Mirko Kaminski, achtung!

Mirko Kaminski, achtung!

ADC Die große Lust an der Selbstverstümmelung

Montag, 15. Mai 2017
Mirko Kaminski, Gründer, Inhaber und Geschäftsführer von Achtung, ist Novize im ADC und saß dieses Jahr erstmals in der Jury des Kreativwettbewerbs. Als Neuling wundert sich Kaminski darüber, dass gerade jene, die von den Stärken des ADC profitieren wollen und könnten, ihn gleichzeitig immer wieder lustvoll öffentlich kritisieren und auf diese Weise diskreditieren. Woher kommt die Lust an ADC-Attacken unter Mitgliedern, fragt sich Kaminski in seinem Gastbeitrag für HORIZONT Online. Und woher der Angriffsdrang unter Agentur-Köpfen, deren Agenturen eigentlich von einem starken ADC profitieren könnten?
Themenseiten zu diesem Artikel:

ADC Mirko Kaminski Art Directors Club


Unternehmen und Menschen schließen sich zusammen, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Ziele, die sie allein niemals realisieren könnten. Deshalb gibt es Vereinigungen wie den Verband der Köche Deutschlands e.V., den Verband der deutschen Fruchtsaft-Industrie e.V. und den Verband der Restauratoren e.V. Und deshalb gibt es den Art Directors Club für Deutschland e.V. Irgendwie ja auch sozusagen ein Verband, wenn auch kein klassischer. Aber schon eine Organisation, die Lobbyarbeit betreibt. Und zwar für Kreativität und die Kraft von Ideen. So eine Organisation kann aber nicht ihre volle Wirkung entfalten, wenn Mitglieder und Nahestehende regelmäßig "Säure-Attacken" starten.


Ein offensichtlicher Widerspruch: Einem Verband mit dem Motiv, von ihm und seiner Stärke zu profitieren, beizutreten oder ihn anderweitig zu fördern, ihn dann aber regelmäßig öffentlich anzuprangern und so zu schwächen. Man könnte auch sagen, das hat etwas von Selbstverstümmelung. Bei anderen Organisationen passiert das – abgesehen von politischen Parteien – nicht oder kaum. Sonst sind wohl lediglich Akteure in Parteien auch ganz weit vorne, wenn es um Organisations-Demontage geht. Dem ADC passiert das permanent: Sabotage durch Mitglieder und "Freunde". Mich als Neuling im ADC beschäftigt das. Und ich versuche, mir das zu erklären.

Wer wird schon dem Anspruch des kritischten Publikums Deutschlands gerecht?

Die ADC-Mitglieder und all die Menschen drumherum: Vielleicht das kritischste Auditorium Deutschlands! Ein hochdekorierter Texter im Publikum muss schon über seinen eigenen Schatten springen, um bei der ADC-Gala über einen Gag auf der Bühne zu lachen. Oder aber der Gag muss wirklich grandios sein. Ein mit ADC-Nägeln überhäufter Event- und Messe-Profi muss schon Fünfe gerade sein lassen, um mit Blick auf ADC-Events ein entspanntes Wohlwollen zu zeigen. Dem Anspruch dieses kritischen Publikums kann man kaum gerecht werden. Aber werden alle – gerade Mitglieder – dem legitimen, aber doch nur klitzekleinen Anspruch des ADC gerecht, Verbesserungen der ADC-Geschäftsführung direkt vorzuschlagen und dann womöglich sogar an der Weiterentwicklung mitzuarbeiten, anstatt Mängel öffentlich anzuprangern?

Klar: Mit Stänkern dringt man eher durch

Gerade unsere Branche ist geprägt vom Wettbewerb um Visibilität und Wahrnehmung. Wer vorne mitspielen will, tut gut daran, aufzufallen. Und in diesem Zusammenhang ist es schon fast zu profan, es überhaupt zu erwähnen, aber: Mit beißender Kritik, mit scharfem Spott und ätzenden Sarkasmus erwirbt man sich schneller und einfacher Publikum und Bühne als mit Lob, Würdigung und konstruktiven Vorschlägen. Ein Lob der ADC-Veranstaltung? Null Likes! Kritik an den Plakaten zum Festival: Etliche Likes und Shares! Und solche Kommunikation auf Kosten eines anderen, fällt vor allem dann besonders leicht, wenn der andere sich nicht wehren kann. Denn der ADC wird einen Teufel tun und sich öffentlich einem eigenen (zahlenden) Mitglied oder dem Geschäftsführer einer Agentur entgegenzustellen, die regelmäßig Arbeiten einreicht und Gebühren dafür bezahlt.

Wer aber solche öffentlichen Attacken um der kurzfristigen Resonanz willen fährt, verliert aus den Augen, was er langfristig einbüßt: Als Agentur-Arbeitgeber und als Kreativ-Dienstleister von der Ausstrahlung eines maximal kraftvollen ADC profitieren zu können.
„Die Nägel sind nur dann ein Maximum wert, wenn das "ADC" auf ihnen größtmöglich strahlt.“
Mirko Kaminski

Exklusivität provoziert

Bei anderen Organisationen wird man Mitglied, indem man den Aufnahmeantrag unterschreibt und seinen Beitrag bezahlt. Der ADC aber hat eine harte Tür. So etwas Exklusives und Elitäres wird mit Arroganz assoziiert und provoziert daher. Das reizt gerade Menschen, die gar keine Chance haben, überhaupt jemals Mitglied werden zu können. Und zwar schon allein deshalb nicht, weil sie ein ganz anderes Aufgabenfeld als "Kreativität" haben. Gemeint sind Menschen, die einen wahnsinnig tollen Job machen, Koryphäen sind und als Benchmarks gelten, nur eben zum Beispiel Top-Stratege, Top-Berater oder Nicht-CCO in der Geschäftsführung sind.

