Mehrdad Amirkhizi

Mehrdad Amirkhizi

Nachruf Zum Tod von Stefan Kolle

Donnerstag, 14. September 2017
Es gibt ein "Spiegel"-Interview mit Stefan Kolle aus dem Jahr 2016, das deutlich macht, was das Besondere an diesem Kreativen war. In dem Gespräch geht es um die damals diskutierten Pläne, sexistische Werbung zu verbieten. Anders als viele Kollegen, die beim Thema Regulierung wahlweise den Untergang des Abendlandes wittern oder in plumpe Politikerschelte verfallen, macht Kolle in dem Interview etwas gänzlich Ungewöhnliches. Unaufgeregt fordert er mehr regulierende Eingriffe – bei Tabak-, vor allem aber bei Lebensmittelwerbung: "In der Werbung wird den Menschen suggeriert, dass es in Ordnung ist, einem Schulkind für die Pause zwei Bifi und drei Liter Fanta mitzugeben. Und am nächsten Tag Milchschnitte und Sprite."
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Stefan Kolle Stephan Rebbe


Diese Fähigkeit, über den Tellerrand zu schauen und bei aller Begeisterung für die eigene Zunft auch die gesellschaftliche Rolle von Werbung zu reflektieren, hat ihn ausgezeichnet. Genauso wie seine menschliche Art. Stefan Kolle war kein Glamour-Werber. Die demonstrativ zur Schau gestellte Lässigkeit mancher Branchenkollegen war nie seine Sache. Auch nicht der bis ins letzte Detail durchgestylte Auftritt. In das Klischee des Kreativstars passte Kolle nicht – und das, obwohl er in seinem Beruf wahnsinnig viel erreicht hat. Für seine Verdienste kürte ihn HORIZONT zusammen mit seinem Geschäftspartner Stephan Rebbe zum "Agenturmann des Jahres 2002".
Stefan Kolle wurde nur 55 Jahre alt
Stefan Kolle wurde nur 55 Jahre alt (© Holde Schneider)
Stefan Kolle hatte ein feines Gespür für Witz und Ironie, manchmal auch für Sarkasmus. Dabei überschritt er nie die Grenze zum Zynismus. Gerne stimmte er auch mal nachdenkliche Töne an. Trotzdem hatte er ein gutes Gespür für populäre Werbung. Das zeigt sich beispielhaft an dem Auftritt für das damals neue Produkt Bionade, der eng mit ihm verbunden ist. Diese Kampagne bringt gleich drei Themen auf den Punkt, für die Kolle in besonderer Weise stand: Innovation, Unternehmertum und gute Werbung.

Kolle war nicht nur bei Wettbewerbern beliebt, sondern auch bei den meisten Journalisten. Auf ihn konnte man sich verlassen. Er erzählte zwar nie alles, aber auch nie Unsinn. Was er sagte, hatte Hand und Fuß. Und man konnte mit ihm über Themen jenseits der Werbung diskutieren – bei einschlägigen Branchenveranstaltungen gern mal bis tief in die Nacht. Hitzig konnte es werden, wenn es um seinen Lieblingsclub ging, den FC Bayern München. Dort war er viele Jahre Mitglied und hielt dem Verein auch im fernen Hamburg die Treue.

Stefan Kolle 2017
© Kolle Rebbe

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Ähnlich empfindlich reagierte er eigentlich nur, wenn er seine Agentur oder deren Kampagnen ungerecht beurteilt fühlte. Dann konnte der akribische und besessene Arbeiter Kolle auch ein anderes Gesicht zeigen, nicht nur nett und entspannt. Die Kontrolle aus der Hand zu geben, das mochte er nicht so gern. Nicht ganz ohne Spannungen verlief auch der Ausstieg seines Gründungs- und langjährigen Geschäftspartners Rebbe. Irgendwie hatten sich die beiden entfremdet.

Das ändert aber nichts an der überragenden Lebensleistung von Stefan Kolle. Er hat aus dem Nichts eine der bekanntesten Agenturen Deutschlands mitaufgebaut – nach Stationen bei GGK Wien und Baader Lang Behnken. Dabei ist er immer bescheiden geblieben. Sinnbildlich dafür stand, dass er trotz allem (auch wirtschaftlichen) Erfolg jahrelang in einem alten Fiat Uno durch die Gegend fuhr. Privat investierte Kolle in Start-ups, vor allem in solche, deren Produkte er gut fand – und nicht in solche, die besonders hohe Gewinne versprachen.

Stefan Kolle ist in der Nacht vom 12. auf den 13. September völlig überraschend im Alter von 55 Jahren gestorben. Er hinterlässt seine Ehefrau und zwei Kinder, denen die Anteilnahme der HORIZONT-Redaktion gilt. Mit ihm verliert die deutsche Agenturszene zweifellos einen ihrer prominentesten und beliebtesten Vertreter. Zudem einen, der fachlich über jeden Zweifel erhaben war. mam
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