Diana Sukopp

Diana Sukopp

Cannes Lions Jury #Cannesunfiltered, Teil 5: Grandprix? Ja, nein, vielleicht.

Dienstag, 20. Juni 2017
Auch in diesem Jahr berichten auf HORIZONT Online wieder unterschiedliche Juroren exklusiv von ihren Erfahrungen in der wichtigsten Kreativjury der Welt. An dieser Stelle schreibt Diana Sukopp, deutsches Jurymitglied der Direct Lions, über ihre Erlebnisse in Cannes. Wenn Sie nicht gerade Hunderte von internationalen Direktmarketingkampagnen auf Herz und Nieren prüft, arbeitet sie als Creative Group Head bei Grabarz & Partner. Den Job als Cannes-Tagebuchschreiberin teilt sie sich übrigens mit Andreas Pauli, Chief Creative Officer von Leo Burnett. Er wird ab Mitte dieser Woche über seine Erlebnisse in der Film-Jury schreiben.

20. Juni, #Cannesunfiltered, Teil 5: Grandprix? Ja, nein, vielleicht.

Von all den Dingen, die mir das Leben gegeben hat, würde ich gerne das Fieber und die Erkältung wieder zurück geben. Ich hör nur noch „Mimimimiimiii“ von meinem geplagten Gehirn und nehme eine Extraladung frei verfügbarer Drogen direkt nach dem Aufstehen. Heute ist schließlich der Tag, an dem es um alles geht. Und ich gehe als erstes wieder in der Direct-Polonaise zum Jurypalast. Und an dem Bodyscanner vorbei. Wie an der Supermarktkasse werden wir einzeln am Scanner vorbei geschoben. Das letzte kreative Erlebnis im Supermarkt ist allerdings schon etwas länger her. Da hat ein schwules Pärchen vor mir den Wochenendeinkauf aufs Kassenband entleert und wurde vorm Bezahlen gelangweilt gefragt: „Sammeln Sie Treuepunkte?“ Daraufhin drehte sich einer der beiden schwungvoll zur Kassiererin um und klärte sie charmant auf: „Schätzchen, wenn er das bei mir schon nicht tut, warum sollte er dann bei dir damit anfangen?“ Piep. Executive Creative Director. Piep. CCO. Piep. Ich. Wir haben im saukalten Juryraum jetzt Decken auf unseren Stühlen, aber viel wichtiger, eine finale Shortlist auf unseren Plätzen liegen und bekommen noch einmal eine Standpauke von unserem Jurydirector gehalten. Wir haben nur 8% aller Arbeiten, die eingereicht wurden, auf die Shortlist gelassen. Das ist die unterste Grenze. Von der Anzahl her, nicht vom Niveau. Das ist ein saustarker Jahrgang. Heute zeichnen wir nur noch 2% der gesamten Entries mit Löwen aus. Wer glaubt, dass das wenig ist: das sind immer noch 75-80 Löwen insgesamt. Circa 75 Mal müssen also alle sicher sein, dass wir hier einen Löwengewinner haben. Und es gilt weiterhin die Zweidrittelmehrheit. Also anders ausgedrückt: 6 von 10 Juroren müssen sich in die Arbeit verknallen. Dafür zeigen unsere Möchtegern-Tablets heute die Buttons „Gold“, „Silver“, „Bronze“ und „Remains on shortlist“ an. Arbeiten können jederzeit upgegradet werden – aber nie downgegradet. Heißt: einmal ein Löwe, immer ein Löwe und nur noch die Farbe ist nach oben hin diskutabel. Bronze kann Silber oder Gold werden, Gold nur noch für den Grandprix nominiert werden und die Shortlistkandidaten haben noch alle Möglichkeiten nach oben offen. Los geht’s. 214 Arbeiten werden insgesamt unter die Lupe genommen. Casefilm. Vote. Casefilm. Vote. Diskussion. Casefilm. Vote. Das geht so weiter bis wir kurz vor Buffetabbau doch noch in die Mittagspause dürfen. Raus aus dem kalten Raum in die Hitze der Palaisterrasse. Erste Diskussionen über eine Arbeit, die von einer anderen Jury kompromittiert wurde, schwappen zu uns rüber.

Und auch wir diskutieren nach der Pause lange, hart, leidenschaftlich und ausführlich. Dabei reden wir nur über die Arbeit im Zusammenhang mit „Direct“ und lassen uns nicht von den Diskussionen um uns herum ablenken. „Ist ein Stück aus der Musikindustrie heute weniger originell, wenn es dem Einfluss der Beatles oder den 80ern unterlegen war?“, fragt mich jemand in einer kurzen Kaffeepause im Anschluss. Ich denk länger drüber nach. Unter anderem, weil ich in den 80ern eher dem Einfluss von den Flippers und ihrem Partyhit „Je t’aime heißt ich liebe Dich“ dank dem hauseigenen Partykeller meiner Eltern unterlegen war. Und mehr Worte verlieren wir dazu nicht außerhalb unseres Juryraums, um andere nicht zu beeinflussen. Finde ich gut. What happens in the Partykeller, stays in the Partykeller.

