Stefan Zschaler, Leagas Delaney

Stefan Zschaler, Leagas Delaney

Stefan Zschaler Wer kontrolliert eigentlich Einkäufer?

Montag, 07. Oktober 2013
Themenseiten zu diesem Artikel:

Kreative Spezies Schraube Stefan Zschaler



Kreative dürfen naive Fragen stellen. Das gehört zu unserem Job. Wie inzwischen auch diese eigenartige Spezies Mensch zu unserem Job gehört, die kreative Leistung wie Schrauben einkauft. Und alles immer noch günstiger von uns haben will. Das bringt mich manchmal um den Schlaf. Doch was noch schlimmer ist, es bringt Kunden um bessere Kommunikation, ohne dass sie es so recht erkennen. Ein Beispiel. Wir haben einen Film für ein Produkt des Unternehmens X konzipiert. Das Marketing von X findet ihn klasse. Kurze Zeit darauf meldet sich der zuständige Einkäufer von X mit einem dieser endlosen wie rechtlich korrekten e-Mails, die unterm Strich sagen: drei Angebote, aber dalli. Dalli ist bei einem komplexen Film gar nicht so einfach. Aber schließlich kriegt er (und das Marketing) drei Regisseure, drei Regierollen, drei KVAs, drei Moodboards. Sowie jede Menge Leidenschaft und Vorfreude zum Wohle der Idee.

Der Autor

Stefan Zschaler ist Creative Director und Managing Partner bei der Agentur Leagas Delaney in Hamburg.

Nach Stationen bei McCann Erickson und BBDO, jeweils in Frankfurt, verschlug es ihn 1992 in die Hansestadt zu Springer & Jacoby, wo Zschaler zum Kreativchef und Geschäftsführer aufstieg. Drei Jahre später wechselte er zu Jung von Matt, im Jahr 2000 eröffnete Zschaler gemeinsam mit Co-Geschäftsführer Hermann Waterkamp die Agentur Leagas Delaney. Mit Waterkamp ist er seit 2006 auch Partner von Leagas Delaney Prag. Auf der Kundenliste stehen Kunden wie Skoda, Wempe und Alno,Patek Philippe und Plant for the Planet. Regelmäßig für Schlagzeilen in der Branche sorgt die Kreativschmiede mit ihren Arbeiten für "followfish": Mit den "Tuna Tunes" zum Beispiel holten Agentur und Kunde in diesem Jahr Gold beim ADC und Bronze in Cannes.

Zschaler unterhält außerdem mit "Texter gesucht" einen eigenen Blog: www.textergesucht.blogspot.de

Der Film arbeitete mit mehreren Darstellern. Also entstehen Buyouts. Der Kunde will sie weltweit und zeitlich unbegrenzt für alle Medien. Der Kenner weiß, auch das hat seinen Preis. Der Einkäufer hat ein angeborenes Misstrauen gegen Kenner und vorsorglich schon eigene Produktionen aus dem Ärmel gezogen. Alle natürlich viel günstiger als unser günstigstes Angebot. Was für ein Tausendsassa. Mit den Zahlen auf der Karte seiner Asse konfrontiert, brechen wir in Tränen aus. Wir beerdigen die einst gute Idee. Der Einkäufer reichte uns gerade die Sargnägel (keine Frage, günstigstes Modell). Sofort tauchen Sie auf, die geschliffenen Marketing-Weisheiten, die unser Verständnis suchen. Zur Natur von Marktwirtschaft gehöre es nun mal, dass das beste Preis-Leistungsverhältnis gewinnt (äh, könnten wir die Leistung der uns unbekannten Produktion vielleicht mal diskutieren?).

Und überhaupt, durch die Corporate Compliance Brille sehen es viele Unternehmen nicht so gerne, wenn Agenturen mit Produktionen zusammen arbeiten, die ihnen gut bekannt sind (äh, könnte es nicht sein, dass gerade dieses Vertrauen bessere Ergebnisse erzeugt? Ergebnisse, wegen derer wir einst mal verpflichtet wurden?). Welcher Experte macht sich eigentlich Gedanken darüber, was ein Unternehmen draufzahlt, wenn es bei der Produktion 100.000 Euro spart, dafür später aber für mehrere Millionen Euro gequirltes Mittelmaß in die Welt sendet? Keine Ah's, keine Oh's, keine Likes, keine Shares, keine Klicks, keine Views. Noch nicht mal einen Shitstorm. Kommt dann irgendjemand auf die Idee, dass mehr Produktionsbudget sehr viel mehr gebracht hätte? Macht irgendeiner im Unternehmen dem Einkäufer dafür die Hölle heiß? Ruft irgendjemand einen Pitch um die Neubesetzung des Procurements aus?

Da haben es Schrauben einfacher. Ihre schlechtere Qualität fällt sofort bei Anwendung auf. Der Produktionsprozess gerät ins Stocken. Der CEO gerät in Rage. Und will wissen, warum plötzlich so billige Scheisse eingekauft wird. Und wer dafür verantwortlich ist. Stefan Zschaler

In eigener Sache: Top-Entscheider kommentieren auf HORIZONT.NET

In eigener Sache: Top-Entscheider kommentieren auf HORIZONT.NET
Auf HORIZONT.NET melden sich Top-Entscheider der Kommunikationsbranche ab sofort selbst zu Wort. Mit den Kolumnen und Meinungsbeiträgen prominenter Branchenköpfe will sich HORIZONT.NET noch stärker als Debattenplattform positionieren.

HORIZONT Newsletter Kreation Newsletter

Die besten Kampagnen des Tages

 


Meist gelesen
stats