Jörg C. Müller-Dünow, markenzeichen

Jörg C. Müller-Dünow, markenzeichen

GPRA-Chef in der Kritik "Das Gros der Agenturen ist um Lichtjahre weiter als der PR-Agenturverband"

Freitag, 13. März 2015
Klassische Werbung ist dem Untergang geweiht. Mediaagenturen sind planlos in Sachen Content und Storytelling. Und PR-Agenturen werden als "Herrscher über den Content" nach wie vor maßlos unterschätzt. Für  diese Thesen, die Uwe Kohrs im Interview mit HORIZONT kundtat, erntet der GPRA-Chef nicht nur Zustimmung. Jörg C. Müller-Dünow, Chef der Agentur markenzeichen, hält die Ansichten Kohrs für antiquiert und wenig hilfreich, wie er in einem Gastkommentar für HORIZONT Onine schreibt.

Zunächst müssen wir dem geschätzten GPRA-Chef Kohrs herzlich danken für die überraschende Zeitreise zurück in die 80er Jahre. Das ruft Erinnerungen wach! Hier die schillernden Werber mit all dem Geld und all den Weibern. Da die PR-Leute, die sich vor lauter Gram über all die fremden und eigenen Krisen zur Therapie der eigenen Minderwertigkeitskomplexe zweimal im Jahr traurig bei den steifen Branchenpreisverleihungen gegenseitig bemitleiden.

Ebenso wie damals wird im HORIZONT-Interview munter sektiert und wir können nur hoffen, dass der Tenor der Ausführungen nicht die Realität in den Köpfen der Verbandsmitglieder widerspiegelt. Denn was genau lesen wir hier eigentlich: Es gibt Werbeagenturen, die sind dem Untergang geweiht.
Kohrs, Uwe_GPRA
Bild: GPRA

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Es gibt Media-Agenturen, die können keinen Content. Und es gibt PR-Agenturen, die halten sich eigentlich für minderwertig, sind aber tatsächlich die Herrscher über Content und Glaubwürdigkeit. Der alte Cocktail bewährter Klischees: „Wir“ PR-Leute haben Angst gegenüber den großen Werbern. Die da oben und „wir Schmuddelkinder“ hier unten.

Abgerundet wird die Analyse durch eine tiefschürfende Kommentierung des Werbemarkts: „Klassische Werbung im Netz ist nicht mehr relevant“ – war sie das je? „Der Konsument betrachtet Werbung als irrelevant für seine Kaufentscheidungen“ – kann er das wirklich objektiv hinterfragen? Und vor allem: „Die Werber fremdeln nach wie vor mit der PR.“
„So, wie hier lautstark alle ollen Klischeekamellen wieder ausgepackt werden, entsteht beim Lesen der Eindruck, der Graben zwischen Reklame- Media- und PR-Agentur soll bitte noch ein Stück tiefer werden.“
Jörg C. Müller-Dünow
Ja wer fremdelt hier eigentlich gerade so lautstark? Es scheint, das Gros der Werber ist im Kopf um Lichtjahre weiter als der PR-Agenturverband. Das gleiche gilt für einen immer größer werdenden Teil der Agenturen, die von der GPRA vertreten werden sollen. Dort ist nämlich längst angekommen, dass das eigentliche Übel in der strikten Trennung liegt, die hier so engagiert propagiert wird: Werbung gegen PR, und alle gegen die Mediaagenturen.

Dienstleister, die die Kommunikationsrealität verstanden haben und leben, sind über die Frage „Werbung oder PR oder Digital“ doch längst hinaus. Sie denken und arbeiten lösungs- und nicht kanalorientiert. Denkt man das konsequent weiter, entsteht der Eindruck, hier geht es vor allem um die Existenzberechtigung eines Branchenverbands, der weiter das Silodenken propagiert, während sich die einst reinrassige Agenturzielgruppe mit der Anpassung an die Kommunikationsrealität nach und nach atomisiert.

So, wie hier lautstark alle ollen Klischeekamellen wieder ausgepackt werden, entsteht beim Lesen der Eindruck, der Graben zwischen Reklame- Media- und PR-Agentur soll bitte noch ein Stück tiefer werden. Wenn der Verbandschef seine Agenturkollegen, denen er einen Absatz zuvor noch das Selbstbild der zum Eigenmarketing unfähigen Hasenfüße unterstellt, zum Aufbegehren gegen die Übermacht der Werber (die aber eigentlich dem Untergang geweiht sind) anzustiften sucht, klingt das wie das berühmte Pfeifen im Walde.

Mit diesem Rührstück leistet der Präsident seinen Kollegen einen Bärendienst. Hoffen wir, dass zumindest unsere Kunden das Stück nicht lesen. Denn die sind in der Frage „wem gehört der Content“ doch vielfach schon längst viel weiter und verinnerlichen mehr und mehr den Schulterschluss aller Kommunikationsdisziplinen.

In diesem Sinne sind also weder Werbe- noch PR-Agenturen dem Untergang geweiht, sondern nur die, die ihr Geschäftsmodell nicht regelmäßig der Marktrealität anpassen.

Der Autor Jörg C. Müller-Dünow führt als Managing Partner gemeinsam mit seinem Partner Bodo Bimboese die in Frankfurt und Düsseldorf ansässige Agentur markenzeichen.

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