Draußen zieht das Festival an uns vorbei. Um kurz nach Mitternacht haben wir nach drei kompletten Votingdurchgängen endlich unsere Gewinner. Die exzellenten 2%, die alles andere überstrahlen werden. Jetzt geht es um den Grand Prix. Ein einziger dieser Goldgewinner wird sein goldenes Gewand ablegen und als „Grand Prix Direct“ in die Geschichte eingehen. Ich bin etwas aufgeregt. Erst einmal diskutieren wir die möglichen Kandidaten. Dann voten wir, welche Kandidaten als Grand Prix-Anwärter überhaupt in Frage kommen, mit einem einfachen Ja/Nein anonym auf unseren Tablets. Ich hab’ mich mit falschem Namen eingeloggt. Wir müssen noch mal voten. Sorry. Am Ende ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen zwei Entries, die unterschiedlicher nicht sein könnten. „One has got the heart, the other one the balls“, fasst es unser Präsident zusammen. Wir werden uns nicht einig. Hitzige und leidenschaftliche Diskussionen entbrennen. Argumente werden ausgetauscht. Auf hohem Niveau. Und in einer fremden Sprache. Mir gehen die englischen Argumente und Vokabeln aus. Das zerrt an den Synapsen und Kräften. Wir stimmen ab. Kein Grand Prix. Die Votes sind unentscheiden. Erneute Argumente dafür und dagegen. Fragezeichen abklopfen. Wieder werden die Tablets gezückt. Unentschieden. Die Jury spaltet sich in zwei Lager. Die Diskussionen sind tough – denn beide Seiten haben solide Argumente. Was, wenn wir keinen Grand Prix vergeben? Das finden wir als Jury keine Option. Hier geht es um kreative Exzellenz und wir haben zwei herausragende Arbeiten, die sich gegenüber stehen. Nur, weil wir uns nicht einig werden können, darf die Arbeit nicht drunter leiden. Was, wenn wir zwei Grand Prixs vergeben? Keine Option für die Festivalvertretung. Nur, weil wir uns nicht einig werden können, können nicht beide profitieren. So ein Mist. Bei den Bundesjugendspielen hat Richard von Weizecker doch auch einfach zwei Ehrenurkunden unterschrieben? Aber das hier ist nunmal die Werberolympiade. Jetzt reiß dich mal zusammen, Gehirn! Andere frei verfügbare Drogen landen in meinem lymbischen System. Ich könnte schwören, dass ich einen Ohrwurm von den Flippers hab’. Das ist ein denkbar schlechter Soundtrack für einen historischen Grand Prix. Ich denk an was anderes.

Wir schauen noch mal beide Casefilme direkt hintereinander. Voting. Unentschieden. Die vier Kriterien unserer Kategorie werden aufgelistet: Idee, Strategie, CTA und Resultate. Was ist besser für die Kategorie „Direct“ geeignet? Voting. Unentschieden. Eine leidenschaftliche Rede unseres Jurypräsidenten folgt. Voting. Unentschieden. Wir steigen noch mal tiefer in die Diskussionen ein und finden unumstößliche Argumente für beide Arbeiten. Wieder schauen wir die Casefilme, wieder gehen wir in die Resultate, wieder heben wir die jeweiligen Stärken hervor. Mein argentinischer Jurykollege findet die richtigen Worte, allerdings in spanisch. Die Spanierien muss für ihn übersetzen. Die kann aber auch nur noch halb englisch halb spanisch argumentieren. Fragezeichen auf 8 von 10 Jurystirnen. Der Brasilianer fasst sich ein Herz und lässt uns nochmal neu über die Cases nachdenken. Ein Perspektivenwechsel. Am Ende dieses Votings ändert eine Stimme plötzlich alles, die sich von einem Lager ins andere bewegt. Und wir haben endlich einen Grand Prix. Die zwei gespaltenen Lager vereinen sich auf der Dachterasse des Palais und werden wieder zu einer gemeinsamen Jury. Kollaborativ und respektvoll, wie schon all die Stunden und Tage davor. Wer es durch diesen toughen 10-Gehirne-Test geschafft hat, der wurde hier zurecht ausgezeichnet und wir haben alle genug Argumente für die jeweiligen Arbeiten gesammelt, um unsere Auszeichungen zu bestätigen.

Ich schlender erschöpft zurück zum Hotel und muss mich gleich noch an den Blogeintrag setzen. Dabei denke ich beruhigt, dass das Motto „unfiltered“ die beste Ausrede für Rechtschreibfehler in diesem Text sind. Mittlerweile ist es fast drei Uhr morgens und ich hab’ alle Parties und die Opening Gala verpasst. Von irgendwoher ertönt eine französische Version von „Cheri, Cheri Lady“ von Modern Talking. Ich hab’ einfach kein Glück mit Soundtracks. Wenigstens nicht die Flippers. Jedenfalls müssen die 80er jetzt als Abspannmusik herhalten. Besser wird’s nicht, es können alle aufhören zu lesen. Jetzt. Außer meiner Familie.

Vielen Dank an eine brilliante und inspirierend Jury für diese unglaubliche Reise, an Gott@/von grabarzundpartner.de für den Schubs in dieses aufregende Abenteuer namens Blog, meine Familie für ihr bedingsloses Verständnis, ihre konstante Unterstützung, ihren Humor und dass ich alle peinlichen Familiengeschichten einfach so mit der Welt teilen darf, meine CDs und meiner Gruppe Eins zuhause, dafür, dass ich hier den Rücken frei hab’ für die permanente Löwenjagd, an alle, die mir getextet, geschrieben und gefacebooked haben, und an alle, die das noch tun wollen. Falls ihr euch wie Leserin Ina aus H. an der E. fragt, was ihr ab morgen denn nun lesen sollt: auf Amazon gibt es ein völlig überteuertes und unterbewertetes Buch von mir (oder war das andersrum?). Ich bin raus. Und weil ich in der Directjury war, hier nochmal direkt die Results im Überblick:

4 Tage, 10 Juroren, 15 Kilometer Jurypolonaise zum Palais, 214 Shortlistcases, 346 Longlistcases, 408 Kaffeepads, 2680 Entries reached und 1 Billion Juryimpressions organicly earned with zero Mediabudget spent. BÄMM!

Tschüss, macht’s gut, es war mir eine Lehre euch alle kennenzulernen. Ab jetzt kommt hoffentlich endlich was Vernünftiges an dieser Stelle zum Thema Cannes 2017. 

