Lothar Leonhard, Ex-GWA-Chef

Lothar Leonhard, Ex-GWA-Chef

Effie Affäre "Der GWA sollte FM Schmidt dankbar sein"

Mittwoch, 09. Dezember 2015
Er gilt als Elder Statesman der Agenturbranche und war viele Jahre Präsident des GWA. Jetzt meldet sich der frühere Ogilvy-Chef Lothar Leonhard in der Effie-Affäre zu Wort - und bezieht klar Stellung. Dabei übt er scharfe Kritik am Verhalten von Thomas Strerath. Sein Nachfolger bei Ogilvy, über dessen Wechsel zu Jung von Matt Leonhard nicht sonderlich erbaut war, hatte ihn auch als Effie-Jurypräsident abgelöst.

"Ich bin betroffen"

Wenn man acht Jahre die Effie-Jury geleitet und verantwortet hat, kann man nicht ohne persönliche Betroffenheit und ohne klare Meinung die aktuellen Vorgänge um die Effie-Vergabe 2015 zur Kenntnis nehmen. Das sind die Fakten: In der Jurysitzung am 1. Oktober wurde Philipp und Keuntje ein Effie in Gold für Astra verliehen. Die Einreichung wurde im Vorfeld nicht beanstandet, auch nicht die Einbeziehung des Jahres 1998 als Nullmessung für den Erfolg. Beteiligte Agenturen waren in der Bewerbung nicht genannt.
„Die Beschädigung kann sehr nachhaltig sein - nicht nur für den Effie, sondern auch für den GWA.“
Lothar Leonhard
Für die Bewerbungen um einen Effie gibt es eindeutige Regeln. Das sind vor allem auch feste Daten. Danach sind Nachnominierungen ausgeschlossen. Wer diese Fristen nicht einhält, kann nicht am Wettbewerb teilnehmen. Das gilt uneingeschränkt auch für "beteiligte Agenturen".

Nach erfolgter Juryentscheidung hat der Juryvorsitzende Philipp und Keuntje aufgefordert, einer nachträglichen Nennung von JvM als beteiligte Agentur zuzustimmen. Andernfalls müsse die Agentur entweder den Case zurückziehen oder mit der Aberkennung des Gold-Effie rechnen. (Wer Torben Hansen auch nur ein wenig kennt, wird am Wahrheitsgehalt dieser Darstellung keinen Zweifel haben.) Die offizielle Liste der Finalisten vom 30. September wurde eine Woche nach der Jurysitzung vom Juryvorsitzenden ersetzt durch eine, in der nun JvM als beteiligte Agentur aufgeführt ist. Eigenmächtig und gegen alle Satzungen hat er JvM – d.h. seiner eigenen Agentur - nachträglich einen Effie für Astra zugesprochen.
„Die sauberste Lösung wäre die Rückgabe des Awards durch JvM aufgrund der unrechtmäßigen Vergabe, zumal der Juryvorsitzende schon von allen Ämtern zurückgetreten ist. “
Lothar Leonhard
Dieser Vorgang ist bislang einmalig. Mir bereiten vor allem zwei Dinge Sorge. Zum einen: Bislang war der Effie über alle Zweifel erhaben bei der Rechtmäßigkeit der Preisträger-Ermittlung – im Gegensatz zu manchen anderen Wettbewerben. Die Beschädigung kann sehr nachhaltig sein - nicht nur für den Effie, sondern auch für den GWA. Und für den neuen Juryvorsitzenden ist das eine Hypothek. Deshalb ist es für eine Bereinigung höchste Eisenbahn. Die sauberste Lösung wäre die Rückgabe des Awards durch JvM aufgrund der unrechtmäßigen Vergabe, zumal der Juryvorsitzende schon von allen Ämtern zurückgetreten ist. Die andere Möglichkeit ist die Aberkennung durch den Verband.

Zum anderen: Frank-Michael Schmidt, der diesen skandalösen Vorgang aufgedeckt hat, können wohl kaum Eigeninteressen unterstellt werden. Bevor er an die Öffentlichkeit gegangen ist, hat er sehr wohl zum Telefon gegriffen. Der Präsident hat ihn aber nach Rücksprache mit dem Juryvorsitzenden beschieden, es sei alles in Ordnung. Es war aber nichts in Ordnung. Hätte er das nun mit dem Urheber des Ganzen vertraulich besprechen sollen? Der GWA und seine Mitgliedsagenturen sollten FM Schmidt dankbar sein, anstatt ihm das Gefühl zu vermitteln, er sei Nestbeschmutzer. Er kämpft für das Ansehen des Verbandes und für die Tadellosigkeit der Effie-Verleihung. Hüten wir uns vor dem Snowden-Syndrom.

Eine letzte Anmerkung: Mein Nachfolger im GWA-Amt 2002, Holger Jung, hätte so etwas ganz sicher nicht toleriert.
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