Reinhard Schneider, Plan.Net Campaign

Reinhard Schneider, Plan.Net Campaign

Arbeitszeit-Debatte in Agenturen Werbung geht auch in Teilzeit

Dienstag, 05. Juli 2016
Vor wenigen Wochen sorgte Serviceplan mit der Ankündigung für Aufsehen, seinen Mitarbeitern künftig ein flexibles Arbeitszeitmodell anbieten und so eine neue Ära einleiten zu wollen. Das langfristige Ziel: der gesamten Agenturbranche ein besseres Arbeitgeberimage zu verschaffen. In seinem Gastbeitrag bei HORIZONT Online erklärt Plan.Net-Campaign-Geschäftsführer Reinhard Schneider, warum es so wichtig ist, gerade Young Professionals genügend Zeit zur Selbstentfaltung einzuräumen.
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Serviceplan Reinhard Schneider Arbeitszeitmodell


Wir Agenturen haben ein Problem, ein Imageproblem. Setzen Sie sich einmal in das ein oder andere Bewerbungsgespräch mit Young Professionals aus der Generation Y. Dann kommt relativ bald im Gespräch die Frage aller Fragen. Nein, es ist nicht die Frage nach dem Gehalt. Es ist die Frage nach der Arbeitszeit: Ist das wirklich so schlimm in einer Agentur? Kann man einen Agenturjob mit einem "normalen" Leben mit sozialen Kontakten und Hobbys überhaupt vereinbaren? Ja, man kann! Sicher nicht in jeder Agentur, aber es gibt immer mehr Kreativunternehmen, die  vernünftig mit den Ressourcen ihrer Mitarbeiter haushalten. 9-to-9 ist für Agenturen kein zukunftsfähiges Arbeitszeitmodell. So fliegen sie im freien Wettbewerb um die kreativen Talente künftig immer öfter aus dem Rennen. Gerade für uns Digitalagenturen ist der Wettbewerb extrem hart. Wir konkurrieren mit großen Unternehmen, Softwarehäusern und Beratern. Alle benötigen gut ausgebildete Mitarbeiter für den Prozess der digitalen Transformation. Im Klartext: Wir bewegen uns in einem absoluten Bewerbermarkt, in dem die Digitalos wissen, was sie wollen und was sie wert sind. Und, es gibt neue Möglichkeiten des digitalen Benchmarkings, ohne dass Bewerber eine Firma jemals von innen erlebt haben. Kununu &Co. sind mittlerweile Standard-Lektüre und Entscheidungshilfe, bevor auf Stellengesuche geantwortet wird.
„Der Agentur-Workaholic mit Overnight-Pitch-Statistik und goldener Kundenkarte beim Lieferdienst - also jung und matt - entspricht nicht mehr der Lebensvision unserer Zeit.“
Reinhard Schneider
Der Agentur-Workaholic mit Overnight-Pitch-Statistik und goldener Kundenkarte beim Lieferdienst - also jung und matt - entspricht nicht mehr der Lebensvision unserer Zeit. Wir müssen als Branche nicht nur vernünftigere Arbeitszeiten, sondern auch flexiblere Lösungen anbieten. Das gilt sowohl bei Neueinstellungen, aber genauso auch für Mitarbeiter, die bereits bei uns sind. Werbung geht nämlich auch in Teilzeit. Zwar nicht mit Stempelkarte, nicht für jeden und auch nicht in jeder Position. Aber wenn ich weiß, wofür der Mitarbeiter brennt, dann bin ich als Arbeitgeber durchaus bereit, ihm seinen Beruf um seine Berufung herum zu arrangieren. Selbst in Agenturen sind Vier- manchmal auch Drei-Tage-Wochen realisierbar. Vorausgesetzt die Arbeitsverteilung ist vernünftig geplant. Bei Plan.Net Campaign arbeiten derzeit bis zu 10 Prozent unserer Mitarbeiter mit flexiblen Arbeitszeitlösungen. Darunter sind Eltern, die vier oder fünf Tage bis zum frühen Nachmittag tätig sind. Berater, die aus persönlicher Leidenschaft, einen Tag die Woche selbst etwas aufbauen wollen - und sei es eine Stiftung in Brasilien. Oder Kreative, die sich auch als Musiker verdient machen und an zwei Tagen in einer Band tätig sind. Kreative Menschen, auch in der Digitalbranche, haben selten nur eine spezielle Begabung. Wenn wir diese Talente nachhaltiger an uns binden oder überhaupt erst gewinnen wollen, sollten wir ihnen Zeit einräumen, einer zweiten Berufung zu folgen.

Das klingt erst mal naiv, fast ein bisschen karitativ und passt scheinbar gar nicht zum vorherrschenden Image von Agenturen. Ganz im Gegenteil: Jemand, der freiwillig auf einen prozentualen Teil seines festen Gehaltes verzichtet, um einer privaten Leidenschaft nachzugehen, zeigt in der Regel auch wesentlich mehr Leidenschaft im Office. Das sind genau die Menschen, die wir als digitale Strategen, Kreative und Berater brauchen.
„Kreative Menschen haben selten nur eine spezielle Begabung. Wenn wir diese Talente nachhaltiger an uns binden oder überhaupt erst gewinnen wollen, sollten wir ihnen Zeit einräumen, einer zweiten Berufung zu folgen.“
Reinhard Schneider
Jetzt werden Sie fragen: Wie setzt man so etwas in der Praxis um? Sie sind doch Dienstleister und müssen für ihre Kunden in den Kernzeiten erreichbar sein und kurze Reaktionszeiten sicherstellen? Ja, das sind wir. Und trotzdem haben wir das so organisiert bekommen, dass unsere Kunden zufrieden sind. Dabei haben wir keine grundsätzliche Regel für flexible Arbeitszeiten, sondern entscheiden im Einzelfall und individuell, welche Lösung umgesetzt werden kann. Ganz wichtig für unsere Entscheidung dabei ist, mit welchen Motiven die Mitarbeiter ihren Wunsch begründen.

Klar sagt die innere Stimme von Geschäftsführern und Personalverantwortlichen erst mal häufig: "Das klappt nicht." Das ging uns anfangs genauso. Nur hat unsere  Erfahrung zeigt: Gut geplant kann das sehr wohl klappen. Flexible Arbeitszeitlösungen helfen uns, die richtigen Leute an uns zu binden. Außerdem geben sie uns die Möglichkeit, in Bewerbungsgesprächen beim Thema Arbeitszeit öfter mal in angenehm überraschte Gesichter zu blicken.
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