19. Juni: #Cannesunfiltered - Teil 4: Be nice or leave the shortlist!

Mir ist heute nach Schabernack und sozialem Ungehorsam. Ich geh mal alleine zum Palais. Das Festival hat mittlerweile angefangen. Das merkt man daran, dass die Weiße-Hosen-Dichte nun höher ist als im ZDF-Fernsehgarten an einem sonnigen Sonntagvormittag. Wer so hohe Opfer bringt, darf sich zurecht als Fashion-Victim bezeichnen. Die Kleinstadt pulsiert nun in allen Adern in Form von kleinen Gassen und größeren Boulevards. Von überall laufen einem erwartungsfrohe Menschen mit umgehägten Festivaltickets entgegen, wie übergroße Hundemarken einer elitären Rasse. Und ich mittendrin mit der Edelmarke des Jurors um den Hals. Ich finde den Rest meiner Jury schnell in der Sicherheitsschlange vor dem Seiteneingang des Palais wieder. Der Bodyscanner piept in einer Tour bei den vielen Kreativen, die missmutig hintereinander hindurch schlurfen und dabei ein Bild abgeben, wie der Vorspann von „The walking dead“. Und dann nochmal zurück und wieder vor müssen, weil sie irgendwas verschnarcht haben. Piep. Piercings. Piep. Kleingeld. Piep. Sonnenbrille. Piep. Viele Piercings. Piep. Schon wieder Kleingeld. Piep. Nur so. Piep. Mist, ich hab’ mein Kleingeld ebenfalls in der Hosentasche vergessen! Kreative sind am frühen Morgen nicht die besten Testpersonen für diese Art von effizientem Securitycheck. Gepaart mit den missmutig dreinblickenden Franzosen, sehen die ersten bereits rot.

Ich sehe dagegen erstmal nur orange. Denn an meinem Arm blinkt es nun konstant in dieser Farbe. Cannes Connect ist da. Als ob man nicht schon genug Armbändchen in Cannes mit sich herum tragen würde: für Strandbesuche, Networkevents, Meetingräume und natürlich Parties. Am besten drei davon parallel, so dass man nicht hingehen, aber allen seine Wichtigkeit in Form des Erkennungsbändchen präsentieren kann. Mein Arm sieht nach zwei Tagen längst aus wie der von Wolfgang „Wolle“ Petri zu seinen allerbesten Zeiten. Hölle, Hölle, Hölle! Und bei Bändern gilt ungefähr das gleiche Ranking wie bei der Shortlist. Die Anzahl entscheidet über sozialen Sieg oder Niederlage an der Croisette. 1-3: Social Loser. Den will ich nie wieder sehen. 4-6: Gästelistenkandidat. Aber eigentlich will ich den nie wieder sehen. 7-9: Definitiv auf meiner Gästeliste. Vielleicht sogar ein Social Winner. Für die letzte Kategorie ist das Cannes Connect Armband da. Man lädt sich die App runter, synchronisiert das Band via Smartphone mit der App und rennt dann rum, um es andern Leuten mit der berühmten Vierte-Klasse-Frage „Willst du mit mir connected sein?“ unter die Nase zu halten. Oder noch besser an deren Handgelenke. So wie ich gerade in der Sicherheitsschlange vorm zweiten Bodyscan des Palaisseiteneingangs an den Arm eines anderen Jurors. Vorher muss man jedoch umständlicherweise den Knopf drücken, damit es orange blinkt, dann wird es kurz grün und dann muss man es wieder mit der App synchronisieren, damit die gesammelten Kontakte ins Smartphone übertragen werden. Meins blinkt erst orange, wird dann rot und ist dann kaputt. Ich hab’ wahrscheinlich schon genug Freunde. Und einen eigenen Troll. Ich brauch nicht mehr.

Die Juryarbeit am heutigen Tag lässt sich am besten mit einem einzigen Wort zusammen fassen: brutal. Jeder einzelne Case wird heute noch mal unter die Lupe genommen und auf Herz und Nieren geprüft. Und das von zehn Hochleistungsgehirnen, die wie Trüffelschweine darauf getrimmt sind, die herausragenden Cases zu identifizieren und dann von den Guten zu trennen. Weltweit. Mit 12,5% aller Entries sind wir gestartet. Mit circa 8,5% gehen wir am Ende des Tages nach Hause. Menschen, die das hier lesen (außer dir Oma, du brauchst das nicht), sollten sich übrigens auch die Kategoriebeschreibungen genauestens durchlesen und ihren Case daraufhin abklopfen und aufbauen. Man muss einen Durchschnittswert von 5 erreichen, um überhaupt auf die Shortlist zu kommen. Aber eigentlich eine 6, um auch sicher darauf zu bleiben. Das ist eine ganze Menge. Dabei fordert unser asiatischer Jurypräsident am Anfang der Diskussion einen Code of Conduct von uns ein, bei dem wir schwören, respektvoll über die jeweiligen Arbeiten zu sprechen, alle Argumente dafür oder dagegen anzuhören und am Ende anonym darüber abzustimmen. „Seid nett, wir wissen wo ihr arbeitet (und damit auch wohnt)!“. Und plötzlich zählen Juroren zu den bedrohten Spezies der Werbewelt.

Wir lassen uns außerdem nicht von aufpolierten Casefilmen täuschen. Wir schauen genauestens auf den Call to Action und vor allem auf die Results. Auf unseren Doch-Nicht-Ganz-iPads tauchen dabei nur noch zwei Buttons auf: Yes. No. 120 Mal drücken wir den No-Button. 118 Mal fällt es mir schwer. Zwei Mal haben wir Ideen dabei, die exakt die gleichen sind. In allen vier Punkten: Idea, Strategy, Excecution und nahezu identische Results. Es braucht eine Zweidrittelmehrheit, damit ein Case auf der Shortlist bleiben kann. Und es braucht auch eine Zweidrittelmehrheit, damit ein Case, der bereits rausgevoted wurde, wieder zurück auf die Shortlist kommt. Das ist meine Chance. Ich finde, wir voten gerade zu viel für die riesigen Cases, die Billiarden von Mediaimpressions in einer einzigen Superbowlnacht gesammelt haben. Was ist mit den kleinen, cleveren Ideen, die ebenfalls Menschen und Verhalten bewegt haben? In Maßen, nicht in Views. Die Diskussionen werden zäher und länger, die Witze flacher und kürzer. Ich würde am liebsten ein imaginäres Schwert auspacken und „Bei der Macht von Greyskull!“ brüllen, nur um schneller voranzukommen. Keine Chance. Es ist spät, ich hab’ mich erkältet und spüre, dass sich Fieber hinter meiner Stirn ausbreitet. Aber ich hab’ mich sowieso schon hitzig diskutiert, ich will jetzt nicht nachlassen. Und es lohnt sich. Am Ende sind vier Cases wieder auf der Liste und ich besänftigt.

