Matthias Schäfer, Interone

Matthias Schäfer, Interone

Agile Agentur-Teams Warum Kreative auch mal aus der starren Scrum-Methode ausbrechen müssen

Dienstag, 23. Januar 2018
Agile Arbeitsmethoden wie Scrum haben sich inzwischen auch im Agenturalltag etabliert. Doch kommt bei all den Sprints, den Daily Scrum Meetings und den Anweisungen unnachgiebiger Scrum-Master nicht die kreative Idee zu kurz? Matthias Schäfer glaubt das schon. In seinem Gastbeitrag für HORIZONT Online erklärt der Chief Creative Officer und Geschäftsführer von Interone, wie sich Kreativpower in agilen Teams noch besser organisieren lässt.
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Die Sache mit den Ideen

Menschen haben Ideen - auf dem Fahrrad, unter der Dusche, im Garten, beim Einschlafen oder Aufwachen, beim Lesen, Wandern oder Laufen. Manchmal in der Agentur und sogar beim Brainstorming, oft auch sonst wo. Sehr selten aber – wenn wir ehrlich sind – beim Sprinten. Weil ein atemloser Kurzstreckenlauf volle Konzentration verlangt auf eben diese eine Aufgabe, die da absolviert wird. Ein Abweichen, Innehalten oder Abbiegen, wie manche Idee es verlangt - ein Umweg gar - gefährdet nicht nur den Erfolg, es macht das ganze Unterfangen zunichte.

Nun reiht ein agiles Projekt Sprints aneinander, um in überschaubaren Distanzen testbare und belastbare Ergebnisse zu schaffen. Da hadert die Artdirection, da lamentiert die Strategie – doch das Sprintende naht und lässt kaum Zeit für den neuen, überraschenden Weg. Natürlich warten Backlog und „Parkplatz“ auf Ansätze, die gerade nicht in den Sprintzeitraum passen. Herausragende Ideen, ungesehene Lösungen und die Zeitkorsetts von zwei- oder dreiwöchigen Sprints vertragen sich dennoch nicht immer.

Es lebe der Unterschied

Dies ist kein Plädoyer gegen agiles Arbeiten in fachübergreifenden Teams aus UX/UI und Development, aus Kreation und Technik. Es ist ein Plädoyer für den Unterschied, den der kreative Anspruch von Agenturen gerade in agilen Projekten machen sollte. Diesen Unterschied schulden wir den Marken, die wir betreuen. Er tauscht das für alle Richtige und ewig Gleiche gegen das Besondere - und er lässt sich nicht in Storypoints fassen. Stattdessen helfen ein paar pragmatische Vorschläge, kreative Exzellenz und agiles Arbeiten zu verbinden.

1.

Die Rampe bauen

Es beginnt zu Beginn. Eine strategisch konzeptionelle Ramp-up-Phase, gerne auch „Productvision“ genannt, beleuchtet grundlegende Projektfragen. Was soll das digitale Produkt können? Und vor allem was nicht? Folgen wir dem Trend oder prägen wir einen neuen? Planen wir den Minimalansatz oder den nächsten Industriestandard? Egal ob digitales Ökosystem, schlankes Kampagnenportal, performante Salesplattform oder App: Die Meinungen am Tisch sind oft diffus, ihre Varianz steigt mit der Anzahl der besetzten Stühle. Kritisch ist das auch budgetär, denn zwischen „schnell und pragmatisch“ oder „umfassend und abgefahren“ liegen oft Welten.

Das Ziel dieser Phase liegt daher auf der Hand: ein gemeinsames Verständnis des angestrebten digitalen Produktes. Auf dem Weg dorthin gilt es, jenseits von Mikro-Userstories und technischen Anforderungen Raum für das große Ganze, für Ideen, Anspruch und den Unterschied zu schaffen. Befeuert durch Benchmarks, präzisiert durch Nutzerdatenanalysen, konkretisiert durch Workshops und veredelt durch Designvarianten zentraler Interfaces sollte jetzt der erhoffte Beitrag des Produktes zum Markenerlebnis skizziert werden. Die Grundlage für eine differenzierende Umsetzung, die dem Nutzer so hilft, wie nur diese spezifische Marke es kann.

Insgesamt entsteht ein Konsens in Bezug auf zentrale Fragestellungen. Das mag mühselig und kann aufreibend sein. Im agilen Sprintmodus aber werden diese grundsätzlichen Fragen kaum mehr beantwortet. Da wird nämlich produziert. Was? Das sollte man vorher wissen.   

2.

Agile Kreation

Auch in den Sprints lässt sich Raum für kreative Lösungen schaffen. Bei größeren Projekten mit umfangreichen Einzelfeatures etwa helfen kreative „Visionssprints“. Mini-Ramp-Ups für komplexe Interfaces, die sich beispielsweise durch Designthinking-Methoden effektiv gestalten lassen. Kunde und Agentur erhalten ein klares Bild der nächsten Schritte inklusive erster Designvarianten.

Je nach Charakter des Projektes hat es sich auch bewährt, UX/UI-Sprints von Development-Sprints zu trennen. Erst wenn Design und Interface stehen und alle konzeptionellen Fragen geklärt sind, beginnt die technische Entwicklung. Dieser „vorlaufende“ UX/UI-Sprint ist nicht die reine Lehre, schafft aber Raum. Zum Beispiel für intensive Kundenabstimmungen, neue Ideen oder disruptive Designansätze, die mehrere Features betreffen und verbinden. Zur gleichen Zeit können die Entwickler andere Features bauen. Das Projekt steht nicht still.

Jede dieser Varianten kann weiterhin durch integrierte Teams aus UX/UI und Technik verfolgt werden. Die Beteiligung der Gewerke wird nur nach Phase entzerrt und passgenauer verteilt. Nicht jede Designdiskussion braucht Beistand von Entwicklern, nicht jedes Stück Code braucht einen UX-Experten, der Händchen hält.

3.

Standards werden Standard

Auch ein digitaler Styleguide hilft, ein hohes Design-Niveau zu etablieren. Gerade bei parallel arbeitenden Teams und komplexen Features lässt sich so die digitale Visualität einer Marke sichern und weiterentwickeln. Egal ob irgendwo Apps, Microsites oder digitale Features gebaut werden: Alle Stakeholder können auf CI-konforme Elemente – oft bereits mit Code hinterlegt – zugreifen. Das stärkt die Marke im digitalen Raum und spart Kosten, da nicht jedes Element neu gebaut werden muss.

4.

Marken brauchen mehr als Software

Bei Interone sehen wir Scrum als zeitgemäßen Weg, agil digitale Produkte zu entwickeln – nicht mehr und nicht weniger. Also definieren wir bereits vor dem Start eines Projekts Anspruch und Rahmenparameter - sowie genug Flexibilität, um kreativ nachzujustieren. Kreativer Anspruch und effiziente Produktion werden gemeinsame Treiber digitaler Markendifferenzierung. Das Design-Thinking Credo „Make sure you design the right thing, then design the thing right“ gilt auch hier. Wer schickt schon einen Sprinter ohne Vorbereitung auf die Bahn – vor allem, wenn er danach gleich ins nächste Rennen muss.
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