Stefan Neukam, Bloom

Stefan Neukam, Bloom

Blood Actvertising vs. Immobilienscout24 "Agenturen sind nicht die Heilsarmee"

Donnerstag, 20. Juli 2017
Kreation für lau? Ideen und Konzepte gratis - und am besten gestern? Für manche Unternehmen gehört das offenbar zum Geschäft. Doch immer mehr Agenturen wehren sich gegen solche "Pitches". Aktuelles Beispiel ist Blood Actvertising: Die Agentur hat vorgestern Immobilienscout24 öffentlichkeitswirksam abgewatscht. "Ihre Pitch-Anfrage ist ein Witz, eine Frechheit und eine Beleidigung in einem. Für uns und für die ganze Branche", heißt es in dem Facebook-Post, dem das Briefing mit den Rahmendaten der Ausschreibung beigefügt wurde. Aus Sicht von Stefan Neukam, Managing Partner von Bloom, haben die Macher von Blood Actvertising alles richtig gemacht. In seinem Gastbeitrag für HORIZONT Online fordert er eine neue Debatte über das leidige Thema Pitchkultur.

Danke Blood Actvertising! Das Thema Pitchkultur muss wieder auf die Agenda! Und zwar nach ganz oben. Der Fall Immobilienscout ist leider kein Einzelfall. Wie kommt es, dass jeder glaubt, Ideenentwicklung und Kreation gibt’s für umsonst? Ein bisschen Inspiration hier, ein bisschen Ausprobieren da, Hauptsache, nicht bezahlen? Wir leben doch nicht mehr in den 90ern, als dieses Gebaren gang und gäbe war! Aber leider geht ein Großteil der Unternehmen immer noch von dieser Idee aus.

Gerade letzte Woche hat uns ein großer Versicherungskonzern zum Agentur-Pitch eingeladen. Die Branche, die Zielgruppe und die angefragte Kampagne deckten sich vielversprechend mit unserem Know-how. Leider waren zwei grundsätzliche Voraussetzungen für uns nicht geben:

1. Wir halten uns an die Richtlinie des Gesamtverbands der Kommunikationsagenturen und treten bei unbezahlten Pitches nicht an (siehe auch den Leitfaden des GWA).

2. Aus der Ausschreibung ging nicht klar hervor, ob eine längerfristige Zusammenarbeit geplant ist.

Die Anfrage haben wir abgesagt. Wir sind nicht die Heilsarmee und können keine wertvollen Ressourcen in ein Projekt stecken, bei dem keine Chance auf Wirtschaftlichkeit gegeben ist. Die Marktwirtschaft hat uns gelehrt, dass für eine Leistung bezahlt werden muss, weil unsere Mitarbeiter schließlich auch bezahlt werden müssen. Und dafür haben wir keine Portokasse. 

Es ist mehr als nachvollziehbar, dass ein Auftraggeber nicht die Katze im Sack kaufen möchte und wissen will, was sein Agentur-Partner kann, wo seine Stärken liegen und wie er tickt. Wir selbst machen ja auch einen Faktencheck. Aber wenn für den Pitch dann kein Cent bezahlt wird, hört unser Verständnis auf.  Wenn wir anfangen, hier klein bei zu geben, werden wir für unsere Leistungen und Qualität der Arbeit auch nicht wertgeschätzt. Deshalb lautet unsere Empfehlung bei einer Projektvergabe, ein besser geeignetes Agentur-Auswahlverfahren zu wählen. Wir selbst nehmen an Pitches nur noch teil, wenn unser Aufwand entsprechend bezahlt wird und die Ausschreibung den o.g. Richtlinien entspricht. Zudem gehört für uns zu einem fairen Pitch auch Transparenz. Wir möchten wissen, wer unsere Konkurrenten sind und um was für ein Budget wir pitchen.

Sicherlich verbauen wir uns mit dieser Haltung den Zugang zu einigen Aufträgen. Zumal es immer wieder Agenturen gibt, die sich auf das Pitch-Geschäft dieser Art einlassen. Diese stehen oft mit dem Rücken an der Wand und es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als das Spiel mitzuspielen - für einen tollen Namen auf der Referenzliste. Leider entwickeln sich aus diesen ausbeuterischen Pitches auch nur selten langfristige Partnerschaften. Gerade deshalb stehen die größeren Agenturen in der Pflicht, Anwalt zu spielen und ein neues Pitch-Verständnis zu lehren.

Wir machen aber auch zunehmend die Erfahrung, dass uns Anfragen aufgrund unserer Expertise erreichen. Diese Kunden wollen dann genau uns und keinen anderen. Und wer uns kennen lernen möchte, für den übernehmen wir auch gerne mal ein Testprojekt – bezahlt versteht sich. 

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