Neben der öffentlichen Kritik durch ADC-Mitglieder selbst gibt es ja oft von Gemäkel von Branchen-Persönlichkeiten, die ganz andere Jobs als "Kreativität" haben. Aber auch oder gerade sie müssten eigentlich ein Interesse an einem starken ADC haben, denn auch sie brauchen Kreativ-Nachwuchs und profitieren von Nägeln, die ihre eigene Agentur dort gewinnt. Aber die Nägel sind nur dann ein Maximum wert, wenn das "ADC" auf ihnen größtmöglich strahlt.

Berater und Kreative: Eine komplizierte Beziehung

Dass die Kritik so oft eher aus der Beratungsecke kommt, dürfte daran liegen, dass die Beziehung zwischen Beratern und Kreativen zuweilen eine komplizierte ist. Und allerhand Kreative machen es ihren Kollegen mit einem divenhaften Auftritt und möglichweise fehlendem Verständnis für Berater- und Business-Interessen auch nicht leicht. Berater müssen darauf aber auch nicht zwangsläufig mit Augenrollen und Sarkasmus antworten. Jemandem, der sich vielleicht als Künstler betrachtet, ist eben wichtig, dass seine Werke ausgestellt werden und Anerkennung finden. Und der ADC ist eine solche Bühne. Und die ganze Agentur hat etwas davon, wenn auf dieser Bühne mal das Licht auf sie fällt. Ein Agentur-Geschäftsführer, der auf Facebook die gewonnenen Nägel feiert, aber am gleichen Tag den ADC kritisiert und damit ein bisschen diskreditiert, stellt doch selbst den Wert der gerade eingeheimsten Nägel infrage.
„Klischees gegenüber dem ADC zu verstärken, um kurzfristig Resonanz zu erzielen, bedeutet, das Image des ADC zu schwächen.“
Mirko Kaminski

Mit Klischees ist schnell was zu holen

Mit Klischees zu arbeiten oder sie gar zu verstärken, ist einfacher als ihnen Entgegengesetztes zu äußern und zu posten. Viele der Klischees gegenüber dem ADC mögen tatsächlich ihre Wurzeln haben, ich als Neuling aber erlebe, dass in vielen Fällen beherzt daran gearbeitet wird. Ja, da sind in der Tat zum Beispiel noch viel zu wenige Frauen im ADC. Und für einen kritischen Kommentar unter dem Foto einer ADC-Teil-Jury mit fast nur Männern ist einfacher was zu holen als mit einer differenzierten Analyse, was konkret getan werden kann, damit sich etwas ändert.

Klischees gegenüber dem ADC zu verstärken, um kurzfristig Resonanz zu erzielen, bedeutet, das Image des ADC zu schwächen. Wenn man mittel- oder unmittelbar vom ADC profitieren will, ist das aber kontraproduktiv. Wohlgemerkt: Klar, es ist noch einiges zu tun. Aber eben zu tun und nicht nur zu teilen und zu posten.

Hilft so etwas wie ein Beirat?

Auch Agenturgeschäftsführer, die keine Kreativen sind, auch Recruiting-Verantwortliche in Agenturen, auch Beratungschefs, auch Strategen in Agenturen müssten eigentlich ein Interesse an einem starken ADC haben. Sie könnten sich als dem ADC nahestehend betrachten. Oft aber kommt, wie schon erwähnt, ausgerechnet aus diesen Reihen Kritik. Liegt es daran, dass es für Nicht-Mitglieder mit Interesse am ADC außer der Öffentlichkeit bislang kein Forum gibt? Liegt es daran, dass für Stakeholder außerhalb der eigentlichen Mitgliederschaft keine oder zu wenige Möglichkeiten für Anregungen, Mitwirkung und Mitgestaltung existieren? Eine kritisch-konstruktive Anregung, die zum Beispiel in einem möglichen Beirat geäußert wird, könnte eine sein, die dann nicht als beißender Kommentar auf LinkedIn oder Twitter öffentlich formuliert wird.

Logisch, an die Schwächen muss man ran

Ich fordere keineswegs dazu auf, den ADC in der Branchenöffentlichkeit ab jetzt nur noch zu loben. Schon gar nicht grundlos zu loben. Wäre ja totaler Quatsch! Denn der ADC hat – wie jede Organisation – Schwächen. Zum Teil gravierende. Da sind noch zu wenig Junge, da sind noch zu wenig Frauen, da sind noch zu wenig Kreative aus anderen Branchenteilen wie zum Beispiel PR oder Content Marketing im ADC. Und die Relevanz von großen Themen wie Branded Content spiegelt sich vielleicht noch nicht in der Jury-Struktur und der Zahl der hier verliehenen Nägel wider.

Das kann man kritisieren, um Veränderung anzustoßen. Meine Beobachtung als Novize aber ist, dass an diesen Schwächen bereits gearbeitet wird – übrigens, so mein Eindruck, beherzter als in manch anderem "Verband". Ob die öffentliche, zum Teil beißende Kritik von eigenen Mitgliedern und Nahestehenden, mit der dann aber keinerlei Mitarbeit und Mitgestaltung einhergeht, hilft, den ADC zu verbessern? Nein. Sie lässt ihn nur schlechter dastehen.

Man muss und sollte nicht alles am ADC mögen. Man muss aber auch nicht jeden kleinsten Mangel reflexartig an den Pranger stellen. Denn das schwächt eine gemeinsame Sache, die es heute mehr denn je braucht: eine starke Lobby für Kreativität. Eine Lobby gegen Zaudern, Inkompetenz und Mittelmaß. So meine Meinung. 

Meist gelesen
stats