Jetzt haben wir noch die Juryproposals vor uns. Dabei hat jeder Juror die Chance, einen Case aus seinem Prejudging zu nominieren, der es nicht auf die Long-Shortlist geschafft hat und somit nicht die Chance bekommen hat, von allen Mitgliedern der Awardjury gesehen und bewertet zu werden. Die Nominierungen haben wir bereits gestern schriftlich bei unserem Jurydirector eingereicht. Insgesamt schauen wir uns vier Cases an. Keiner davon aus den eigenen Ländern der Juroren – bemerkenswert. Drei davon schaffen es zurück auf die Liste. Die Argumentationen bleiben den gesamten Tag über hart, aber fair. Es gibt keine Möglichkeiten zur Absprache untereinander. Bei Cases aus dem gleichen Network müssen die betroffenen Jurymitglieder den Raum verlassen. Bei den eigenen Arbeiten müssen die betroffenen Jurymitglieder den Raum verlassen. Bei Cases von Schwester-Agenturen aus dem gleichen Mutter-Network müssen die betroffenen Jurymitglieder den Raum verlassen. Und als es draußen dann dunkel wird und unsere Shortlist nach 15 Stunden Review endlich steht und von allen final confirmed wird, bin ich froh, dass nun alle betroffenenen Jurymitglieder den Raum endlich verlassen.

An dieser Stelle sollte ein lustiges drop-the-mic-gif auftauchen. Das hat es aber nicht auf die Shortlist geschafft.

18. Juni: #Cannesunfiltered - Teil 3:  Wäre ich Texter geworden, stände hier jetzt eine vernünftige Überschrift.

Eigentlich stand hier mal ein unglaublich geistreicher und witziger Einstiegstext. Dann hat den jedoch das Internet verschluckt. Ja, huch?! Also geht’s gleich zum zweiten Jurytag über. Da sind die Ausreden vielleicht nicht so kreativ. Aber die Arbeiten. Zumindest jede Menge davon.

Wieder geht’s am frühen Morgen los. Und wieder brav aufgereiht in Zweierpärchen. Ohne Händchenhalten. Meine halten sich beispielsweise den gesamten Weg an einem Coffee to go fest. Durch alle drei Sicherheitskontrollen hindurch. Für Frühstück war’s dann doch zu früh. Ich erzähl mal besser nicht, wie geil der gestrige Juryabend war. Sonst rächt sich das Universum wieder sofort und zeigt mir die kalte Schulter. Und da Rache meistens kalt serviert wird, passiert das vielleicht in Form von saukalten Juryräumen und einer einzigen eiskalten Pizza für alle zusammen um circa vier Uhr morgens....zu viel Risiko.

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Das Cannes-Festival hat in den Juries ordentlich bei der Frauenquote zugelegt. Insgesamt sind 44 Prozent der diesjährigen Jurymitglieder neben brillianten Gehirnen mit doppelten X-Chromosomen ausgestattet. Das merkt man auch in meiner Jury. Ich werde zum Beispiel geradeheraus auf meine neue Handtasche angesprochen. Der Typ hat Geschmack. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um mal einen Schwank aus meiner Jugend rauszuhauen – auch wenn ich da eigentlich ziemlich wenig schwankte. Jedenfalls immer wenn wir TKKG gespielt haben, hab’ ich mich als einziges Mädchen in unserer Truppe geweigert, die Gabi zu spielen. Die hockte grundsätzlich immer nur doof neben dem Telefon rum, um auf einen Anruf von Tarzan zu warten, während der Rest einen Heidenspaß mit den BMX Rädern in der Sandgrupe des Spielplatzes der Hermann-Allmers-Grundschule hatte. Das hat dann mein Nachbar Sören für mich übernommen. Der war ohnehin die viel bessere Gabi. Einfach nur neben dem Telefon zu warten, bis die Jungs mit der Lösung des Falls herein spaziert kamen, erschien mir außerdem wenig nachmittagsfüllend. Und auch heute ist rumsitzen und abwarten nicht meine größte Stärke. Genausowenig wie Statements zu Frauenquoten in Führungspositionen oder Juries. Schon bemerkt, oder? Ich will keine Einladung zu einer Jury oder einem Jobinterview, weil meine Chromosomenzusammenstellung gerade in das Bild der Fancy-Neuausrichtung einer Agentur passt. Ich will einfach, das meine Truppe voller Stolz sagt „Geil, das ist unsere Chefin!“ (so, Gruppe EINS, eure Chance!). Aber bevor das alles rausplatzen kann, verziehen meine Handtasche und ich uns lieber zum Judgingplatz, um erneut Druck auf das Nicht-iPad auszuüben.

