Bärbel Unckrich

Bärbel Unckrich

Cannes Lions 2015 Die 5 wichtigsten Erkenntnisse zum weltgrößten Kreativfestival

Montag, 29. Juni 2015
Die Cannes Lions 2015 sind vorüber, Deutschland kann sich freuen: Mit 74 Löwen schneiden die hiesigen Agenturen deutlich besser ab als 2014. Damals waren es nur 43. Insgesamt wurden 1288 Löwen verliehen - ein absoluter Rekord in der 62-jährigen Festival-Historie. Nur: Sind so viele Löwen wirklich erstrebenswert? Fünf Schlussfolgerungen zum diesjährigen Werbefestival. 
Themenseiten zu diesem Artikel:

Cannes GGH Lowe Grabarz & Partner Grey


Fazit Nummer 1: Viel zu viele Löwen 

Inflationär: In Cannes gab es 2015 Löwen bis zum Abwinken
Inflationär: In Cannes gab es 2015 Löwen bis zum Abwinken (Bild: Cannes Lions)
Klar, ist es super, dass Deutschland wieder aufgeholt hat und so viele Löwen mit nach Hause nimmt. Chapeau an dieser Stelle an GGH Lowe und Grabarz & Partner für insgesamt 12 Löwen für die Exit-Aktion „Rechts gegen Rechts“ und Grey Berlin, die inklusive Grand Prix 8 Löwen für „The Berlin Wall of Sound“ für Soundcloud eingeheimst hat. Aber mal ehrlich: Ein bisschen absurd ist die Löwen-Inflation inzwischen schon. Die Freude über den Grand Prix wird schließlich nicht exponentiell größer, nur weil noch sieben weitere in Gold, Silber und Bronze hinzukommen. Was ist ein Löwe denn noch wert, wenn es in einem Jahrgang 1288 davon gibt? Die Frage sollte man sich mal stellen. Und warum gibt es überhaupt so viele Löwen? Die Antwort darauf ist einfach: Weil die Veranstalter der Cannes Lions geldgierig sind und jedes Jahr neue Kategorien und Subkategorien zum Festival addieren. Dieses Jahr waren es knapp 500. Bitte, liebe Cannes-Lions-Leute: Stoppt diesen Wahnsinn und macht den Löwen wieder wertvoll!

Fazit Nummer 2: Werber haben ein Identifikationsproblem

Die Kreativbranche scheint ein echtes Identifikationsproblem zu haben. Anstatt Kampagnen zu entwickeln, mit denen sich die Produkte ihrer Kunden besser verkaufen, denken sie sich Lösungen für eine bessere Welt aus. Diesen Anschein machen zumindest die großen Gewinner in Cannes. Ganz oben auf dem Siegertreppchen stehen Initiativen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr, salzärmere und eisenreichere Ernährung, Prävention von Sonnenbrand, selbstbewussteren weiblichen Teenagern etc. Logisch, dass das keiner richtig schlecht findet. Aber lösen solche Kampagnen wirklich die Marketingprobleme der großen FMCG-Unternehmen, Autohersteller, Versicherungsgesellschaften, Kosmetikkonzerne und Fastfood-Giganten? Wohl eher nicht. Sie erleichtern höchstens das Gewissen der Werber, die damit hadern, dass sie im Tagesgeschäft schnöde Damenbinden, Familienautos, Sonnencremes und Burger verkaufen müssen. 

Fazit Nummer 3: Inspiration Fehlanzeige 

(Bild: Cannes Lions)
Fragt man deutsche Top-Kreative, weshalb sie nach Cannes fahren, so kommt als Antwort häufig: „Die Woche vor Ort ist eine kreative Druckbetankung und bietet Inspiration für Monate.“ Aber stimmt das wirklich noch?! 2015 bietet sich ein anderes Bild: Die Cannes Lions sind zu einer riesigen Messe geworden, die von Technologieunternehmen dominiert wird, deren vorrangiges Ziel es ist, die Agenturen und immer mehr auch die Werbungtreibenden vor Ort von ihrem Angebot zu überzeugen. Die großen Networks machen mittlerweile ihr eigenes Programm, zu dem sie Kunden und Mitarbeiter einladen und ihnen so die Chance nehmen, sich die Ausstellung und Vorträge im Palais anzuschauen. Wer es dennoch bis dorthin schafft, wird von den Menschenmassen überwältigt, muss für die attraktivsten Seminare stundenlang anstehen, um überhaupt einen Platz zu ergattern und findet eine wenig attraktive Ausstellung vor, die sich überwiegend auf Tablets und Rechnern abspielt. 

Fazit Nummer 4: Fokussierung ist alles

(Bild: Cannes Lions)
Wer in Cannes auf seine Kosten kommen will, sollte sich vorher sehr genau überlegen, welchen Fokus er setzen will, sonst wird er von der schieren Menge an Meetings, Partys, Seminaren und Gewinnerarbeiten erschlagen. Einen guten allgemeinen Überblick bieten die Preisverleihungen, von denen es inklusive Lions Health und Lions Innovation mittlerweile fünf verschiedene gibt. Die zählen noch immer zu den Highlights und sind allemal unterhaltsamer als die Ausstellung in den Katakomben des Palais. Und was die Partys betrifft: Keine Sorge, wer nicht bei Massive, Sizzer, Shots oder morgens um fünf in der Martinez-Bar war, wird es überleben und hat garantiert auch ohne diese Mega-Events eine richtig gute Zeit in Cannes.

Fazit Nummer 5: Cannes ist trotzdem super

(Bild: Cannes Lions)
Bei aller Kritik: Cannes hat immer noch ein ganz einzigartiges Ambiente und ist mit keiner anderen Werbeveranstaltung vergleichbar. Klar, wer die neuesten technologischen Innovationen sucht, ist bei der SXSW in Texas besser aufgehoben. Und wer es überschaubarer mag, sollte zum ADC Festival nach Hamburg fahren. Aber nur Cannes bietet diesen einzigartigen Mix aus Sonne, Meer und Networking, Glamour, Größenwahn und Croisette - deshalb wird es es für die internationale Kreativszene auch weiterhin das Nonplusultra bleiben. Und das ist auch gut so. bu

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