Uta Schwaner, Golin

Uta Schwaner, Golin

#MeToo-Debatte Warum alle Unternehmen jetzt ihre Kultur reflektieren müssen

Freitag, 27. Oktober 2017
Der Skandal um Harvey Weinstein und die zahlreichen Bekenntnisse unter dem Hashtag #metoo zeigen: Sexismus und sexuelle Belästigung sind alltäglich. Veränderung könne es nur geben, wenn Unternehmen ihre eigene Kultur hinterfragen, schreibt Uta Schwaner, Managing Director der PR-Agentur Golin in Deutschland, in ihrem Gastbeitrag für HORIZONT Online.

Wer hätte vor zwei Wochen gedacht, was der Rauswurf des Filmbosses Harvey Weinstein wegen sexuellem Missbrauch für ein Echo nach sich zieht. Seit Tagen beobachte ich die sozialen Medien unter dem Hastag #metoo und falle immer wieder aus allen Wolken, was nun alles ans Licht befördert wird und welche Dimension offensichtlich das Problem sexuelle Nötigung und Machtmissbrauch hat. Quer durch alle Branchen und Altersklassen. Selbst EU-Politikerinnen outen sich jetzt unter einem eigenen Hashtag.

Nun folgen - nach sehr langem Schweigen - die Männer, die sich unter verschiedenen Hashtags wie #IHave, #Guilty und #Iwill entweder zu Taten bekennen oder versprechen, in Zukunft ein besseres Verhalten an den Tag zu legen. Bei den Beiträgen auf Twitter und Facebook liest man häufiger, dass sie offenbar nicht erkannt haben, eine Linie überschritten zu haben.

Der Kollege Hajo Schumacher bat vor ein paar Tagen Frauen via Kolumne im Hamburger Abendblatt um Hilfe, um zumindest in der Gesprächskultur Übergriffigkeit schnell korrigieren zu können. Denn, so mahnt er meine Geschlechtsgenossinnen an, "Reg- und Wortlosigkeit zementiert Fehlverhalten (…). Jeder dumme Spruch trägt auch die Chance in sich, der letzte von dieser Person gewesen zu sein."
Gretchen Carlson Twitter
Bild: Screenshot Twitter

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Offensichtlich herrscht und - das leider nicht nur verbal - eine unterschiedliche Sensibilisierung darüber, wo die Grenze zu sexueller Übergriffigkeit herrscht. Und dabei rede ich natürlich nicht von Vergewaltigungen, sondern den vielen Stufen davor, die von der verbalen Anzüglichkeit bis hin zum Betatschen gehen. Die #metoo-Storys zeigen nämlich recht deutlich, dass die meisten Männer diese Vorstufen anscheinend für völlig in Ordnung halten. Wie kann das sein?

Männer prägen noch immer die Kultur und damit die Regeln von Grenzüberschreitung

Nun, eine Kultur, in der Führungszirkel immer noch überwiegend männlich geprägt sind, bestimmen Männer auch die Regeln für die Zusammenarbeit. Und definieren damit auch, was Frauen als angemessen empfinden sollen und was nicht. In gewisser Weise verkörpert die #metoo-Debatte eben auch die mangelnde Geschlechter-Diversity, über die wir schon so lange reden und die trotz Frauenquote nur mühsam vorankommt. Somit ist die #metoo-Debatte auch ein Thema der Unternehmenskultur. Denn Frauenbeauftragte und Beschwerdestellen haben Männer offensichtlich nicht wirklich davon abgehalten, Macht und Vertrauen zu missbrauchen. Allzu oft gedeckelt von anderen Männern.

Die Unternehmen werden sich nun der Aufgabe stellen müssen, vor allem intern zu debattieren, wie stark männliche Führungskräfte für das Thema des sexuellen Missbrauchs überhaupt sensibilisiert sind und wie man Frauen davor bewahrt. Sie müssen jetzt und sofort auf dieses gesellschaftliche Thema reagieren und ernsthaft reflektieren, inwieweit bei ihnen eine Kultur vorherrscht, in der Männer übergriffige Männer decken oder ob aber Männer Frauen vor konkreten Übergriffen schützen. Zu bedenken gibt es außerdem, ob Frauen bei Themen, die sie selber betreffen, aufgrund der Erfahrungen nun eine 100-Prozent-Stimme haben sollten und nicht nur eine ihrem Anteil entsprechend, was fast immer wegen Männerüberschuss dazu führt, dass ihre männlichen Kollegen über sie entscheiden.
„Frauenbeauftragte und Beschwerdestellen haben Männer offensichtlich nicht wirklich davon abgehalten, Macht und Vertrauen zu missbrauchen.“
Uta Schwaner
Ja, es ist sicher eine Phase des gemeinsamen Lernens. Frauen müssen klar ihre Grenzen in für sie unangenehmen und unangemessenen Situationen verbalisieren und zeigen. Das wird jedoch nur möglich sein, wenn eine offene Verständniskultur herrscht und sie nicht gleich als hysterisch, zu empfindlich oder humorlos stigmatisiert werden sobald sie die "No-Go"-Karte ziehen. Männer müssen sich darüber im Klaren sein, dass ihr Verhaltenskodex unter Umständen nicht konform mir dem von Frauen ist. Je klarer ein Unternehmen diesbezüglich Verhaltensregeln benennt, umso bessere Orientierung haben die männlichen Kollegen.

Es ist ein guter Zeitpunkt, Haltung zu zeigen

Das Thema Diversity – und das sicher nicht nur in Bezug auf Mann und Frau – muss forciert werden, damit sich eben eine Unternehmenskultur zeitgemäß und dauerhaft verändert. Darüber hinaus brauchen Unternehmen eine Null-Toleranz-Politik gegenüber sexuell motiviertem Fehlverhalten. Und Männer, die bei sexuellen Anzüglichkeiten ihrer Kollegen in aller Selbstverständlichkeit nicht mitlachen, sondern einschreiten und Position beziehen. Ich bin sicher, dass auf dem ohnehin schon recht leer gefegten Arbeitsmarkt die gut qualifizierten Frauen künftig noch sehr viel genauer hinschauen, wie Unternehmen sie nicht nur fördern, sondern auch vor Übergriffen schützen.

Der beste Schutz für Unternehmen, die eine Zukunft haben wollen, ist eine Unternehmenskultur der Vielfalt und der klaren Regeln für eine Zusammenarbeit ohne Missbrauchsatmosphäre. In einer Kultur des gegenseitigen Vertrauens und Ergänzung unterschiedlicher Erfahrungen und Sichtweisen arbeitet es sich einfach besser und auch wirtschaftlich erfolgreicher.

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