Die Punktevergabe läuft wie am Schnürchen heute. Unter den strengen Blicken von ganzen drei Juryassistenten fräsen wir uns durch die gesamte Liste der noch verbleibenden Entries. Subkategorie für Subkategorie. Natürlich sind auch bei uns neue Subkategorien im Vergleich zum letzten Jahr dazu gekommen: alles mit Data wie z.B. Data-Strategy. Aber uns kann heute nichts aufhalten. Auch nicht die Schlange am Mittagsbuffet. Kurz vor Erreichen der Vorspeisen drängelt sich dann allerdings jemand unsanft vor mich. Ich stolper unabsichtlich zurück und ramme dabei meinem brasilianischen Jurykollegen gewaltsam den Ellenbogen in die Seite. Der stößt ein völlig überraschtes „Uff!“ aus und blickt vorwurfsvoll von seinem Smartphone auf. „Sorry!“ lächle ich ihn unbeholfen an und deute vielsagend auf den Drängler vor mir, während der Brasilianer grinsend meine Nazivergangenheit in Form eines angedeuteten Oberlippenschnauzbart in die Wagschale wirft, bevor er sich dann zu einem Schon-gut-Schulterzucken entschließt. Ich verdrehe die Augen. Wer den Running-Gag hat, braucht fürs Entertainment nicht weiter zu sorgen... Der Unruhestifter hingegen mustert mich nun kurz mitleidig und erklärt dann seine Aktion mit einem schlechten Pausenhofkommentar: „Hab ich von meinem Vater in die Wiege gelegt bekommen. Man muss immer schneller sein als die andern.“ Bin ich jetzt mit „die andern“ gemeint? Stirnrunzeln macht sich auf derselbigen breit. „Aha“, entgegne ich unschlüssig mit so viel Lebensweisheit konfrontiert. Ich hab’ mich schon gefragt, in welcher Jury wohl die berühmten 90er-Klischees abgestiegen sind. Jetzt weiß ich’s. Aber warum nicht ebenso unverblümt meine Lebensweisheiten miteilen? Schließlich geht es hier ja um internationalen Austausch. Also erwider ich fröhlich: „Mein Vater hat mir so circa 18-20 Jahre nach meiner Wiegenzeit auch was mitgegeben: je höher der Affe auf dem Baum steigt, desto mehr zeigt er der Welt seinen Arsch.“ Ich überhole lässig links außen, weil ich bei gefühlten 32 Grad im Schatten sowieso keine Vorspeise brauche. „Ich finde meinen Papi übrigens cooler als deinen“, raune ich dabei triumphierend dem Pausenclown zu und lasse ihn nonchalant mit dieser unumstößlich geklärten Rangfolge unserer Väter stehen. Pausenhofgesetze gelten nunmal international. Und mein Papa ist übrigens ein zwei Meter großer norddeutscher Berg. Wer sich mit dem anlegen möchte: bitte...

Danach geht der Puls aber schnell wieder runter. Ich sitz schließlich in der entspanntesten Luxus-Jury aller Zeiten. Keine Rückfragen, keine Pausen, nur konzentrierte Punktevergabe bei dauerhad´ftem Tageslicht. Und jeder ist sich bei seinen Votes absolut sicher. Wenn wir jetzt noch dazu singen und tanzen, ist das quasi wie beim Eurovision Song Contest. Germany: 12 Points. Aufgeteilt auf 30% Idea, 20% Strategy, 20% Execution und 30% Impact und Result. Alles analog dem gestrigen Tagesverlauf. Das macht es zugegebenermaßen etwas langweilig drüber zu schreiben. Wie wäre es also zur Abwechslung mal mit haufenweise Photos? Heimlich zwischendurch aufgenommen. Die Verteilung ist wahrscheinlich höchst illegal. Aber wo bleibt da sonst der Nervenkitzel? Das Motto ist ja nicht umsonst unfiltered. Und mein Ruf ist seit der unfreiwillig (rechts)extremen Vorstellung am Anfang sowieso schon ruiniert. Als Texter könnte ich das hier vielleicht noch retten und einfach anders umschreiben. Als Art Director wechsle ich jetzt lieber zur ungefilterten Photo-Love-Story zwischen Canns und mir. Viel Spaß!

Kaffee, Voting, Kaffee, Voting, Kaffee....you get the picture(s).

Am Ende des Tages bin ich wieder online mit dem Rest der Welt verbunden und es erreichen mich erste Nachrichten zu diesem Blog. Ich hab’ sogar meinen ersten eigenen Internet-Troll! Willkommen, Kleiner! Vielleicht darf ich Dich ja behalten? Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob der Vergleich mit Karla Kolumna von Benjamin Blümchen als wirklicher Hasskommentar durchgeht. Auch, wenn ich mir dabei nicht sicher bin, ob ich mit ihr oder dem großen grauen Berg auf der schönen grünen Wiese verglichen werde. Und mit diesem Ohrwurm entlasse ich jetzt alle aus diesem Beitrag. Törööööö.

17. Juni: #Cannesunfiltered / Teil 2: Hurra – der blonde, dicke Nazi ist da!

„Hätte ich mal mehr Sport gemacht!“ schießt es mir gerade durch den Kopf, während ich mich in mein Kleid für das erste Welcome-Event mit meiner Jury am heutigen Abend zwänge. Wahrscheinlich heißt es deswegen das „kleine“ Schwarze. Spätestens jetzt dürften viele Leser allerdings bereuen, dass es diese Beiträge ungefiltert ins Netz schaffen. Ich hätte zumindest irgendeine der angefangenen Diäten vor Cannes auch beenden können. Oder sollen. Erfolgreich und nicht gefrustet mein ich. Naja, wird schon gehen. Außerdem ist es wahrscheinlich ganz gut, dass ich wieder auf dem Boden der Tatsachen lande. Es ist faszinierend, was mit dem Realitätssinn passiert, wenn man ihn in einer Limousine durch Cannes chauffiert... weg isser. Zu spät. Auch für mich, ich muss los. Auf zur ersten Party! Und wahrscheinlich zur letzten, denn den Rest der Zeit verbringe ich wohl eher unter Tage bei Minustemperaturen in den Katakomben des Palais des Festivals und lass mir Kunstlicht auf die Birne scheinen. Erzählt man sich zumindest.

