Reza Malek, Uniquedigital

Reza Malek, Uniquedigital

Replik auf Paul Vogler "Der Krieg um Talente existiert nicht"

Montag, 20. Februar 2017
In seinem Gastbeitrag für HORIZONT Online ging Paul Vogler vergangene Woche hart mit der aktuellen Generation der Agenturchefs ins Gericht. Woran es fehle, sei "eine Vision für die Ziele der Agentur und für ihre Positionierung". Hinzu kämen "extreme Nachwuchsprobleme". Reza Malek sieht das anders. Der Geschäftsführer von Uniquedigital antwortet in seinem Gegenkommentar: "Der Krieg um Talente existiert nicht".

An meinem 41. Geburtstag erschien hier ein Kommentar von Paul Vogler. Ein Mann, der als lebende Legende der Mediaagenturwelt gilt. Mir ist aufgefallen, dass ich selbst noch gar nicht auf der Welt war, als Paul Vogler in der Branche angefangen hat. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass ich mit sehr vielen seiner Punkte in keinster Weise einverstanden bin und diese sogar für völlig falsch, unzutreffend und populistisch halte. Es werden zu viele Themen miteinander vermischt und vor allem sehr pauschalisiert dargestellt. Auf einige möchte ich hier eingehen.

1. These Paul Vogler: Die wenigsten Manager kommen aus dem eigenen Stall.

Wenn eine Agentur keine starke Nummer zwei hat, warum soll sie dann nicht auch extern schauen? Darüber hinaus habe ich sehr wohlwollend aufgenommen, dass viele relevante Nachbesetzungen in Mediaagenturen zuletzt intern stattgefunden haben. Hier könnte Herr Vogler sein ehemaliges Network und seine alte Holding als ein sehr tolles Beispiel mal im Detail anschauen.

2. These Paul Vogler: Die Personalentscheidungen werden in den meisten Fällen von der Holding getroffen oder zumindest stark beeinflusst.

Personalentscheidungen werden heute nicht von der Holding getroffen. Die Holding ist unter Umständen bei der Kandidatensuche involviert, doch das letzte Wort hat heutzutage immer das lokale Board.

3. These Paul Vogler: Die Erlösmodelle der Mediaagenturen stehen durch die wachsende Dominanz der digitalen Medien unter Druck. Profitabilität und Margen drohen zu sinken oder sind nur durch hohe Investitionen in Big Data Management zu stabilisieren.

Von welcher wachsenden Dominanz der digitalen Medien redet Vogler? Wenn man Google und Facebook betrachtet, dann haben wir sicherlich eine gewisse Art von Dominanz – aber nicht als Medium, sondern als digitale Plattformen auf denen es ganz nette Vermarktungsmöglichkeiten gibt. Mir selber ist kein Medium bekannt, das dominiert. Die Menschen hingegen dominieren mit ihrer Intensität beim Konsum der Medien und dieser ist sicher sehr fragmentiert. Natürlich kann eine Mediaagentur heute nicht mehr die Marge bzw. die Profitabilität generieren, die Herr Vogler noch aus seiner aktiven Zeit gewohnt war. Gleiches dürfte auch für seinen heutigen Partner Uli Veigel und die Zunft der Werbeagenturen gelten. Dies hat viele und unterschiedliche Gründe, aber nur bedingt etwas mit digitalen Medien und ihrer Rolle zu tun! Um mal den relevantesten Kostenblock zu nennen: die Personalkosten. Sie steigen aus diversesten Gründen immer weiter, während auf der Habenseite die Einnahmen immer „konservativer“ werden. Werbekunden müssen einfach lernen, die Arbeit ihrer Agenturen viel mehr wertzuschätzen und dieses in Form von faireren Konditionen verdeutlichen. Dies geht aber nicht, wenn es dumme Agenturmanager gibt, die sich für eine Packung Toastbrot prostituieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Den meisten Agenturführern sind sich sehr darüber bewusst, dass sie nur durch ausreichende Transparenz, Involvement und die authentische Vorbildfunktion bei ihren Mitarbeitern Vertrauen und der dann eintretenden Loyalität gewinnen werden.

Jeder arbeitende Mensch und jeder Betrieb sollte sich dessen bewusst sein, dass er Marktveränderungen ausgesetzt werden kann. Das ist daher kein alleiniges Thema der Agenturen und schon gar nicht von den genannten Mediaagenturen im speziellen. Die halbe Welt ist entsprechenden Veränderungen ausgesetzt, spätestens seitdem ein Hotelier Präsident der sogenannten freien Welt auf der anderen Seite des Antlantiks geworden ist. Man sollte sich einfach nur darüber im Klaren sein, dass Veränderungen im Generellen als Chance gesehen werden sollten.

Aus diesem Grund hat sich der Führungsstil der heutigen Manager – auch bei Mediaagenturen - durchaus sehr positiv entwickelt. Denn nicht wenige der älteren Generation von Agenturchefs haben durch ein Regiment von Angst und Fehlerintoleranz ihre Agenturen mitunter sehr patriarchalisch geführt.

Die Führung heute ist nicht mehr der Führung von gestern gleichzusetzen. Der Führungsstil  ist moderner und kooperativer geworden, ohne jemals das Wesentliche aus den Augen zu verlieren:

  1. Mitarbeiter fördern und fordern
  2. Sich nicht in zu schneller Zufriedenheit verlieren
  3. Durchaus mit einer gehörigen Portion Empathie durch die Gegend marschieren

Wir Mediaagenturmenschen haben das alles sehr gut verstanden. Dies wird uns durch zahlreiche spannende Bewerbungen von hochqualifizierten Bewerbern regelmäßig bestätigt. Und darüber hinaus durch außergewöhnlich loyale und mit Spirit übersprudelnde Mitarbeiter, die sogar im Familien- & Freundeskreis nach neuen Kollegen Ausschau halten. Das ist in meinen Augen überproportionaler Einsatz und ein Zeugnis von höchster Zufriedenheit. Der Krieg um Talente existiert also nicht. Es existiert ein nur sehr hoher Anspruch unsererseits an Talente und Mitarbeiter, denn wir wollen uns nicht mit Kompromissen bei geeigneten Kandidaten abgeben.

Zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung:

Herr Vogler hatte 45 Jahre lang die Chance, die nächste Generation von Führungskräften zumindest in seiner Umgebung zu fördern und diese mit seinen Werten und dem Verständnis für Führung auszustatten, welche er uns allen heute abspricht.  Stattdessen ein digitales Medium zu nutzen, um verbal und pauschal "auszuteilen", sagt mehr über Paul Vogler als über unsere Branche.

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