Bärbel Unckrich

Bärbel Unckrich

ADC Night of Honour Testosteron-Überschuss

Donnerstag, 23. Februar 2017
Heute Abend vergibt der deutsche Art Directors Club im Rahmen der Night of Honour seine traditionellen Ehrentitel. Anfang der Woche gab es für die Gäste schon mal die Information, wer die Laudationes auf das neue Ehrenmitglied Jan Böhmermann, den posthum für sein Lebenswerk gehrten Fotografen Daniel Josefsohn sowie den Kunden des Jahres Hans-Christian Schwingen (Telekom) hält: Matthias Kalle („Zeit Magazin“), Thomas Lindner („FAZ“) und Christoph Amend (ebenfalls „Zeit Magazin“). Fällt Ihnen irgendetwas auf?

Jan, Daniel, Hans-Christian, Matthias, Thomas, Christoph. Der Club, der Ende 2015 groß getönt hat, die Branche brauche mehr weibliche Vorbilder, stellt wieder einmal nur Männer auf die Bühne. Also fast. Dazu später mehr. Zunächst zurück zum Oktober 2015: Damals hatte der ADC angekündigt, dass er mehr weibliche Mitglieder aufnehmen wolle und ausschließlich Frauen auf seiner Night of Honour 2016 auszeichnen werde, um damit ein Zeichen zu setzen. Seinerzeit befürchteten einige renommierte Kreative, es handele sich nur um ein kurzes Strohfeuer. Eine PR-wirksame Initiative, die schnell wieder verpuffen werde. Sie sollten leider recht behalten.

Petri Kokko_Stephan Vogel
Bild: ADC/Google

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Das Gender & Diversity-Thema ist zweifellos anstrengend. Es erfordert ein kontinuierliches "am Ball bleiben", um nicht in alte Muster zu verfallen. Das zeigt eben auch die aktuelle Night of Honour. Zweifellos hat jeder einzelne Preisträger seine Auszeichnung verdient und wird heute Abend zu Recht auf der Bühne gefeiert. Dennoch darf man sich fragen, ob es nicht auch die eine oder andere weibliche Alternative gegeben hätte? Die Argumente für die prämierten Herren waren stärker? Auch okay. Aber es wäre schön gewesen, hätte der ADC wenigstens starke Frauen als Laudatorinnen auf die Bühne gebeten. Nur um zumindest ein kleines Zeichen zu setzen, dass die Frauen-Initiative nicht völlig in Vergessenheit geraten ist.

Motiv aus der ADC-Kampagne 2017 von Jung von Matt
Motiv aus der ADC-Kampagne 2017 von Jung von Matt (Bild: ADC)
Ach halt, immerhin eine Frau wird heute Abend ja doch einen Preis entgegennehmen: Jo-Marie Farwick. Die Gründerin von Überground und ihr Team sind die Rookie Agentur des Jahres. ABER: Diese Auszeichnung hat Farwick - im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Ehrentitelpreisträgern - nicht den überwiegend männlichen Club-Mitgliedern zu verdanken. Sie hat ihn sich allein durch ihre kreative Leistung verdient: Der Preis geht jedes Jahr an diejenige neu gegründete Agentur, die beim ADC-Wettbewerb des Vorjahres die meisten Preise gewonnen hat. Vielleicht ist das ja sogar ein noch viel stärkeres Signal, dass die derzeit beste Newcomer-Agentur von einer Frau geführt wird.

Und für alle Fans von harten Fakten, hier der Beleg, wie sich die Frauenquote im ADC seit Ende 2015 verändert hat: Sie ist von 13,5 Prozent auf 14,9 Prozent gestiegen. In Mitgliederzahlen heißt das: Der Kreativclub setzt sich aktuell aus 699 männlichen und 104 weiblichen Kreativen zusammen. Bis zur Gleichberechtigung ist es also immer noch ein sehr weiter Weg. bu

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