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Ich betrete die Terrasse des Carlton Hotels, wo sich die Direct Jury für Bier und Schnittchen trifft. Aber da wir in Südfrankreich unterwegs sind, heißt das wohl eher auf einen Rosé und hors d’oeuvre. Klingt viel besser. In so einem Hotel würde wohl Dagobert Duck absteigen, wenn er irgendwann mal aus seinem Geldspeicher auf- und an der Côte d’Azur abtauchen wollte. Diese Woche wird es aber schon komplett von Shazam gekapert. Die schwimmen vermutlich auch im Geld. Oder haben das Hotel auf Trivago günstig geschossen. Ich entdecke erste bekannte Gesichter. Das „Who is who“ der Werbeindustrie. Und ich. In dem Moment, wo ich unversehens den Festivalpräsidenten in einer Ecke entdecke und zaghaft winken will, entdeckt mich plötzlich jemand aus meiner ehemaligen Eurobest Jury aus dem letzten Jahr. „I know her!“, brüllt es über die gesamte Terrasse und die halbe Croisette. Und verschiedene Köpfe drehen sich nun interessiert zu mir um. Auch der vom Präsidenten. „It’s the Nazi-Girl!“ schallt es hinterher. (Anmerkung d. Redaktion: Grabarz & Partner hatte  2015 in Cannes mit dem Anti-Nazi-Walk „Rechts gegen Rechts." abgeräumt). Stille! Jetzt drehen sich alle Köpfe um. Hätte ich doch mal ein anderes Kleid angezogen. Oder Sport und/oder die erfolgsversprechende Last-Minute-Brigitte-Diät gemacht. Auch, wenn ich weiß, dass der Rufende den erfolgreichsten Case unserer Agentur mit mir in Verbindung bringen und ein „Oh là là, das ist also die Nazis-against-Nazis-Agenturvertretung!“ in den Köpfen platzieren wollte, lese ich jetzt in den Blicken jedes Einzelnen eher sowas wie „blondes, dickes Nazimädchen – interessant“. Das ist mal ein Auftritt für ein deutsches Jurymitglied. Darauf erstmal einen Asbach Uralt! Ich will jetzt jedenfalls viel lieber blitzartig unter Tage verschwinden. Von mir aus auch bei Minusgraden und Kunstlicht. Das „Who ist who?“ hätte ich für mich damit ja erfolgreich geklärt. Zumindest weiß jetzt jeder who ich bin. Und Abgang. Ohne dem Präsidenten zu winken.

Auf dem Weg nach draußen treffe ich dann aber Gott sei Dank einen meiner deutschen Jurykollegen, dessen Musicjury in diesem Moment eintrudelt und ihre Welcome-Drinks ebenfalls auf dieser Terrasse einnimmt. Und mit Verstärkung im Rücken klappt es mit dem Socializing schließlich doch noch ganz gut. Denn ehrlicherweise ist der erste Abend tatsächlich eine gute Basis, um die Menschen kennen zu lernen, mit denen man in den nächsten Tagen am meisten Zeit verbringen wird. Ich stell mit ein klein wenig Bedauern fest, dass unter den zehn Awardjurymitgliedern kein einziger Mexikaner dabei ist. In der Prejudging-Phase waren wir noch ganze 40. Cannes hat die Juries in deisem Jahr extrem zusammengeschrumpft. Deshalb hab’ ich ein paar brilliante Köpfe um mich herum: aus Neuseeland, Australien, den USA, Brasilien, Argentinien, Frankreich und UK.

Der nächste Tag startet früh mit einem kurzen, gemeinsamen Gänsemarsch vom Hotel zum Palais des Festivals – unser neues Zuhause für die nächsten vier Tage. Das letzte Mal als ich in Zweierreihen eine Straße lang gelaufen bin, sind wir am Ende auf dem Wasserturm der Stadt Delmenhorst gelandet. Ein ähnlich architektonisches Highlight. Kostet übrigens nur 50 Cent inkl. MwSt. da rein, bzw. rauf zu kommen. Ein kompletter Festivalpass kostet dieses Jahr zum Vergleich schlappe 5.215 Euro. Plus MwSt. Und mir ist mein Erfolg bereits jetzt schon zu Kopf gestiegen. Der tut nämlich weh. Das passiert wahrscheinlich, wenn man seinen eigenen Namen in goldenen Lettern in ein Jurybuch geprägt vorfindet. Allerdings finde ich zu meiner Überraschung auch einen komplett hellen Juryraum mit angrenzender Dachterasse vor. Dabei wurde mir in unzähligen eMails und Gesprächen ungefähr eine trillionen Mal versichert, dass ich in den schlimmsten Katakomben des Palais landen werde. Und jetzt blicke ich auf den Yachthafen unter mir, welcher majestätisch in der Sonne glitzert. Und arschkalt ist es auch nicht. Juhu, ich bin in der Luxus-Jury gelandet! Deswegen wahrscheinlich auch mein Name in goldenen Lettern...macht Sinn. Und Spaß.

Nach einer emotionalen Ansprache gestern Abend, in der ich die Worte „awesome“ und „fantastic“ in Verbindung mit mir ungefähr dreiundzwanzigeinhalb Mal gehört habe, folgt heute Morgen noch vor neun Uhr die nüchterne Druckbetankung in Einzeldosen durch offizielle Festivalrepräsentanten vor unserer kleinen Jury. Betonung auf „Druck“. Unsere Votes entscheiden nicht nur über die kreative Exzellenz der gesamten Werbewelt, sie werden auch mit einem Realtime-Algorithmus im Hintergrund auf Ungereimtheiten gechecked. Und sollte etwas nicht mit rechten Dingen zu gehen (weil wir unsere Länder, Networks oder Kreativfreunde zu hoch bewerten), sind wir mit sofortiger Wirkung gefeuert. Und müssen unseren Jury-Pass abgeben, aus dem Hotelzimmer ausziehen und nach Hause laufen. Wahrscheinlich ohne Schuhe. Jetzt bin ich nur ein winziges bisschen nervöser als sowieso schon. Vielleicht auch, weil der Festivalpräsident mich die ganze Zeit komisch anschaut. Gott sei Dank fällt die Vorstellungsrunde flach (mich kennt ja jetzt sowieso jeder nach dem gestrigen Auftritt). Dafür bleibt keine Zeit. Der Tag ist prezise durchgetaktet. 5 Minuten Jurypräsidentenansprache (wir sind doch alle awesome!), 15 Minuten Begutachtung der Arbeiten aus dem letzten Jahr, die in unserer Kategorie hoch gescored haben (alle awesome!) und dann sofort schwungvoll die Tablets in die Hand nehmen, einloggen und geistig für die nächten zwei Stunden am Stück zur Punktevergabe wappnen (yeah, awesome!). Man sollte meinen, dass gerade ein Kreativfestival, welches sich um kreative Exzellenz kümmert, für einen solchen Anlass auf kleine flache Pads eines Herstellers mit Obstreferenz im Namen zurückgreift. Umso irritierter starre ich auf mein Samsung-Tablet wie auf einen Fremdkörper in meiner Hand....und verpasse dadurch fast das erste Voting. Gewartet, bis alle fertig sind, wird nicht. Wer nicht sofort am Ende des Casefilms den roten Vote-Button drückt, verpasst den Anfang vom nächsten Casefilm.

