Volker Schütz

Volker Schütz

Disrupting Germany Warum der ADC-Werbefilm ziemlich doof ist

Donnerstag, 27. April 2017
"Disrupting Germany" hat sich der ADC auf die Agenda gesetzt. Schaut man sich den Kinofilm an, mit dem der Kreativclub für sein Festival im Mai wirbt, muss man inständig bitten: „Lieber ADC, mach' doch erstmal bessere Eigenwerbung, anstatt sich den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu widmen.“

Braucht Innovation drei Jahre? Oder eher drei Bier? Auf diesen beiden Fragen basiert die Idee des Filmes, der am Beispiel eines innovativen Rasenmähers zeigen soll, dass viele Erneuerungen nicht 36 Monate, sondern 1,5 Liter Gerstensaft Entwicklungszeit benötigen.

ADC-Chef Stephan Vogel sagt: „Der Film macht sich über das martialische Gehabe vieler Technologieunternehmen lustig. Der Hersteller feiert in seinem Stolz sein Produkt als die Krone der technologischen Entwicklung. Während oft eine triviale, kreative und rotzig umgesetzte Idee die gleiche Leistung vollbringen kann. Eine unterhaltsame Illustration des ADC Festivalmottos: Creativity beats Technology?!“

Klingt schön. Funktioniert aber leider nicht. Vielleicht hätte Vogel  seinem Kreativteam mehr als drei Bier hinstellen sollen, damit der Gag rüberkommt.

Martialisches Gehabe von Technologieunternehmen? Wen meint Vogel mit Technologieunternehmen? Google, Facebook, Uber, Apple? Aber die machen doch bis auf Apple gar keine Spots.

Oder etwa Bosch, Deutz, Daimler, Deutsche Bahn, MAN, Siemens, Stihl, Volkswagen? Moment mal. Das sind doch deutsche Technologiefirmen. Sie sind teilweise Kunden von Ogilvy. In jedem Fall sind sie existierende oder mögliche Kunden des einen oder anderen ADC-Mitglieds.

3 Bier statt 3 Monate. Wie lange hat Ogilvy-Kunde Siemens wohl gebraucht, um den Gotthard-Basistunnel zu bauen? Einen Architekten, zwei Ingenieure  und  drei Bier? Wie lange hat es gedauert, bis aus dem Nutzfahrzeuge-Hersteller und Ogilvy-Kunden MAN einer der innovativsten Produzenten im Bereich Schiffsmotoren und Turbinen wurde? Eine Vorstandssitzung und eine Kiste Radeberger (Ogilvy-Kunde)? Wie lange hat Apple (kein Ogilvy-Kunde) für die Entwicklung des iPhones gebraucht? Einen Steve Jobs und viel grünen Tee?

Ich würde gerne Mäuschen spielen, wenn ein Agenturberater das nächste Mal bei einem seiner Technologiekunden vorfährt. Wird der Kreative seinem Brötchengeber dann raten, sein neues Produkt nicht mehr in opulenten Bildern (als „Krone“), sondern möglichst trashig zu präsentieren (so wie den Uralt-Rasenmäher im zweiten Teil des ADC-Spots)? Wird er ihm ausreden, dass das ganze Technik-Zeug vollkommen überbewertet wird? Oder wird er ihn etwa überzeugen wollen, dass der ADC die richtige Adresse ist, wenn es um Disrupting Germany geht? Und dass man good old Germany ganz einfach erneuern kann.

Was passiert, wenn der Kunde den Film gesehen hat und weiß, dass sein Gegenüber ADC-Mitglied ist? Ich wette: Irgendwann im Verlauf des Gesprächs fliegt die erste Bierflasche.

Der Spot soll ironisch sein. Das kommt nicht rüber. Was rüberkommt, ist: Der Film

  • tut so, als sei Innovation babyeinfach
  • er veräppelt Technologieunternehmen
  • er verkennt, dass Deutschland von Technologieunternehmen geprägt ist, für die das Internet of Things und Artificial Intelligence großartige Chancen bietet, im Digitalbusiness – abseits vom digitalen Werbemarkt – global aufzutrumpfen.

    Disrupting Germany? Wenn ich nur den Reklamefilm als Referenz hätte, kämen mir Zweifel, ob der ADC das Zeug dazu hat, Kreativ- und Ingenieurkunst zusammen zu bringen. Vielleicht gilt aber der alte der Satz von Fußball-Trainer Alfred "Adi" Preißler: "Entscheidend ist auf'm Platz." Auch in diesem Fall. Creativity beats Technology - ich bin gespannt, wer beim ADC-Festival wem auf die Mütze gibt. Ab 8. Mai in Hamburg.

 

 

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