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CDU-Werber Thomas Strerath: "Der Angang war zu statisch, zu defensiv"
Olaf Ballnus

JvM-Vorstand Thomas Strerath zum Wahlausgang "Wir sind gescheitert"

CDU-Werber Thomas Strerath: "Der Angang war zu statisch, zu defensiv"
Die Wahl ist gelaufen. Auch für die beteiligten Werber. Die CDU hatte sich für ihre Kampagne Deutschlands bekannteste Agentur Jung von Matt an Bord geholt. Die hatte für diese Aufgabe sogar ihr ehernes Prinzip außer Kraft gesetzt, nicht für politische Parteien zu arbeiten. Während des Wahlkampfs wollten sich die Agenturchefs nicht zu dem Mandat äußern. Jetzt zieht Vorstand Thomas Strerath, der sich federführend um die CDU-Kampagne gekümmert hat, eine erste persönliche Bilanz. "Wir könnten enttäuschter nicht sein", so sein Fazit im Gastbeitrag für HORIZONT Online.
von Thomas Strerath, Jung von Matt, Montag, 25. September 2017

The Day After

Der Auftrag war einfach: stärkste Kraft, Union in der Regierung und Merkel Kanzlerin. Der offizielle. Der inoffizielle, also der interne, die intrinsische Motivation, sich überhaupt auf einen Wahlkampf einzulassen, war die erstarkende AfD, der erstarkende Protest und der erstarkende Nationalismus Mitte 2016. Und jetzt ist der externe Auftrag erfüllt. Aber wir sind gescheitert.
Wieso? Wir haben früh verstanden, dass der große Unterschied zwischen klassischer Marken- und Kampagnenarbeit für kommerzielle Kunden und politischen Kampagnen in der absoluten Fokussierung auf diesen einen Tag besteht. D-Day, da zählt es, da kommt es darauf an. Aber unser D-Day war der 3. September, nicht der 24. September. Nachdem die AfD früh als wirkliches Problem ausgeschieden war, lief es laut internen Diskussionen und der medialen Berichterstattung auf ein Duell hinaus.
Reichstag
Bild: Pixabay.com

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Okay, auch das war schnell allen deutlich, dass es da kein wirkliches Duell gibt, aber was hätten die Medien dann berichten sollen? Also der wie besessen von sich selbst als Kanzler quasselnde Rheinländer, dem man die Hauptrolle in seiner eigenen tragischen Komödie verliehen hat. Und so wurde der 3. September, Tag des einzigen TV-Duells, zum Tag der Entscheidung stilisiert. Hier sollte sich entscheiden, was längst entschieden war. Und so kam es dann auch, ein harmloser Antiheld zum Vergessen, der Merkel erstmalig einen Sieg im vierten Versuch der TV-Duell-Historie bescherte. Zum Vergessen - das haben die Medien dann auch gemacht.

Wie im Blutrausch brauchte es dann ein neues Thema, um dem angeblich langweiligsten Wahlkampf aller Zeiten wenigstens etwas Leben einzuhauchen. Also der Vierkampf um Platz 3. Alle vier bei 8 oder 9 Prozent. Während die Linke mit stoischer Ruhe und die Grünen mit zickiger Bürgerlichkeit langweilten, gaben Posterboy Lindner und die Skandaltruppe der AfD ihr Bestes. Die AfD dabei etwas mehr und so erfolgreich, das am Ende sich sogar Alleinunterhalter Lindner zu Steinhöfel ins Interview-Auto setzte und mit Radikalrückführungsforderungen für Flüchtlinge kurz verzweifelt wirkte.
„Wie hat die AfD das gemacht? Kein Charismat an der Spitze, kein Lindner mit Lodenmantel. Kein Programm und keine Lösungen. Sie haben den Mechanismus des Populismus in bester Manier genutzt. Statt des einen 'Vorweggehers' eine sechsköpfige Hydra, ein Monster mit vielen hässlichen Gesichtern.“
Thomas Strerath
Wie hat die AfD das gemacht? Kein Charismat an der Spitze, kein Lindner mit Lodenmantel. Kein Programm und keine Lösungen. Sie haben den Mechanismus des Populismus in bester Manier genutzt. Statt des einen "Vorweggehers" eine sechsköpfige Hydra, ein Monster mit vielen hässlichen Gesichtern. Der Skandal des einen, war die Moderationsplattform des anderen. Gauland, Höcke, Petry, Storch, Meuthen, Weidel. Hatte man - die Journalisten, die Social-Media-Blase - den einen in die Schranken verwiesen, kam ein anderer Kopf zum Vorschein. Immer einer mehr, mit einem unsterblichen Kopf in der Mitte, der Wut. Die Wut ist ein Wesen, das wächst, je stärker sie attackiert wird. Und das war so, wie nach Regieplan: Jeder sah sich gefordert, die Rechte zu jederzeit und zu jedem Thema anzugreifen. Ihre Themen sollten keinen Platz haben, aber ihre Vertreter in jeder Talkshow sitzen. Und je stärker man im Establishment erklärte, dass man dieser Wut keinen Platz geben möchte, desto größer wurde sie. Die mediale Thematisierung und Überhöhung der AfD, auch in Social Media, war Futter für die Hydra. Und so wuchs sie auf knapp 13 Prozent am Wahltag, dabei lag sie am 3. September noch bei 8 Prozent. Ein Zuwachs von 60 Prozent in drei Wochen!
„Wir hatten in den drei Wochen nach dem TV-Duell, in den drei Wochen der Skandale der AfD, keine neue Antwort mehr.“
Thomas Strerath
Deswegen ist es nicht nur sinnlos, sondern sogar kontraproduktiv, sich auf Facebook oder sonstwo permanent über die AfD zu echauffieren oder, noch schlimmer, ihr mit gleichermaßen wütendem Protest und Demonstrationen auf der Straße zu begegnen. Auch das nur Futter für die Wut der Hydra. Humor, der sich über die AfD und ihre Wähler lustig macht? Futter für die Hydra. Den Rest haben die Strategen unter den Merkel-Anhängern aus dem Sommer erledigt; manche CDU-Anhänger waren sich zu sicher und begannen, strategisch ihre Stimmen bei FDP und den Grünen zu platzieren. Was beiden geholfen hat und uns nun vielleicht wenigstens Jamaika ermöglicht.

Und wir? Wir hatten in den drei Wochen nach dem TV-Duell, in den drei Wochen der Skandale der AfD, keine neue Antwort mehr. Zu statisch, zu defensiv war der Angang. Ist der Gegner jetzt rechts oder links oder grün oder gelb? Und mit abnehmender Zustimmung in den letzten Tagen vor der Wahl, war dann nicht mehr genug Mut, genug Kraft, wenn überhaupt genug Erkenntnis über das da, was gerade in Deutschland passiert ist. So haben wir vielleicht erst geholfen, das zu ermöglichen, was wir genau verhindern wollten. Wir könnten enttäuschter nicht sein. Merkel hat gewonnen, wir sind gescheitert.
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