Das wäre alles nicht so nervenaufreibend, wenn man wieder nur die Zahlen 1-9 drücken müsste. Aber dieses Mal voten wir mit vier Zahlen pro Case. Vier mal jeweils 1-9 für die Idee, Strategie, Exekution und Ergebnisse. Kurzer Insidertipp aus der Directjury. Bei uns achten wir auf diese drei Dinge besonders: 1. targeted audience, 2. CTA und 3. measurable und meaningful results. Und wo wir schon wieder mitten im Zahlenabsatz sind: 1-3 heißt „Huch, das hat’s auf die Shortlist geschafft? Das bleibt da gefälligst.“ 4-6 in etwa „joa, schonmal Shortlist. Vielleicht ein Award. Vielleicht auch nicht.“ 7-9 heißt „Jippiyeah, ein Löwe! Wir können alle nach Hause gehen!“ Bei circa 2680 Entries aus 76 Ländern in diesem Jahr, haben es 12,5 % auf unsere Long-Shortlist geschafft, die wir heute alle gemeinsam das erste Mal anschauen. Denn die steht ja durch unser Pejudging bereits fest. Das heißt, wir schauen 346 Cases in den nächsten zwei Tagen, bevor es ans eingemachte geht und die Löwen anfangen zu brüllen. Jetzt wird unser Shortlist-Ranking erstellt und dann die letztendliche Short-Shortlist bestätigt. Und dann wird sie auch schon online gestellt.

Mein Finger drückt schwitzend Zahlen von 1-9. Im Zwei-Minuten-Takt. Ich bin ganz zufrieden mit unserer Shortlist. Bis zur Mittagspause hab’ ich nicht eine Arbeit gesehen, die es unverdient darauf geschafft hat. In Gedanken noch bei den letzten Cases, wanke ich verloren hinter meiner Jury zum Mittagessen auf die riesige Terasse des Palais. Fast geh ich dabei verloren, weil ich falsch abbiege. Draußen ist ein riesiges Buffet für alle 390 Juroren aller Kategorien aufgebaut. Und das Essen schmeckt fantastisch. So langsam beschleicht mich der Gedanke, dass es einen Brocode unter den bisherigen Jurymitgliedern gab und ich den jetzt gerade unwissentlich komplett unterwander. Wahrscheinlich müsste ich auch allen erzählen, dass es nur kalte Pizza und noch kältere Juryräume gibt, damit kein anderer auf die Idee kommt, dass hier ausprobieren zu wollen.

F*ck, ist das kalt hier! Irgend jemand hat in der Pause den Schalter für die Klimaanlage gefunden und es sind schlagartig nur noch 12 Grad in unserm Raum. Memo an mich selbst: nie wieder den Jury-Brocode brechen – das bestraft das Universum sofort. Den Nachmittag verbringen wir wie den Vormittag – in trauter Schweigsamkeit. Wir sitzen allesamt vor einem Flatscreen-Bildschirm und schauen einen Casefilm nach dem andern – ohne Pause. Die Tablets vor uns, die Augen auf dem Bildschirm. Kein Wort untereinander, keine Absprachen, kein Lachen. Diskutiert wird erst, wenn das Ranking unserer Shortlist fest steht. Das hätte ich doch auch von meinem Sofa aus machen können? Da gab’s zumindest den unterhaltsamen Group Chat. Der Nachmittag wird nur kurz von einem Juryphototermin unterbrochen, bei dem ich grenzdebil in die falsche Kamera grinse, weil gleichzeitig für die Festivaldokumetation gefilmt wird. Da kann man auch mal durcheinander kommen, wenn man sonst nur auf Zahlen guckt. OH NEIN! Ich hab mich verwählt!!! Ich bin in der falschen Subkategorie gelandet. Und hier kommt man nicht so einfach wieder zurück, wie beim Prejudging. Unfreiwillige Pause. Jetzt wird doch noch gelacht. Weiter im Takt. Casefilme, die wir bereits in anderen Subkategorien gesehen haben, überspringen wir und müssen wir aus dem Gedächtnis judgen, um die Schlagzahl aufrecht zu halten. Socialcases, Best Use of dies, das, Directmailings die rumgereicht werden, Billions of Mediaimpressions versus Weltverbesserungsversuche...am Ende dieses Tages fühle ich mich, als hätte mich eine geistige Neutronenbombe erwischt. Das Gehirn ist weg, aber der Kopf noch da. No brain – no pain.

15. Juni: #Cannesunfiltered Teil 0: Das geht ja gut los

Was für eine bekloppte Idee: "Schreib mal was über Cannes". War Gott sei Dank gar nicht meine Idee, deshalb Beschwerden bitte direkt an Gott@grabarzundpartner.de. Der teilt sich diese E-Mail-Adresse allerdings mit Ralf Heuel. Glaub ich.

Den ersten Absatz widme ich meinem Opa. Aus dem einfachen Grund, weil er mal gesagt hat, dass er nur was von mir liest, wenn er auch selber drin vor kommt. Und es beruhigt mich, mindestens zwei Leser sicher zu haben. Meine Oma muss ihm das nämlich vorlesen, das kann er selber nicht mehr.

