Mehrdad Amirkhizi

Mehrdad Amirkhizi

Jung von Matt ohne Strerath Alles nur ein Missverständnis?

Freitag, 17. November 2017
Die Pressemitteilung ist ganze zehn Zeilen lang. Und wird als "Information zu den Veränderungen im Vorstand von Jung von Matt" angekündigt. Was betont lapidar daherkommt, ist nichts anderes als eine Bombe. Thomas Strerath verlässt Jung von Matt – sein Vorstandsvertrag wird nicht verlängert. Genauso wenig der von Strategiechefin Larissa Pohl. Offizieller Ausstiegstermin ist der 31. August 2018. Ob die beiden wirklich so lange an Bord bleiben, muss man sehen. Bei Mitgesellschafter Strerath sind nicht zuletzt Anteils- und Dividendenfragen zu klären.

Damit endet nach gerade mal zwei Jahren ein vielbeachtetes Experiment. Der damals prominenteste Networkmanager (Strerath kam von Ogilvy) wechselte zur prominentesten inhabergeführten Kreativagentur des Landes. Vom meinungsstarken und polarisierenden Strerath erhofften sich die für Knalleffekte bekannten JvM-Gründer neuen Glanz, Attraktivität und Sexyness – und nicht zuletzt neue Etats und Impulse fürs Geschäft. Strerath wiederum hatte wohl die Hoffnung, bei einer Agentur wie Jung von Matt noch mehr gestalten und bewegen zu können als in einem internationalen Network. Diese gegenseitigen Erwartungen wurden nicht erfüllt, stellt Jean-Remy von Matt in der bereits erwähnten Pressemitteilung kurz und knapp fest.
„Letztlich kommt man nicht umhin zu konstatieren, dass Strerath bei Jung von Matt gescheitert ist.“
Mehrdad Amirkhizi

Doch was genau hat am Ende zu der Trennung geführt? Die Beteiligten wollen sich nicht weiter äußern und verweisen auf die offizielle Verlautbarung. Letztlich kommt man nicht umhin zu konstatieren, dass Strerath bei Jung von Matt gescheitert ist. Aus Sicht der Agentur hat er nicht die erhofften Ergebnisse gebracht – vor allem in Bezug auf Neugeschäft. Bei der Bahn kam JvM anders als erwartet nicht zum Zug. Auch mit Opel klappte es letztlich nicht. Auf der Habenseite steht dagegen ein Etat wie Saturn und der Ausbau des Geschäfts mit Hyundai/Kia. Am Ende war die Ausbeute aber einfach zu schwach. Wer den extrem kompetitiven Co-Gründer von Matt kennt, weiß, wie schnell er jemanden fallen lässt, wenn dieser die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Von Matt gilt wie kaum ein Zweiter in der Branche als Jäger, nicht zuletzt von Talenten und Hochkarätern. Oft scheint die Jagd dabei aber wichtiger als die weitere Entwicklung.

Larissa Pohl und Thomas Strerath
© Christian Schoppe

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Hinzu kommen die sogenannten weichen Faktoren. Manche Leute sagen, Strerath sei kulturell nie richtig bei Jung von Matt angekommen. Er habe zu wenig mit den Leuten geredet, sich zurückgezogen, sei unnahbar gewesen, zu selbstbezogen, – das und ähnliches ist zu hören. In der Tat war der Manager viel unterwegs und wenig in der Agenturzentrale in Hamburg. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Meinung, dass kaum ein anderer die eigentliche Kultur von Jung von Matt – klar und hart in der Sache, keine Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten – so verinnerlicht hat wie Strerath. Mit seinen radikalen, manchmal wohl auch rabiaten Vorschlägen, konnte er sich am Ende aber nicht bei seinen Führungskollegen durchsetzen.

An dieser Stelle kommt Peter Figge ins Spiel, vor Streraths Verpflichtung Vorstandsvorsitzender, danach offiziell einer von zunächst sechs, dann fünf Vorständen. Er darf sich letztlich als Sieger fühlen. Die Agentur hat immer wieder betont, dass es zwischen den beiden keinerlei Konkurrenz oder gar Wettbewerb um die Führungsrolle gibt. "Thomas und mich verbinden dieselbe Sicht auf die zukünftigen Herausforderungen. Er ist für mich der absolute Wunschkandidat für die Weiterentwicklung von Jung von Matt", sagte Figge bei der Verpflichtung des damaligen Ogilvy-Chefs. Offenbar waren diese Gemeinsamkeiten dann aber wohl doch geringer als gedacht. Auch wenn Figge sich öffentlich weitgehend zurückhielt, war zu spüren, dass er nicht mit jeder Wortmeldung seines meinungsstarken Kollegen glücklich war. Am Ende scheint das alte Highlander-Motto zu gelten: Es kann nur einen geben.

Bemerkenswert: Beim Einstieg von Figge im Jahr 2010 war oft zu hören, dass der frühere DDB-Manager von seiner ganzen Art nicht zu Jung von Matt passt: zu uncool, zu nett, zu wenig kreationsnah. Bei Strerath wurde genau das Gegenteil gesagt. Jetzt geht Strerath und Figge bleibt – und hat wahrscheinlich mehr Einfluss denn je.

Fest steht: Strerath hat bei Jung von Matt nicht funktioniert. Das liegt in erster Linie an ihm, zumal er ziemlich genau wissen konnte, worauf er sich einlässt. Es lohnt aber auch ein Blick auf die Agentur. Vielleicht hat die bekannteste deutsche Werbeagentur doch mehr Beharrungsvermögen als sie selbst denkt. Welche Veränderungen Strerath wollte, ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass sich auch Jung von Matt verändern muss. Zwar hatte die Gruppe zuletzt wieder Erfolge zu vermelden (zum Beispiel Saturn), es ist aber kein Geheimnis, dass sich andere Anbieter dynamischer entwickeln.

Jean-Remy von Matt 2015
© JvM

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Auch wenn es die Agentur nicht gerne hört: Natürlich steht die Frage im Raum, wie es mit Co-Gründer Jean-Remy von Matt weitergeht. Er ist Anfang November 65 Jahre alt geworden. Will er wirklich den ewigen Kreativchef und Übervater geben? Oder ist auch für ihn langsam die Zeit gekommen, wie sein Gründungspartner Holger Jung in den Aufsichtsrat zu wechseln? Vor einiger Zeit kursierte sogar mal das Gerücht, dass Strerath von Matt in der Rolle des Kreativchefs folgen soll – nicht als oberster Texter, sondern als oberster Konzeptioner. Daraus ist bekanntlich nichts geworden. Ewig so weitermachen wie bisher kann man jedoch nicht.

Zum Schluss noch ein paar Worte zu Strategiechefin Larissa Pohl. Auch sie wird die Agentur verlassen. Ihr ist es offenbar ebenfalls nicht gelungen, die Impulse zu setzen, die man von ihr erwartet hat. Der zeitgleiche Abgang der vor kurzem in den GWA-Vorstand gewählten Pohl ist für sie auch deshalb tragisch, weil sich damit wieder diejenigen bestätigt sehen dürften, die sie vor allem für eine Strerath-Vertraute halten. Das wird Pohl aber nicht gerecht. mam
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