Volker Schütz

Volker Schütz

Accenture / Sinner Schrader Ein nachvollziehbarer Schritt

Montag, 20. Februar 2017
Zeitenwende in der Agenturszene. Mit Sinner Schrader schlüpft eine der renommiertesten und dienstältesten deutschen Internet-Agenturen unter das globale Dach eines Beratungsunternehmens. 
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Nun also doch. Wer sich in der Internet-Agenturszene bewegt, wird schnell merken: Auch das solideste Unternehmen ist ab und an für ein Gerücht gut.

Matthias Schrader 2017
Bild: Sinner Schrader

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Auch über Sinner Schrader wurde bei Branchenveranstaltungen abends an der Bar immer mal wieder gerne spekuliert. "Warum sucht sich Matthes nicht eine andere solide deutsche Agentur und mischt den Markt zumindest europaweit selbst auf?", wollte der eine oder andere gerne beantwortet haben. "Wie lange kann Sinner Schrader eigentlich noch unabhängig bleiben?", fragten sich andere, nachdem Sapient Ende 2014 von der Werbeholding Publicis  übernommen wurde, ein Jahr später WPP die Mehrheit an Syzygy übernahm.
Bei der Übernahme von Sapient hatte sich Schrader – einer der wenigen Internetagentur-CEOs, deren Unternehmen den Crash der New Economy überlebte -  in einem Gastkommentar in HORIZONT Online gefragt: „Erleben wir die nächste Internet-Blase bei den Digitalagenturen?“.  Und sich gewundert über den „unglaublichen“ Kaufpreis von 3,7 Milliarden Dollar inklusive des Aufschlags für Aktionäre „von rund 50 Prozent auf den Durchschnittskurs der letzten 30 Tage“ (Schrader). Ähnliche Kommentare  wird Schrader jetzt auch hören. Schließlich winken Aktionäre, so die Sinner Schrader-Pressestelle, bei der Zustimmung zum Verkauf beim Accenture/SinnerSchrader-Deal eine „attraktive Prämie von 58 Prozent gegenüber dem volumengewichteten 12-Monatsdurchschnitt“.


Zur Beruhigung eins vorweg: Eine neue Internetblase droht nicht, dafür ist das Internetbusiness im Allgemeinen und der Agenturmarkt im Besonderen inzwischen viel zu solide und lässt sich mit der verrückten New-Economy-Zeit nicht mehr vergleichen. Und auch wenn Publicis wegen Sapient in die roten Zahlen gerutscht ist, muss man bedenken: Bei der Sapient-Übernahme ging es um eine globale Agenturmarke, bei Sinner Schrader geht es um einen regionalen Zukauf.


Gleichwohl ist die Übernahme von Sinner Schrader der bisherige Höhepunkt der Shoppingtour, auf der sich McKinsey, Deloitte, IBM und eben Accenture derzeit befinden.


In seinem Text hatte Schrader seinerzeit drei Trends beschrieben, die den Kauf von Sapient nachvollziehbar machen. Die gleichen Trends gelten bei dem Accenture-Sinner-Schrader-Deal. 

1.

Technology rules.

"Die Marketingaufgaben sind heute nur durch die Verbindung von Kreation und Technology zu meistern", hatte Schrader im Herbst 2014 formuliert. Im Frühjahr 2017 muss man ergänzen: Marketing braucht heute mindestens das Triumvirat von Kreation, Technology und Beratung. Wer internationale Aufgaben erfüllen muss, braucht zudem eine globale Anbindung. Accenture, das erst im vergangenen  Sommer die auf digitale Transformation spezialisierte Beratungsfirma D-Group übernommen hatte, verstärkt mit Sinner Schrader seine Präsenz auf dem so wichtigen deutschen Digitalmarkt. E-Commerce, Mobile, Interaktives Marketing, digitale Plattformen sind die Geschäftsfelder, mit denen das Team um Schrader einen  Honorarumsatz von immerhin 47,8 Millionen Euro erwirtschaftete – Platz 6 im Ranking der größten deutschen Internetagenturen 2016.

Umgekehrt erhält Sinner Schrader nun Zugriff auf das weltweite Technology- und Beratungs-Knowhow von Accenture, das ist in einem Business, indem Technologie entscheidend ist, von unschätzbarem Vorteil. Noch einmal Schrader aus dem Jahr 2014: "Schließlich verschwimmen bei digitalen Projekten zunehmend die Grenzen zwischen Agenturen, Unternehmensberatungen und IT-Dienstleistern."

2.

Die CMOs werden die digitale Agenda treiben und die Technikbudgets steuern.

Auch diese These von Matthias Schrader hat an Bedeutung weiter zugenommen. Es ist das alte Problem von (Internet-)Agenturen, dass sie viel zu selten von Managern auf C-Level-Ebene wahrgenommen  werden. Berater haben seit jeher den besseren Zugang zum CEO – und auch zum CMO.

Den Anspruch, „die digitale rechte Hand des CMO zu sein“ (Syzygy-Chef Lars Lehne), hat jede Digitalagentur, die etwas auf sich hält. Aus gutem Grund: Die CMOs sind diejenigen, die die digitale Positionierung von Unternehmen und Brands maßgeblich mitbestimmen. Agenturen, die vom CMO nicht wahrgenommen werden, kommen mittelfristig unter die Räder der digitalen Transformation, die sie doch selbst mitgestalten wollen.


Muss man deshalb unter das Dach eines Beratungsgiganten schlüpfen? Es macht Sinn, ist aber keine conditio sine qua non. Auch Syzygy, wie Sinner Schrader ein digitales Agentur-Traditionshaus, will sich im Beratungsbereich deutlich verstärken. Doch auf die Frage, warum Syzygy selbst akquirieren  und sich nicht einem  der großen Beratungshäuser anschließen will, antwortet Lars Lehne im HORIZONT-Interview: „Natürlich wäre das  eine Option, wenn es eine Partnerschaft auf Augenhöhe geben könnte. Daran haben wir aber  einen gesunden Zweifel, denn die Gefahr bleibt groß, dass man lediglich die verlängerte Werkbank wird.“ Verlängerte Werkbank? Diese Befüchtungen hat Matthias Schrader offensichtlich nicht.

3.

Die digitale Transformation hat gerade erst begonnen und die Projektbudgets steigen.

Auch wenn in regelmäßigen Abständen über die Sinnhaftigkeit von Digitalwerbung – gemeint ist damit meistens Display- und Facebook-Werbung – diskutiert wird, ist eigentlich unstrittig: Die Investitionen in die digitale Transformation werden weiter zunehmen.

Und da Werber Digitalwerbung gerne mit Digitaltransformation in einen Topf werfen, nocheinmal der  Hinweis: Digitaltransformation ist viel mehr als Bannerwerbung und Facebook-Spots. Es geht um IoT, Künstliche Intelligenz, digitales Interface, Plattformen und vieles, vieles mehr. Auch Werbung, aber eben nur als ein Mosaikstein in einem riesigen Fries.Hier geht es um das (digitale) Leben der Konsumenten. Es geht um die digitale Präsenz von Marke und Unternehmen. Und es geht um das Kunststück, wie Marken für Menschen „nutzenstiftende wie differenzierende Kundenerlebnisse“ (Matthias Schrader) kreieren können.

Der kluge Unternehmer Matthias Schrader hat zur richtigen Zeit erkannt, wie man dieses ehrgeizige Vorhaben umsetzen und wie man die von ihm gegründete Agentur auf ein neues Level hieven kann. Zu Zeiten der New Economy hätte man gesagt: Das ist eine Win-Win-Situation.

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