Die restlichen Absätze widme ich einer überteuerten Kleinstadt in Frankreich mit sechs Buchstaben und heiß begehrten Trophäen. Für letztere bin ich dieses Jahr selbst als Juror der Kategorie „Direct“ zuständig. Mein zehntes Mal Cannes, mein erstes Mal als Juror. Läuft bei mir. 10: 1 ist ungefähr auch die Quote vom Universum gegen mich. Und da ich im Übrigen keine Ahnung von investigativem Journalismus habe und noch schlechter twittere als der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten, gibt’s bloß diesen Blog. Mit fragwürdigem Inhalt, ohne ernstzunehmende Trends, verblüffende Tipps oder wichtige Buzzwords. Influencer. Huch, vielleicht doch mit Buzzwords. Den gibt’s Rest so, wie man alles konsumieren sollte, was Spaß bringt und schädlich ist: ohne Filter. Weder für Texte noch für Fotos. Das wird wie das RTL Dschungelcamp – nur mit Buchstaben. Geil. Geht gut los. Oma, wir rocken das Internet.

#Cannesunfiltered Teil 1: Prejudging - noch 830 Mal judgen bis Cannes

Alle alten Côte d'Azur-Hasen haben wahrscheinlich bereits jetzt einen Rosé in der Hand und genervt aufgehört zu lesen. Tschüss, war schön mit Euch. Für meine Oma und alle anderen, die vielleicht sogar noch nie international gejudged haben: hier kommt ein völlig subjektiver Eindruck des Prejudgings. Das findet für übervoll bestückte Kategorien wie „Promo&Activation“, „Media“ oder eben auch „Direct“ statt. Da klingelt es in der Veranstalterkasse.

Nebenbei: Cannes lügt! Oder aber ich bin der langsamste Judge aller Zeiten. Oder zu deutsch. Weil ich strebermäßig alles anschaue. Angeblich braucht man dabei zwei bis drei Minuten pro Case. Ich brauche doppelt so lange. Bei über 415 Cases also über 800 mal so lang oder so ähnlich. Und wo wir schon bei Zahlen sind. Bewertet wird von 1-9. Das unterteilt sich dann wie folgt: 1-3: will ich in meinem ganzen Leben nie wieder sehen und schon gar nicht auf der Shortlist. 4-6: schmeiß ich noch nicht direkt raus (will ich aber eigentlich nie wieder sehen, schon gar nicht auf der Shortlist). 7-9: defintiv Shortlist, vielleicht sogar ein Award. Und die Zahlen werden auch erst frei geschaltet, wenn man alles, alles, alles, wirklich alles, was zu diesem Case eingereicht wurde, angeschaut hat: Casefilm, Supporting Images, zusätzliches Videomaterial und Weblinks. Puh. Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Paarship. Alle zwei Minuten stirbt ein Case bei Cannes. Beides beinhaltet jedoch vorab unzählige einsame Stunden vor einem digitalen Endgerät.

Unser Jurypräsident hat uns direkt am Anfang per Telefon eingeschworen und erklärt, worauf wir während des Prejudgings in unserer Kategorie achten sollen. Auf Zielsetzungen der Kampagne und ob diese erreicht wurden in den Results. Am besten messbar. Ich guck mir soeben zum dritten Mal einen Film aus Asien an – ohne englische Untertitel aber mit dazugehörigem translated Skript. Jetzt kommt doch ein verblüffender Tipp. An alle, die zukünftig in Cannes einreichen wollen: es macht keinen Sinn, den Judge extra wütend auf die eigene Arbeit zu machen. Das gibt Punktabzug. Und somit nicht mal ‘ne Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen der Werbung. Ich les beim vierten Mal nur noch das Übersetzungs-Skript, ohne dabei parallel den Film zu schauen. Die Idee ist auch noch kacke, ich bin wütend. Toll.

Wir judgen online über ein eigens eingerichtetes Portal, in das man nur mit seinem eigenen komplizierten Zugangscode hereinkommt (SFX: lautes „HA!“ meiner IT). Mein Code fängt mit einem großen „F“ an...das ist ein Zeichen!

Ich entdecke die Group Chat Funktion für mich. Dadurch sind alle Jurymitglieder derselben Kategorie miteinander verbunden – quasi der Facebook Messenger der Directgruppe. Aber ohne Emojis. Darum stelle ich schlaue Fragen in die Runde. Keiner antwortet. Ich bin beleidigt. Blöde Funktion.

Am nächsten Tag haben doch Leute geantwortet. Ich hätte die Zeitverschiebung beachten sollen... Die meisten Fragen und Antworten untereinander drehen sich im Chat um die Frage der richtigen Kategorie. Viele unserer Einreichungen erscheinen uns bei PR, Promo&Activation oder Cyber besser aufgehoben. Die Grenzen sind allerdings mittlerweile fließend. Direct scheint das neue Integrated zu sein. Ich find’s geil. Bisschen viel social vielleicht, aber letztendlich wird die Shortlist zeigen, was sich international durchsetzt. Bei mir sind auffällig wenig deutsche Arbeiten vertreten – vielleicht darf ich zu denen nichts sagen. Weil ich zu langsam bin. Oder zu deutsch.

Ein Mexikaner stellt schlaue Fragen in die Runde. Keiner antwortet. Ich bin jetzt weniger beleidigt. Am Ende unterhalten sich fast ausschließlich Mexiko und die USA im Group Chat und es wird spannender mitzulesen statt mitzustreiten.

Knapp über vier Wochen zieht sich das Ganze hin. Meistens am Wochenende – wie es die Zeit eben zulässt. Dann ist Schluss mit der Bewertung kreativer Exzellenz und mein Alltag hat mich wieder – bis zum tatsächlichen Judgen vor Ort. Und dem finalen Check der Shortlist, die wir jetzt durch unser Voting erstellt haben. Da dieses Mal auch Mitglieder in den Juries vertreten sind, die nur prejudgen und nicht zur Awardjury zählen, die nach Cannes fahren, um sich vor Ort die Köpfe einzuschlagen oder mit Rosé voll zu schütten oder beides oder beides gleichzeitig, werde ich nicht alle wiedersehen. Das ist aber nirgendwo gekennzeichnet, deshalb hoffe ich inständig, dass Mexiko und die USA live und in Farbe im Juryroom aufeinander treffen. Vielleicht müssen wir dann ja wirklich eine Mauer bauen...dann twitter ich das aber auch.

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