wird das schon mal vorab mitgeteilt oder zur Kommentierung vorgelegt. Änderungswünsche eventuell ein-, Widerstand damit abgebaut. Somit kommt bei der Mitgliederversammlung dann auch die Wahl des Präsidenten und des Vorstandes als ein Agendapunkt zur Abstimmung. Blockwahl aller Vorstände, man will die Warterei auf die Effie-Verleihung ja nicht mit der Diskussion über Personen verderben. Der Präsident wird schon wissen, wen er in seinem Vorstand haben will. Und wenn man schon nicht über Personen diskutieren will, dann ja wohl erst recht nicht über Inhalte. Mit welcher Agenda ein Präsident in seine Amtszeit geht, erfährt das gemeine GWA-Mitglied in der Regel aus dem Antrittsinterview in w&v und HORIZONT.

Thomas Strerath: Oben weiss nicht, was unten wünscht, unten weiss nicht, wo oben hin will. Dies ist so kein Verband, in dem ich gerne Mitglied bin.“
So treffen sich zwei gefährliche Entwicklungen: zum einen ein wenig transparenter Prozess zur Entscheidung über Präsident, Vorstand und Programm und zum anderen eine mangelnde demokratische Meinungs- und Willensbildung bei den Mitgliedern. Oben weiß nicht, was Unten wünscht, Unten weiß nicht, wo Oben hin will.

Dies ist so kein Verband, in dem ich gerne Mitglied bin. Wie gesagt, ich möchte, dass man meine Meinung anhört, dass ich die Agenda der zu wählenden Repräsentanten kenne und darüber mit meiner Stimme abstimmen kann. Ich möchte, dass ein Wahlergebnis eine Art verbindlichen Vertrag zwischen Mitgliedern und ihren Vertretern darstellt, mit welcher Zielsetzung man in die nächste Periode gemeinsam gehen will. Was ich will, zählt vielleicht bei Ogilvy etwas, aber schon bei mir Zuhause nicht mehr ganz so viel. Ich würde diesen offenen Brief aber nicht schreiben, wenn mir verschiedene Gespräche nicht signalisieren würden, dass der Verband vor einer grundsätzlichen Debatte steht. Und die Zeit dafür ist reif, weil Lothar Leonhard in seiner Übergangspräsidentschaft dafür die Basis gelegt hat. Der Verband ist aus den Schlagzeilen, Struktur und Finanzen sind geordnet, jetzt braucht es eine Weichenstellung für die Zukunft.

Es gibt zum einen die Gruppe von Agenturen, die den Verband mittlerweile als irrelevant für sich sehen. Dies sind zumeist die größeren Agenturen, die die vom Verband angebotenen Services und Vergünstigungen nicht in Anspruch nehmen, da ihre eigene Infrastruktur dies meist besser abbildet. Auch der aktuelle GWA-Betriebsvergleich zeigt, dass sich sowohl das Geschäft als als auch ein Großteil der Arbeitsplätze bei wenigen Agenturen konzentriert, mehr als die Hälfte der GWA-Agenturen aber gerade mal den Mindestmitgliedsbeitrag zahlt. Der Eindruck, dass Musterverträge, vergünstigte Telekom-Tarife oder Trainings- und Schulungsangebote im Verbandsfokus stehen und somit eher die Interessen und Bedürfnisse kleinerer Agenturen abdecken, ist schwer zu widerlegen. Und damit geraten die gut fünfstelligen Mitgliedsbeiträge der Großagenturen unter einen Rechtfertigungsdruck und werden dort in den Geschäftsführungen immer wieder hinterfragt.

Unabhängig von der wirtschaftlichen Bedeutung ist vielen der GWA aber zu leise. Und bei allem Respekt vor der Vielzahl an Verbandsaktivitäten über Awards, Studien, Services, Foren und Events stellt sich vielen die Frage, ob der wesentliche Verbandszweck nicht in der öffentlichen Artikulierung unserer wirtschaftlichen Interessen liegen sollte. Die wesentlichen Diskussionen unserer Branche, die sich immer wieder um die Bewertung unseres Produktes drehen, sind ohne große Beteiligung des GWA abgelaufen. Dazu gibt es im Verband, im Vorstand und in der Geschäftsstelle unterschiedliche Auffassungen, eben weil es kein klares Mandat durch die Mitglieder gibt. Und bevor etwas Falsches gesagt wird, wird geschwiegen. Und so bliebt der Agenturverband meist ohne Stimme, was seine Relevanz natürlich signifikant schwächt.

Thomas Strerath: Ich wäre gern Mitglied in einem Verband, dessen Basis von vitaler Diskussion geprägt ist.“
So wird der GWA vielen zunehmend egal und darf sich nicht wundern, wenn auf diese Indifferenz bei manchen plötzlich der Austritt folgt. Austritte bedeuten aber, dass die soeben erfolgte Konsolidierung der Finanzen und die Reform der Beitragsstruktur sich schon wieder überholt hätten. Zudem würde die dann folgende Berichterstattung in unserer Branche mit den üblichen Statementabfragen weder zu einer Steigerung unseres Ansehen führen, noch wird eine Relevanzdiskussion zu vermeiden sein. Sie wird dann aber weniger inhaltlich als von den Namen der aus- und wieder eintretenden Agenturen geprägt sein und die Arbeit für den neuen Vorstand nur erschweren.

Ich wäre aber gern Mitglied in einem Verband, in dem die Mitglieder sich darüber bewusst sind, dass sie selbst die Qualität des Verbandes bestimmen. Ich wäre gern Mitglied in einem Verband, dessen Basis von vitaler Diskussion geprägt ist. Ein Verband, der sich auf wenige wesentliche wirtschaftliche, alle einigende Interessen fokussiert und viele Dinge einfach mal sein lässt. Ich wäre gern in einem Verband, dessen Stimme klar und kraftvoll wahrzunehmen ist. Eine Stimme, die von unseren Kunden respektiert wird. Und dazu gehört, dass sich wesentliche Marktteilnehmer engagieren und dem Verband der führenden Agenturen Deutschlands die entsprechende Bedeutung geben. Austritt ist daher keine Option.

Thomas Strerath ist CEO von Ogilvy & Mather Germany
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